Mautner Markhof

Die Mautner Markhof AG war ein Lebensmittelhersteller im Besitz der Familie Mautner Markhof.

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Lagerbier

Ignaz Mautner kam 1840 nach Wien und pachtete die Brauerei Sankt Marx, die er 1857 kaufen konnte. Durch Einführung der Dampfmaschine 1845 gelang es ihm, die Produktion erheblich zu steigern und eine selbst erfundene Kühlmaschine zu betreiben, mit der das von seinem Konkurrenten Anton Dreher senior erfolgreich eingeführte untergärige Wiener Lagerbier ganzjährig produziert werden konnte. In der Folge wurden Kühlhäuser unter dem Patentnamen „Normal-Bierlagerkeller System Mautner“ errichtet. Der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens beruhte auf Bier und seinen Nebenprodukten Backhefe und Rohspiritus.

Presshefe

Die Bäcker waren besorgt, weil durch den untergärigen Brauprozess weniger Hefe anfiel, und drängten die Hersteller zu einer Lösung. Ein Meilenstein Mautner Markhofs war die Entwicklung der industriellen Fertigung von Presshefe, die sich weltweit durchsetzte.[1] Mit dem Grazer Brauherrn Johann Peter von Reininghaus und dessen Bruder Julius, der Chemiker war, entwickelte Mautner 1847 ein Verfahren („Wiener Abschöpfverfahren“), das 1850 in Produktion ging.[2]

Mautners Söhne Karl Ferdinand (1834–1896) und Georg Heinrich (1840–1904) vergrößerten das Unternehmen und gründeten in Floridsdorf 1864 eine von der Bierproduktion getrennte Presshefe- und Spiritusfabrik. 1872 wurde dort eine Mälzerei angegliedert, 1892 die Brauerei zum St. Georg eröffnet. [3] Die Brauerei Sankt Marx war unter Karl Ferdinand zur drittgrößten auf dem europäischen Kontinent geworden, unmittelbar nach der Brauerei Schwechat von Anton Dreher junior, bevor sie unter der weniger erfolgreichen Leitung seines Sohnes Viktor Mautner Markhof (1865–1919) im Jahr 1913 mit den Brauereien Schwechat und Simmering (Th. & G. Meichl) zu den „Vereinigten Brauereien Schwechat, St. Marx, Simmering AG“ fusioniert wurde.[4]

Essig und Senf

Seit 1913 wurde die Produktion auch auf andere Lebensmittel wie Senf und Essig erweitert. Die Rohstoffbasis für Presshefe wurde von Getreide auf Zucker und Melasse umgestellt. 1927 wurde der Hesperiden-Essig erfolgreich eingeführt. Nach dem „Anschluss Österreichs“ 1938 entging das Familienunternehmen der Enteignung, weil die Nationalsozialisten die Mautner Markhofs als „nicht jüdisch, aber auch nicht arisch“ einstuften.[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Fabriken schwere Zerstörungen erlitten, expandierte die Feinkostsparte mit weiteren Produkten wie Sirup, und Mautner Markhof wurde zu einem führenden Unternehmen der österreichischen Nahrungsmittelindustrie. Manfred Mautner Markhof senior baute die Brauerei Schwechat wieder auf.

Die Hefefabrik war in den 1970er Jahren Gegenstand früher Bürgerproteste gegen industrielle Umweltbelastung.[6] 1978 fusionierten die Brauereien mit der Brau AG (heute Brau Union). Seit 1984 notierten stimmrechtslose Vorzugsaktien der Mautner Markhof AG an der Börse.[7] In den 1990er Jahren wurden Tochtergesellschaften in Ungarn, Polen und Kroatien gegründet.[8] 1997 wurde die Vermarktung der Spirituosen abgegeben. 2001 zog sich die Familie aus der Mautner Markhof Feinkost GmbH zurück, die an das bayerische Familienunternehmen Develey Senf & Feinkost verkauft wurde. 2003 übernahm die niederländische Brauerei Heineken die Aktienmehrheit der Brau Union.[9]

Versuchter Neustart

Die Stammaktien der zuletzt noch als Holding bestehenden Mautner Markhof AG (MMAG) befanden sich weiter in Familienbesitz; zuletzt führte Manfred Leo Mautner Markhof die Geschäfte des Unternehmens. Versuche, mit einer Matmar AG durch Ankäufe wieder in die Feinkostbranche einzusteigen (u. a. durch Übernahme des Feinkostunternehmens Spak und des Fischerverarbeitungsunternehmens Ozean), neben einem Einstieg in die Immobilienbranche, schlugen fehl. Im Jahr 2008 geriet die Familienholding Mautner Markhof AG (MMAG) in finanzielle Schwierigkeiten. Die Gesellschaft hätte nach einem Ausgleich „still liquidiert“ werden sollen.[10] Am 23. Dezember 2008 verfügte das Handelsgericht Wien die Eröffnung des Konkurses über das Vermögen der MMAG. Von den damaligen Verbindlichkeiten von rund 27,9 Millionen Euro waren circa 80 Gläubiger betroffen.[11] Als letzter Rest des traditionsreichen Familienunternehmens in der Hand der Familie existieren nur mehr eine (den Brüdern Manfred Leo und Theodor zu je 50 % gehörende) HMT Industriebeteiligungs GmbH sowie eine 100 %-Tochter namens HMT Liegenschaftsbeteiligungs GmbH.[12]

Einzelnachweise

  1. Adolf Ignaz Mautner von Markhof. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 6, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1975, ISBN 3-7001-0128-7, S. 165 f. (Direktlinks auf S. 165, S. 166).
  2. Gerhard A. Stadler: ‚Es hat fürchterlich gestunken, grauenhaft!‘ Bürgerprotest gegen Umweltbelastungen aus der Hefefabrik, in: Torsten Meyer und Marcus Popplow (Hrsg.): Technik, Arbeit und Umwelt in der Geschichte, Münster: Waxmann 2006, S. 395-404, hier S. 396
  3. Georg Heinrich Mautner von Markhof. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 6, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1975, ISBN 3-7001-0128-7, S. 166 f. (Direktlinks auf S. 166, S. 167).
  4. Karl Ferdinand Mautner von Markhof. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 6, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1975, ISBN 3-7001-0128-7, S. 167.
  5. Ulrike Felber u.a.: Ökonomie der Arisierung. Teil II: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen, Wien: Oldenbourg 2004, S. 810
  6. Gerhard A. Stadler: ‚Es hat fürchterlich gestunken, grauenhaft!‘ Bürgerprotest gegen Umweltbelastungen aus der Hefefabrik, in: Torsten Meyer und Marcus Popplow (Hrsg.): Technik, Arbeit und Umwelt in der Geschichte, Münster: Waxmann 2006, S. 395-404
  7. Eintrag zu Mautner Markhof AG in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online  (auf AEIOU), abgerufen am 26. Okt. 2012
  8. http://listofcompanies.co.in/mautner-markhof-nahrungs-und-genussmittel-beteiligungsaktiengesellschaft/, abgerufen am 25. Okt. 2012
  9. Hans Peiniger: Heineken schluckt die BBAG um 1,5 Milliarden, in: Wirtschaftsblatt, 3. Mai 2003, http://wirtschaftsblatt.at/archiv/unternehmen/837122/
  10. Kid Möchel: Außergerichtlicher Ausgleich geplant: Mautner Markhof AG steckt in finanziellen Schwierigkeiten. In: Wirtschaftsblatt, 14. November 2008. Abgerufen am 24. Jänner 2008
  11. WirtschaftsBlatt: Mautner Markhof AG stolpert über Spak-Verkauf. In: WirtschaftsBlatt vom 22. Dezember 2008. Abgerufen am 19. November 2010.
  12. HMT Industriebeteiligungs GmbH. Eintrag auf firmenabc.at, abgerufen am 26. Oktober 2010.