Unser Land (Kärnten)

Hinweisschild am Klagenfurt Hauptbahnhof

Unser Land ist eine von einem Verein getragene Initiative im österreichischen Bundesland Kärnten, die sich zum Ziel setzt, durch eine Vielzahl von Projekten in einem Zeitraum von acht Jahren (2012-2020) das Zusammenleben der deutsch- und slowenisch-sprachigen Volksgruppen in Kärnten zu verbessern.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Hintergrund

Etwa ab dem Jahr 1000 siedelten sich im slawischen Karantanien baierische Adelige an. Später kamen deutschsprachige Neusiedler in die noch nicht von den Slawen besiedelten Landesteile, vor allem in höheren Lagen und in Oberkärnten. Über achthundert Jahre war das Nebeneinander der (Sprach)kulturen kein Problem. Bezugspunkt war die jeweilige Grundherrschaft und nicht der Nationalstaat. Mit dem Aufkommen des Nationalismus des 19. Jahrhunderts entstand die Idee, dass die Sprache und nicht der gemeinsame Lebensraum, das stärkste verbindende Element sei. Als der vom Kaiserreich Österreich-Ungarn maßgeblich verursachte Erste Weltkrieg verloren war, wurde Kärnten durch die Alliierten auf die heutige Größe verkleinert. Der Friedensvertrag von St. Germain sah eine Volksabstimmung in Südkärnten vor; ohne Abstimmung wurden das Kanaltal Italien und das Mießtal, Unterdrauburg und die Gemeinde Seeland (Kankertal) dem SHS-Königreich zugeschlagen. SHS-Truppen versuchten, das slowenischsprachige Südkärnten zu besetzen, und es kam zur bewaffneten Auseinandersetzung von Verbänden der provisorischen Kärntner Landesregierung (Kärntner Abwehrkampf). In der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 stimmten in der südlichen „Zone A“ (mit rund 70 % slowenischem Bevölkerungsanteil und von Truppen des SHS-Staates besetzt) 59 % für den Verbleib bei Österreich. In der Zeit danach wurde der Abwehrkampf vielfach kontrovers diskutiert bzw. durch die Politik instrumentalisiert. Es kam zu Vereinfachungen und Verzerrungen, die auch durch die sich etablierende Festtagskultur zum 10. Oktober gefördert wurden. Der Assimilationsdruck auf die slowenische Minderheit erhöhte sich in der Zwischenkriegszeit und im Ständestaat stetig und fand seinen Höhenpunkt in der geplanten Aussiedelung der Kärntner Slowenen durch die Nationalsozialisten. Diese politische Situation, begünstigt durch die topografisch Lage in der Nähe der wenig besiedelten Karawanken, ermöglichte einen militärischen Widerstand gegen das 3. Reich durch eine Partisanenarmee. Diese Eskalation der Gewalt hat die Bewohner des gemischtsprachigen Gebiets über viele Jahrzehnte geprägt.

Die Initiative und der Verein

Gallus Chor (2011)

Vor dem Hintergrund der Lösung der Ortstafelfrage und dem zunehmenden Bedeutungsverlust nationaler Grenzen durch die EU-Mitgliedschaft von Österreich und Slowenien findet die Initiative „Unser Land“, dass es Zeit ist, den Blick wieder in die Zukunft und auf den gemeinsamen Lebensraum zu richten. Ausgangspunkt war die Idee, zwei Chöre, einen deutsch und einen slowenisch singenden, gemeinsam auf eine Bühne zu bringen. „Die Geschichte und der Abstand zwischen den Volksgruppen beeinflussen Kärnten nachhaltig. Unser Land unterstützt deren kontinuierliche Annäherung bis zum Zusammenwachsen mittels Mitorganisation, Dokumentation und Kommunikation von Aktivitäten. Und das bereichsübergreifend vor allem in Gesellschaft, Kultur, Bildung, Sport, Wirtschaft, Kunst, Soziales.“[1] Mit vollen Namen heißt der Verein „Unser Land zusammenwachsen.at – rastimoskupaj.at – Unser Land". Er hat seinen Sitz in 9020 Klagenfurt / Celovec, und erstreckt seine Tätigkeit insbesondere auf Kärnten, Steiermark, Burgenland, Slowenien, Kroatien und Italien.[2] Der Verein will die Menschen im Lande so weit „verzahnen“, dass bei der 100-Jahr-Feier zur Volksabstimmung am 10. Oktober 2020 Mehrheit und Minderheit zusammen feiern und im Landhaushof tanzen. Ziel der überparteilichen Initiative ist es, die im 20. Jahrhundert entstanden Gräben zwischen den Kärntner Volkskulturen wo immer möglich, zu überwinden.[3] Führende Initiatoren sind der Kammerchor Klagenfurt-Wörthersee mit dessen Chorleiter Christian Liebhauser-Karl sowie der Gemischter Chor Jakob Petelin Gallus (Mešani Pevski Zbor Jakob Petelin Gallus) und dessen Obmann Miha Kampuš. Als Hauptsprache wählte die Initiative ganz bewusst Deutsch.[4] Das Webangebot ist zweisprachig gestaltet.

Den Auftakt der Veranstaltungen bildete ein organisierter Flashmob am 2. Mai 2012 am Klagenfurter Bahnhof.[5] Über 300 Kärntner Sänger der deutschen und slowenischen Sprachkulturen versammelten sich und sangen gemeinsam. Mit dabei waren unter anderem Schulchören des Gymnasiums Völkermarkt und des slowenischen Gymnasiums Klagenfurt und die Militärmusik Kärnten. Der ORF interessiert sich für das Projekt und arbeitet an einem 45-Minuten-Film.

Die Projekte und Tätigkeiten des überparteilichen Vereins, der für alle offen ist, aber Funktionären und Organisationen keine Bühne bieten will, werden am 2. Oktober 2012 im Detail vorgestellt. Die kulturellen Veranstaltungen finden 2013 am 3. Oktober, 2014 am 4. Oktober usw. bis es am 10. Oktober 2020 bei der 100-Jahr-Feier der Volksabstimmung zur gemeinsamen Abschlussveranstaltung kommen wird.

Chor-Projekt 2012

Von den Initiatoren wurden Komponisten beider Volksgruppen eingeladen, Werke zum Thema "Unser Land" zu schaffen. „Wir wollen eine Annäherung auf emotionaler und zwischenmenschlicher Ebene. Singen Mitglieder des Kammerchores und des zweisprachigen Gallus-Chores sowie andere Kärntner Chöre gemeinsam Lieder, so ist das gelebtes Zusammenwachsen“, so Christian Liebhauser-Karl.[6] Am 2. Oktober 2012 haben fünf Teilnehmerchöre in beiden Landessprachen in der ausgebuchten Klagenfurter Messehalle vor 1414 Gästen 18 Uraufführungen gesungen.[7] Teilnehmerchöre waren der Kammerchor Chorus Anónymus, Kammerchor Klagenfurt-Wörthersee, Mešani pevski zbor Danica, Mešani Pevski Zbor Jakob Petelin Gallus und Schnittpunkt Vokal. Die Kompositionen lieferten Günter Antesberger, Hanzi Artč, Erwin Berger, Dieter Fließ, Hellmuth Drewes, Josef Inzko, Walter Kraxner, Markus Krainz, Niko Kupper, Huby Mayer, Thomas Modrej, Veit Obersteiner, Hans Pleschberger, Hedi Preissegger, Gerhard Prinz, Jože Ropitz, Friedrich Schwarz jun. und Bruno Strobl. Es wurde auch ein potentiell neues Kärntner Heimatlied – "Heimat im Süden – Kärnten-Koroška" von Günther Antesberger – vorgestellt, in der eine trennende "Blutgrenze" zwischen den Volksgruppen keinen Platz mehr hat.[8]

Konzert 2012

Wirtschafts-Projekt 2012

Der Vereinspräsident und Unternehmer Miha Kampuš hat ein Wirtschaftsprojekt ins Leben gerufen, das zum Ziel hat, kleinen Betriebe in Kärnten und Slowenien beim Überwinden von Sprachbarrieren zu helfen.[9] Ein spezifisches Unternehmerservice "SLOGO" in Kooperation mit dem slowenischen Wirtschaftsverband und der österreichischen Wirtschaftskammer wurde gestartet.[10]

Buch-Projekt 2012

Die Biopgraphin und Schriftstellerin Michaela Türk arbeitet an einem Buch, in dem Kärntnerinnen und Kärntner zu Wort kommen, die gerne im Land leben und arbeiten. Sie stellt Vorbilder mit Bezug zu Kärnten und zu seiner Mehrsprachigkeit vor und fragt nach den Visionen für Kärnten 2020.[11]

Jugend-Projekt 2012

Das Jugendprojekt, ein jährlicher Ideenwettbewerb, wird ab November junge Menschen nach ihren Wünschen, Zielen und Anregungen für ein lebenswertes Kärnten befragen, sagt Geschäftsführerin Isabel Ebner.[12] Thematisiert wird der Bezug junger Kärntner und Kärntnerinnen beider Volksgruppen zur aktuellen Geschichte bzw. Gegenwart des Landes. Eines der Kernthemen Kärnten ist die Abwanderung junger Menschen. „Fragen wir doch jene, die bleiben können und wollen, nach deren Wünschen, Zielen und Anregungen für ein lebenswertes Kärnten.“

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Unser Land:Vision, aufgerufen am 8. Mai 2012.
  2. Unser Land: Statuten, aufgerufen am 9. Mai 2012.
  3. Elke Fertschey: Großer Bahnhof für „Unser Land“. Flashmob mit harmonischen Akzenten für das Zusammenwachsen. In: Kleine Zeitung, 2. Mai 2012, aufgerufen am 2. Mai 2012.
  4. N.N.: Initiative will Volksgruppen zusammenbringen. In: Kleine Zeitung, 2. Mai 2012], aufgerufen am 8. Mai 2012.
  5. Unser Land: Presse-Mappe, aufgerufen am 9. Mai 2012.
  6. Unser Land: Musikalisches Chorprojekt, aufgerufen am 9. Mai 2012.
  7. Elke Fertschey: "Ein neues Kärnten entsteht", in Kleine Zeitung, vom 3. Oktober 2012, zuletzt aufgerufen am 10. Oktober 2012
  8. Elisabeth Steiner: Kärnten: Flashmob mit neuer Hymne, in Der Standard vom 1. Oktober 2012, S. 8, zuletzt aufgerufen am 1. Oktober 2012. Video des Liedes bei der Kleinen Zeitung, zuletzt aufgerufen am 4. November 2012.
  9. WKO: Freundschaftlich Geschäfte in Slowenien anbahnen (Video), zuletzt aufgerufen am 4. November 2012.
  10. WKO: SLOGO – Freundschaftlich Geschäfte anbahnen, zuletzt aufgerufen am 4. November 2012.
  11. Unser Land: Literaturprojekt, aufgerufen am 9. Mai 2012.
  12. Unser Land: Literaturprojekt, aufgerufen am 9. Mai 2012.