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Burschenverband#

Burschen

"Die Bursch'", "Zeche", "Irten", "Rud" nannten sich ländliche Burschenverbände, die kleine, aufeinander abgestimmte Gruppen für Arbeit und Freizeit ("Pass") bildeten. Es war die Altersklasse der Unverheirateten, ab dem Ende der Pflichtschulzeit bis zur eigenen Hochzeit oder den 30. Geburtstag. Der frühere Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Franz Grieshofer, hat darauf hingewiesen, dass der Zusammenschluss in Jungmännergemeinschaften seit der Antike und in allen Kulturen bekannt ist. Über ihre Bedeutung wurde seit der Jahrhundertwende - ideologisch gefärbt - spekuliert. Die Wiener Schule der Altgermanisten und ihre Epigonen sahen in den ländlichen Burschenschaften direkte Nachfolger germanischer Männerbünde und deuteten ihre Bräuche im Sinne der Kontinuität. 

Nach neueren Forschungen haben die Zusammenschlüsse Vorbilder im Rittertum (Knappenschaft), städtischen Zünften, studentischen (Burschenschaft, Burse) und kirchlichen Gemeinschaften (Bruderschaft). Um 1970 konnten Werner Galler und Helmut Fielhauer in Niederösterreich Burschenbrauchtum beobachten, besonders im Hinblick auf den Kirtag und Rügebräuche (Allerheiligenstriezel aus Stroh). Franz Grieshofer stellt fest, dass die Vereinigungen trotz des Strukturwandels in ländlichen Gebieten bestehen, allerdings: "Die ritualisierten Formen des 'Gasslgehens' sind heute weitgehend verschwunden. Die nächtlichen Schwärmereien verlagerten sich in die Discos. Hier finden sich die jungen Leute einer eigenen Gruppendynamik ausgesetzt, in der nicht selten die Regeln des Anstandes außer Kraft gesetzt werden." 

"Die dörfliche Burschenschaft bildet einen geschlossenen Verband mit strengen, meist ungeschriebenen Regeln, spezifischen Ritualen und eigenen Hierarchien." (Grieshofer) Innerhalb dieses Verbandes sind die Jahrgangskameraden der Stellungspflichtigen eine eigene Gruppe. Die Mitgliedschaft steht grundsätzlich jungen Männern aller Sozialschichten offen, doch kann es in einem Ort auch mehrere Burschenverbände geben. Neu Eintretende müssen sich einem Initiationsritual (Burschentaufe mit Quälereien) unterwerfen, mit Wein einkaufen und eine Probezeit absolvieren, um Trinkfestigkeit, Kraft und Mut unter Beweis zu stellen. Charakteristisch für den Burschenverband ist das gemeinsame Zechen, von der sich die Bezeichnung Zeche ableitet. Die Burgenländer nennen sich Rowischburschen, nach dem Kerbholz, auf dem der Wirt die Konsumation vermerkt. Der mit dem Wirtshauszeichen (geschnitzte Figur, Stock mit Bändern...) markierte Stammtisch ist die "Heimat" der Mitglieder. Ihre traditionellen Aufgaben bestehen in der Pflege von Geselligkeit und Tradition, besonders der Organisation von Tanz- und Faschingsveranstaltungen, Kirtagen, Dorffesten usw. 

Interne Anstandsregeln betreffen das Trinken, Tanzen und das Verhältnis zu den jungen Frauen. Das Benehmen ihnen gegenüber ist "von einer eigenartigen Ambivalenz gekennzeichnet", beobachtete Grieshofer: "Es ist geprägt von machohaftem Gehabe, von Machtanspruch und Besitztum, das sich vor allem im Schutz der Burschengemeinschaft manifestiert und aufschaukelt (Imponiergehabe), andererseits zeugt es von Unsicherheit im persönlichen Umgang mit den Mädchen." Dennoch meint der Forscher, die überlieferten Bräuche und Zeichen würden von den Mitgliedern der dörflichen Gemeinschaft verstanden: "Sie verlangen konformes Verhalten und den erforderlichen Anstand. Die Regeln dazu erhält man innerhalb der Gruppe vermittelt. Hart und herzlich! Der Altersverband, im Speziellen die Burschenschaft, zeigt sich als Schule für richtiges, d.h. sanktioniertes Benehmen. Damit verschafft die Gemeinschaft dem jungen Menschen das wichtige Rüstzeug um in seiner Sozialisation gefestigt und mit den nötigen kulturellen Praktiken ausgestattet den schwierigen Zeitabschnitt der Jugend überstehen und so die nächste Stufe des Lebens erklimmen zu können." Der Ausstand bei der Verheiratung kostet ein "Loskaufen", womit die Periode der Mitgliedschaft durch deutliche Rites des passage begrenzt ist.


Quellen:
Werner Galler: Kirtag in Niederösterreich. St. Pölten 1984
Franz Grieshofer: Die ländlichen Burschenschaften als Schule für Anstand und Benehmen. In: Kulturen des Benehmens (Hg. Karl R. Wernhardt, Helmut Wagner). Wien 2008. S. 262-277
Arthur Haberlandt: Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs. Wien 1959. Bd  2 / S. 26 f.

Bild: Studentenverbindungen waren ein Vorbild für ländliche Burschenvereine. Farbpostkarte um 1900. Gemeinfrei