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Seele

Das Wörterbuch der deutschen Volkskunde unterscheidet - abgesehen von naturwissenschaftlichen und dogmatischen Bestimmungen - drei Vorstellungen über die Seele: Die Seele als selbstständiges Wesen im Körper (Animismus), die mit dem Körper untrennbar verbundene, mit diesem im "lebenden Leichnam" identische Seele und die Seele als Kraftstoff und Lebensprinzip (Orenda). 

Im 6. Jahrhundert prägte Papst Gregor der Große die Vorstellung von einem Fegefeuer zur Verbüßung zeitlicher Sündenstrafen. Man dachte sich das Purgatorium als Zwischenzustand - Ort oder zeitlicher Prozess - vor in dem die Armen Seelen eine Läuterung durchmachen, bevor sie im Himmel aufgenommen werden. Jacques le Goff (1924-1914), einer der führenden Historiker Europas, veröffentlichte 1984 das Buch "Die Geburt des Fegefeuers - Vom Wandel des Weltbildes im Mittelalter". Darin zeigt er den sozialen Kontext, der im 12. und 13. Jahrhundert zum Aufschwung der Fegefeuer-Lehre führte. Die immer ausgefeiltere Theologie entwickelte sich parallel zum Aufschwung der Städte und des Handels, wobei das Zählen und Rechnen immer wichtiger wurde.

Man versuchte, die Zeit im Fegefeuer zu bemessen und vergab Ablässe. Der Ablasshandel war ein wesentlicher Grund für die Reformation seit 1562 (Konzil von Trient) ist er auch in der römisch-katholischen Kirche verboten. Zuvor war man jedoch überzeugt, dass die Lebenden den Armen Seelen durch gute Werke helfen könnten. Zu solchen Seelgeräten zählten Messstipendien, Kerzenspenden, Gebete, Fasten und andere Stiftungen.

Maus, Eidechse, Vogel und Schmetterling gelten als Seelentiere. Wenn jemand starb, musste das Fenster geöffnet sein, damit die Seele nicht gefangen blieb. Der Glaube vom (Tod bringenden) Doppelgänger kommt aus der Vorstellung, dass die Seele im Schlaf den Leib verlassen und an einem anderen Ort erscheinen kann. Im Werwolf nimmt die Seele Tiergestalt an und tötet Menschen. Bis ins 18. Jahrhundert glaubte man, dass diese Verwandlung durch Zauber herbeigeführt werde. 

Vorstellungen vom Lebenden Leichnam bestanden ungeachtet der kirchlichen Lehre von den "Armen Seelen": Der Totengeist erscheint leibhaftig mit Wünschen und Bedürfnissen und spricht wie ein Lebender. Er kann keine Ruhe finden, weil er z.B. jung gestorben ist, nicht richtig bestattet wurde oder eine Schuld auf sich geladen hat. Die verstorbene Wöchnerin zieht es zu ihrem Kind. Beim Begräbnis des Junggesellen, der sein Leben nicht nach den überlieferten Ordnungen vollendet hat, traten in Niederösterreich die Figuren der "schwarzen" und der "weißen Braut" auf. Damit wurde das Leben der Norm gemäß erfüllt und der ehelos Gebliebene nicht zum unheilbringenden Wiedergänger. Spukgestalten rächen sich und ziehen andere in den Tod (Nachzehrer). Um zu vermeiden, dass der Totengeist das Grab verlässt, wird dieses mit Weihwasser besprengt. Auch die Inschrift "R.I.P." (Ruhe in Frieden) kann in diese Richtung gedeutet werden. 

Die als Lebensenergie verstandene Seele findet sich im sprechenden Schädel, wundertätigen Kopf oder Knochen (der kirchlichen Reliquie). Da sich die Energie auch in achtlos weggeworfenen Teilen wie Fingernägeln befindet, sollte man auf diese besonders aufpassen. Sogar Bild, Schatten oder Name galten als Träger des Lebensprinzips, womit sich die Vorstellung verband, dass das Durchstechen eines Bildes jemanden töten könne. Dem Glauben, dass gestohlene Dinge noch wunderkräftiger seien als sonst, entsprach der fromme Diebstahl (pia fraude) von Reliquien.


Quellen:
Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. S. 501, 731, 849, 963, 969
Helmut Fielhauer: Die "schwarze" und die "weiße Braut" beim Begräbnis Lediger. In: Das Waldviertel Folge 4. Krems 1970. S. 72-79

Bild: "Geh zu Maria, arme Seele ..." Andenken aus Strassengel (Steiermark), 19. Jahrhundert. Gemeinfrei