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Damenkapellen im Wiener Prater#

Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Praterg’schicht’n" Teil VII.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 26. Februar 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Clemens Marschall


Die 'weißen Maderln' der Damenkapellen präsentierten sich in langen, weißen, gebauschten und gerüschten Kleidern mit zur Schleife gebundenen blauen Bändern
Die "weißen Maderln" der Damenkapellen präsentierten sich in langen, weißen, gebauschten und gerüschten Kleidern mit zur Schleife gebundenen blauen Bändern.
© Kadotheum

Wien. "Wenn man heute auf der Hauptallee radelt, sieht man noch ein paar Imbissbuden, aber da waren früher edle Restaurants, an die niemand mehr denkt; Kaffeehäuser, wo Johann Strauß und Joseph Lanner ihre bis zu 60-köpfigen Kapellen dirigiert haben; wo sich die gehobene Gesellschaft von Wien getroffen hat: das war der Nobelprater", sagt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, als er eine historische Landkarte ausrollt, auf der die längst verschwundenen Lokale noch eingezeichnet sind.

"Gerade auf der Hauptallee sind damals die Kutschen auf- und abgefahren. Die Herrenreiter sind geritten und wurden bewundert, das war genau so ein Korso wie auf der Ringstraße. In den Lokalen ist man gesessen, um gesehen zu werden." Konkret ging es dabei um das erste das zweite, und das dritte Kaffeehaus, die 1786 erbaut wurden und mit Prominenz für sich werben konnten: sie dienten etwa Ludwig van Beethoven als Konzertsaal, und hier trat er 1814 das letzte Mal öffentlich als Pianist in Erscheinung.

Anton Ronacher, der später auch das Ronacher in der Stadt führte, war einer dieser achtbaren Kaffeehausbetreiber. "Manche Lokalbesitzer sind sehr bekannt geworden, weil sie sich um die Belange des Praters gekümmert haben. 1858 hat Georg Steblein das zweite Kaffeehaus gekauft, man nannte ihn deswegen auch den ‚Bürgermeister vom Prater‘."

Alles, was Rang und Namen hatte, verkehrte hier, und Varietévorführungen gehörten ebenso zum Unterhaltungsprogramm. Die Kaffeehäuser verteilten gedruckte Programmhefte, die über die Veranstaltungen informierten. Im dritten Kaffeehaus war etwa der "Hungerkünstler" Sacco zu Gast. "Sacco war tagelang in einem Glaskasten eingesperrt, damit er ja nichts essen konnte. Viele Hungerkünstler haben wundersamerweise nachher mehr Gewicht gehabt, als wie sie reingekommen sind. Sacco wurde von der Freiwilligen Feuerwehr Währing streng bewacht, aber man kann sich vorstellen, dass die gut zusammengearbeitet und gemeinsame Biergelage gehabt haben", lacht Kaldy-Karo, der früher selbst Hautbrandmeister bei der Feuerwehr war.

"Für die einfacheren Leute gab es den vom Nobelprater damals abgetrennten Wurstelprater: dort spielten die Harfinisten, einfach und teilweise auch ordinär. Dann kamen böhmische Musikgruppen zum Tanz in die verschiedenen Praterhütten. Musik hat Leute angezogen. Musik war ja nichts Alltägliches, so wie heute."

Fünfkreuzertanz und frisches Bier#

Berühmt war damals der "Fünfkreuzertanz", erzählt Kaldy-Karo: "Gezahlt haben für diesen Tanz die Dienstmadln mit dem wenigen Geld, das sie gehabt haben, und die böhmischen Soldaten mit noch weniger Geld. Da ist man zur Tanzfläche, die meist ein bisschen erhöht war, und hat fünf Kreuzer berappt: dafür hat man für ein Musikstück tanzen dürfen. Es hat auch die Möglichkeit gegeben, mehr zu bezahlen: ab einem gewissen Betrag hat man ein rotes Mascherl bekommen, das gezeigt hat, dass man tanzen darf, so viel man will."

Ab den 1860ern wurden im Lokal zum Eisvogel Konzerte veranstaltet, bei denen die legendären "Damenkapellen" aufspielten. Der Eisvogel war sehr gut gelegen, sozusagen das erste Lokal, wenn man in den Prater spazierte. "Von allen Nasch- und Fresshütten ist aber seit dem vergangenen Jahr keine schöner hergstellt worden als der sogenannte Eisvogel. Dort ist jetzt im Gartel sogar ein Springbrunn drin und da kann der Herr Vetter außern Bier auch mitn Reforsker, und Ruster und Schampanier bedient werden...", schreibt Joseph Richter in seinen "Eipeldauer-Briefen".

Eine typische Kaffeehausszene an der Prater-Hauptallee.
Eine typische Kaffeehausszene an der Prater-Hauptallee.
© Kadotheum

Die "weißen Maderln" der Damenkapellen präsentierten sich in langen, weißen, gebauschten und gerüschten Kleidern mit zur Schleife gebundenen blauen Bändern. Die Stehgeigerin war häufig auch die Dirigentin von den meist gut zehn Musikerinnen. Postkarten lassen auf die Besetzung von Geigen, Querflöte, Cello, Kontrabass, Trommel und Tschinellen schließen.

Damenkapellen stellten im Wien der Ringstraßenzeit eine musikalische wie auch optische Attraktion dar, doch im Prater schlief die Konkurrenz nicht: 1872 eröffnete Ignaz Prohaska sein Restaurant, das ebenso zur dauerhaften Spielstätte von Damenkapellen werden sollte. Er und Adam Weininger vom Eisvogel hatten von nun an um die Gunst des Publikums zu wetteifern.

Frisches Bier für den Zauberer#

Ab den 1870ern sorgte die Damenkapelle Messerschmidt-Grüner, ab 1888 die Damenkapelle Hornischer für Unterhaltung. Die Damenkapelle Messerschmidt-Grüner, die in einer Festschrift 1924 als erstgegründete angeführt wird, spielte auch beim Goldenen Kegel und beim Goldenen Kreuz. Das Goldene Kreuz war zudem eines der Stammlokale vom legendären Prater-Zauberkünstler Kratky-Baschik, der für seinen Durst bekannt war, sagt Kaldy-Karo: "Bier war damals aber nur kurz haltbar, und wenn es frisch gekommen ist, war’s noch relativ kühl. Wenn frisches Bier angeschlagen wurde, hat man das natürlich gehört, und Kratky-Baschik wollte nur frisch angeschlagenes.

Am Schluss war er schon fast blind, und die Schankburschen im Goldenen Kreuz haben sich einen Spaß gemacht: sobald sie Kratky-Baschik sehen konnten, haben sie mit dem Schlegl aufs Fass geschlagen. Er hat gleich reagiert: ‚Habt’s frisches Bier?‘ ‚Natürlich, Herr Professor, haben S‘ ned den Lärm vom Anschlagen ghört?‘" Auch der Goldene Kegel gehörte zu Kratky-Baschiks Stammlokalen, wo er einmal im Bierdunst eingenickt sein soll, und man seine Perücke an einem Faden festband und über einen Ast führte. Als er aufwachte, ließt man seine Haarpracht schweben und versetzte selbst den versierten Zauberer in Staunen.

Später traten Damenkapellen ebenso im Swoboda und im Spatenbräu auf, ab 1900 in der Rotunde. Bis in die 1930er blieben sie als fixe Attraktion des Praterlebens bestehen - zumindest im Sommer, sagt Kaldy-Karo: "Im Sommer haben sie im Prater gespielt, und danach Tourneen durch die Monarchie gemacht. Sie sind auch bis nach Paris, London, Russland und Amerika gekommen. Teilweise hatten die Damen ziemliche Knebelverträge und wurden gleich auf fünf Jahre verpflichtet, weil sie gerne vom Platz ‚weggeheiratet‘ wurden und oft abgesprungen sind.

Über die Moral und Tugend der Damen wurde sorgfältig von der Kapellmeisterin oder vom Kapellmeister gewacht. Den Damen waren Kontakte zu den Gästen strikt untersagt." Wie wirksam allerdings dieses Verbot war, ist eine andere Frage.

Information#

Wiener Zeitung, Freitag, 26. Februar 2016

Wiener Prater G'schichten!#