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Ein Schädel sucht seinen Körper#

von Brigitte Biwald


Wien war um 1800 nicht nur die Hauptstadt der Musik, sondern man war hier auch fasziniert von der Schädellehre des Franz Joseph Gall. Ein Opfer dieser „Schädelhysterie“ war der Kopf des toten Joseph Haydn.

Foto Gall
Franz Josef Gall (1758 - 1828), Foto: Wikimedia

Dass der Leichnam Josef Haydns viele Jahre ohne Schädel im Grab lag, ist eine bekannte Tatsache. Weniger bekannt hingegen ist das Motiv dafür. Joseph Haydn erhielt 1809 auf Grund der Verordnungen der französischen Besatzungsmacht ein sehr einfaches, bescheidenes Begräbnis auf dem Kirchhof vor der Hundsthurmer Linie (heute Haydnpark in Meidling, beim Gaudenzdorfer Gürtel). Weder Freunde noch Musikerkollegen folgten seinem Sarg. Beschämend, ja schockierend ist das Nachspiel, das sich nach der Beisetzung Haydns ereignete: Der ehemalige Sekretär des Fürsten Esterhazy, Karl Rosenbaum, der zum engsten Bekanntenkreis des Komponisten zählte, war ein fanatischer Anhänger der damals sehr modernen Schädellehre Franz Joseph Galls. Und er wollte dem Totenkopf des berühmten Komponisten eine gründliche Untersuchung angedeihen lassen.

Galls Theorien#

Franz Joseph Gall kam 1758 im Schwarzwälderischen Tiefenbronn auf die Welt. Er studierte in Straßburg und Wien Medizin und betätigte sich als praktischer Arzt und Forscher. Sein Spezialgebiet war die damals brandaktuelle Gehirnanatomie. Galls bleibendes Verdienst ist die Entdeckung der sogenannten „Lokalisation“, d.h. der Erkenntnis, dass die verschiedenen Gehirnpartien je verschiedene Funktionen ausüben. Davon ausgehend leitete er die heute eher kurios anmutende Schädellehre oder Phrenologie ab. Besonders ausgeprägte oder unterentwickelte Gehirnpartien – so meinte Gall – seien an der Schädeldecke als Buckel oder Vertiefung erkennbar. Als Studienmaterial besorgte er sich ab 1796 Lebend- wie Totenmasken von allem, was in Wien Rang und Namen hatte, aber auch die Totenschädel von Selbstmördern. Heute wissen wir, dass Galls Lehre ein Irrweg war. Schon seinerzeit stieß sie auf heftigen Widerspruch, fand allerdings auch begeisterte Zustimmung – selbst Goethe, der Gall in Halle getroffen hatte, war von der Phrenologie beeindruckt. Seit 1796 hielt Gall in Wien Privatvorlesungen, die großes Interesse hervorriefen. Hohe Staatsbeamte, Gelehrte, Priester, Künstler, in- und ausländische Ärzte, Wiener Bürger und Studenten zählten zu Galls Anhängern: sie alle wollten wissen, wie man an Buckeln und Erhebungen des knöchernen Schädels, die zu ertasten waren, Diebe, Mörder, Schlaue, Geizige, Maler, Dichter, Musiker oder Philosophen erkennen könne. Es ist anzunehmen, dass auch Joseph Haydn von dieser Methode beeindruckt war. 1802 beendet Kaiser Franz die Phrenologie-Diskussion in Österreich durch ein Lehrverbot. 1807 ließ sich Gall in Paris nieder. Seine Schädelsammlung aber blieb in Wien zurück; heute befindet sie sich im Rollettmuseum in Baden.

Abschied eines Genies#

1802, als Franz Joseph Gall Wien verlassen musste, setzte der körperliche Verfall des 70-jährigen Haydn ein. Von Schmerzen geplagt und verzweifelt, zog er sich in sein Haus in Gumpendorf zurück. Aus dem weltberühmten Musiker wurde allmählich ein bemitleidenswert schwacher, alter Mann, der weder Briefe schreiben, noch auf dem Klavier ein paar Akkorde anzuschlagen vermochte. Anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Armen im Bürgerspital St. Marx nahm Haydn als Dirigent seines Oratoriums „Die Sieben Worte des Erlösers am Kreuze“ Abschied vom Publikum. Zum letzten Mal erschien er in der Öffentlichkeit anlässlich einer Ehrung in der Aula der Alten Universität, wo sein Oratorium „Die Schöpfung“ aufgeführt wurde. Nach Haydns Tod am 31. Mai 1809 gewann eine gewisse Irrationalität die Oberhand, die auf die Hysterie rund um die Gall’sche Schädellehre zurückzuführen ist: Der Schädel wurde aus dem Grab gestohlen. Der Ablauf der Ereignisse ist in zwei Versionen überliefert: 1. Karl Rosenbaum fuhr zusammen mit Johann Nepomuk Peter, dem Verwalter des niederösterreichischen Strafhauses, mit dem geraubten Haydnkopf seelenruhig ins Allgemeine Krankenhaus zur Abteilung „Sektion und Präparation“: Laut Gesetz galt nämlich ein beim Hundsthurm Beerdigter als „herrenlos“. 2. Wahrscheinlicher ist aber jene Überlieferung, derzufolge ein bestochener Totengräber nebst zwei weiteren Mittätern den Kopf des Toten raubten.

Fragwürdige Forschung#

Der Anatom Julius Tandler, der den Schädel Haydns 1909 einer genaueren Untersuchung unterzog, stellte fest, dass die Tagebuchaufzeichnungen Rosenbaums mit dem wissenschaftlichen Untersuchungsergebnis nicht übereinstimmten. Rosenbaum hatte nämlich behauptet, er hätte das Gehirn gesehen, Tandler konnte nachweisen, dass ein Einblick ins Gehirn unmöglich gewesen wäre, da die Schädelkalotte nicht entfernt worden war. Johann Nepomuk Peter, welcher der Schädellehre mit besonderem Fanatismus anhing, erzählte voll Stolz, dass er bei der Untersuchung von Haydns Schädel den von Gall lokalisierten „Thonsinn“ nachgewiesen hätte. Rosenbaum stellte Haydns Schädel in seinem Garten in einem kleinen Mausoleum zur Schau – „würdig und pietätvoll“, wie er meinte. 1820 erfolgten die Exhumierung und die Überführung der sterblichen Überreste Haydns nach Eisenstadt. Dabei wurde der Grabraub erst entdeckt: Anstelle des Kopfes fand man bloß eine Perücke. Empört forderte Fürst Nikolaus von Esterházy eine Untersuchung; die Täter waren rasch ausgeforscht. Eine Hausdurchsuchung blieb allerdings erfolglos, da Frau Rosenbaum die Reliquie in ihrem Bett versteckte und sich vor der Polizeikommission krank stellte. Auch Herr Rosenbaum narrte den Fürsten, indem er ihm erst den Schädel eines Zwanzigjährigen und später – als dieser Betrug entdeckt wurde – den Schädel irgendeines alten Mannes übergab. Und dieser wurde dann den Gebeinen Haydns in Eisenstadt beigefügt.

Die lange Odyssee#

Die Familie Rosenbaum behielt Haydns Schädel weiterhin. Erst auf seinem Totenbett händigte der alte Rosenbaum die Reliquie seinem Komplizen Nepomuk Peter aus, und später vermachte dessen Witwe sie dem Hausarzt Dr. Karl Haller. Im Jahr 1852 übergab Haller den Schädel dem berühmten Wiener Pathologen Professor Karl von Rokitanksy, der ihn im pathologisch-anatomischen Institut der Universität Wien aufbewahrte. Über die Söhne Rokitanskys gelangte der Schädel schließlich zur Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, wo er bis 1954 verblieb. Erst in diesem Jahr erfolgte die späte Beisetzung des Schädels dieses großen Musikers im Sarkophag in der Bergkirche von Eisenstadt. So hat Haydn doch noch – fast 150 Jahre nach seinem Tod – jenes echte Begräbnis erster Klasse erhalten, das er sich in seinem Testament ausdrücklich gewünscht hatte.


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Brigitte Biwald

Brigitte Biwald, geboren 1951, ist Historikerin und in der Erwachsenenbildung tätig, Schwerpunkt Medizingeschichte. Veröffentlichungen über die Revolution 1848 (1996) und über das Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg (2003). Lebt in Perchtoldsdorf.