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Lohner-Werke#

Die Industriellen-Dynastie umfasste fünf Generationen. Der Stammvater Heinrich Lohner, (4.4.1786 - 25.2.1855) der 1811 aus Mayen am Rhein einwanderte, war Wagnermeister und erwarb 1821 in Wien das Bürgerrecht. Er richtete zunächst im Starhembergschen Freihaus auf der Wieden eine Werkstätte ein. 1832 übersiedelte er samt Firma in sein Haus Wien 4, Heumühlgasse 15. Er beschäftigte sechs Neffen als Gesellen und pflegte die Zusammenarbeit mit dem Sattlermeister Ludwig Laurenzi (* 1788 in Castua/Kastav, Kroatien). 1847 wurde Heinrich Lohner Vorsteher der Wagnerzunft.


Wagenfabrik Jacob Lohner Wien 9
Wagenfabrik Jacob Lohner Wien 9
© Slg. Alfred Wolf

In der zweiten Generation erfolgte die Umstellung von der Wagnerwerkstätte zur Wagenfabrik. Heinrichs Sohn Jacob Lohner (7.10.1821 - 19.2.1892), ein gelernter Sattler, ging nach altem Handwerkerbrauch auf Wanderschaft, die ihn nach Tschechien, Deutschland, Belgien und Paris führte. Sein Vater, schrieb ihm, dass 1843 bei Ludwig Laurenzi eine Stelle frei werde. Gesucht wurde ein französisch sprechender Geselle, der mit ausländischen Kunden verhandeln könne. Jacob Lohner kehrte über England, Holland, Deutschland und die Schweiz nach Wien zurück und trat bei Ludwig Laurenzi ein. Dieser kaufte 1844 das Haus Wien 9, Porzellangasse 2. Bei der Handels- und Gewerbeausstellung 1845 wurden die Wagen der Firmen Lohner und Laurenzi mit je einer Medaille ausgezeichnet. 1851 erhielt Jacob Lohner das Meisterrecht, im selben Jahr kam es zu einem Gesellschaftsvertrag zwischen Ludwig Laurenzi, Jacob Lohner und Joseph Neuhs (Neuss), der aber bald ausschied. Ab 1852 hieß die Firma "Ludwig Laurenzi & Co", ab 1856 "Laurenzi & Lohner". In etwas mehr als einem Jahrzehnt waren 1400 Wagen erzeugt worden, was auf 50 - 60 Beschäftigte schließen läßt. 1856 wurden die ersten Telegraphen-Stationswagen für die Armee und Postwagen geliefert. Privatkunden waren alle Familien des österreichischen Hochadels, auch wurde viel exportiert. 1857 heiratete Jacob Lohner Aloisia Laurenzi (30.4.1833 - 27.5.1859), eine Tochter seines Kompagnons. 1860 unternahm Jacob Lohner eine Reise nach Nordeuropa, um den Export zu fördern, und erhielt den Titel eines königlich-schwedischen Hoflieferanten. Nach seiner Rückkehr entschloss er sich zum Neubau einer Fabrik in Wien 9, Servitengasse 19. Sie umfasste Werkstätten für Wagner, Schmiede, Tapezierer und Lackierer, ein Sägewerk, Eisen- und Metallgießerei und arbeitete mit einer Dampfmaschine. Seit 1861 hieß die Firma "Jacob Lohner". 1863 produzierte sie 429 Fahrzeuge. Im Weltausstellungsjahr 1873 wurde der 10.000. Wagen ausgeliefert.


Ludwig Lohner
Ludwig Lohner (1858-1925). Foto, um 1910
© Bildarchiv der ÖNB, Wien

In der dritten Generation vollzog Jacobs Sohn Ludwig Lohner (15.7.1858) den Schritt zur Großindustrie. Er fabrizierte mit modernen Maschinen und rationalisierte die Arbeitsmethoden. Als der Wagenbau um die Jahrhundertwende in die Krise kam, wandte sich Lohner dem risikoreichen Automobilbau zu. In seiner Ära stellte die Firma Pferdewagen, u.a. für das k.u.k. Ärar, Automobile und Flugzeuge her. 1892 durfte Ludwig Lohner seinen Betrieb "k.k. Hofwagen-Fabrik" nennen. Die Jahreszahlen 1896-1998 markieren die Schlußphase des reinen Wagenbaus. 1896 suchte er die Zusammenarbeit mit Gottlieb Daimler, die Verhandlungen scheiterten. Lohner kaufte sich in Paris einen "Peugeot", es war das erste Automobil in Wien und das vierte in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Lohner wollte selbst Autos bauen, möglichst mit anderem Antrieb als einem Benzinmotor, u.a. verhandelte er mit der Firma Friedrich Krupp, welche die Diesel-Patente gekauft hatte. Diesel-Motoren waren aber damals nur für den stationären Betrieb geeignet. Nun sammelte Ludwig Lohner Erfahrungen mit dem Bau eines Benzin- und eines Elektromobils und wurde zum ersten Automobilfabrikanten der Monarchie.


1898 engagierte er Ferdinand Porsche und es entstanden zunächst drei Kraftfahrzeuge: ein Auto mit 6-PS-Benzinmotor, ein elektrischer Phaeton und ein elektrisches Coupé. Ferdinand Porsche erfand den Radnabenmotor, der 1899 in das 24.000. Fahrzeug, den "Lohner-Porsche" eingebaut wurde. Der Nachteil der Elektromobile lag im geringen Aktionsradius. Die Entwicklungskosten für die Autos waren enorm und belasteten das Firmenbudget, zumal auch die Bestellungen an Pferdewagen zurückgingen. Zwischen 1899 und 1910 verkaufte die Firma Lohner 305 Elektromobile, darunter 2 Autobusse, 23 Feuerwehrautos, 3 LKW und 5 Sanitätswagen.


Seit 1905 interessierte sich Ludwig Lohner für die Fliegerei, seit 1909 wollte er auch Flugzeuge bauen. 1910 war der erste Testflug des "Lohner-Pfeilfliegers" erfolgreich. In der Donaufelderstraße wurde eine 16 x 70 m große Flugzeugmontagehalle gebaut. Die Armee war der wichtigste Abnehmer, vor allem im Ersten Weltkrieg, außerdem hatte die Automobilproduktion Serienreife erlangt. Die Lohner'sche Fabrik nahm den ersten Platz im Wagen- und Karosseriebau ein.


Lohnerroller, 1949 mit Christiane Lohner-Czeija, © Slg. Alfred Wolf
Lohnerroller, 1949 mit Christiane Lohner-Czeija
© Slg. Alfred Wolf

Die vierte Generation umfasste sechs Söhne und eine Tochter. Die älteren Brüder Max Lohner (19.10.1891 - 7.1.1975) und Richard Lohner (15.12.1892- 4.4.1970) rückten nach dem Ableben ihres Vaters in die Chefetage auf. Seit 1920 war der älteste Sohn Max Lohner, Kollektivprokurist. Der Kauf der Rotax-Werke AG in Gunskirchen (Oberösterreich) fällt in diese Ära. Da die Flugzeugproduktion nach dem Ersten Weltkrieg eingestellt werden musste, war der Karosseriebau für die österreichischen Automobilfabriken der wichtigste zweig des Erzeugungsprogramms. Die Wiener Stadtwerke-Verkehrsvertriebe bestellten Autobusse, Aufbauten für Stadtbahn- und Straßenbahnwaggons und ließen Straßenbahnen bei Lohner reparieren.


Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich bereitete Max Lohner die Betriebsaufnahme des Florisdorfer Werkes vor. 1939/40 begann man wieder mit dem Waggonbau und der Anfertigung von Anhängern und Autokarosserien. Im Zweiten Weltkrieg stellten die Lohner-Werke hauptsächlich Ersatzteile für Flugzeuge und Nutzwagenaufbauten her. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Produktion von Rollern Mopeds. Der legendäre Lohner-Roller L 98 hatte einen Zweitakt-Motor mit 2,75 PS Leistung. Davon wurden 4.710 Stück zum Preis von 4.360,- ÖS verkauft. Die grünen Roller erreichten 55 km/h und verbrauchten 2 l Benzin-Ölgemisch auf 100 km. Alfred (Bill) Lohner leitete den Einkauf der Lohnerwerke und machte später in der Textilindustrie Karriere. Fritz Lohner war Gesellschafter. Willy Lohner, der jüngste Bruder, war Vorstandsmitglied der Rotax AG.


Der fünften Generation mit Thomas Lohner blieb es vorbehalten, die Lohnerwerke und das Rotaxwerk zu veräußern. Der 20.1.1970 war der Closing Day. Es erfolgte der Kauf der Lohner-Werke durch den kanadischen Konzern Bombardier Inc. und die Umbenennung in Bombardier-Rotax GmbH. In Strebersdorf erinnert die Lohnergasse an die Industriellenfamilie. Das Direktionsgebäude in der Porzellangasse blieb bestehen.

Quelle#


  • Erwin Steinböck: Lohner. Zu Land, zu Wasser und in der Luft. Graz 1982


Redaktion: hmw