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Die Lurgrotte erzählt...#

Die Menschen aus der Gegend von Semriach und Peggau hatten schon immer eine besondere Beziehung zu Höhlen. Liegen diese beiden Orte doch mitten im Grazer Bergland. Diese höhlenreiche mittelsteirische Landschaft ist aus uraltem Devonkalk aufgebaut. Sie reicht von Graz im Süden bis zum Hochlantsch im Norden und von Köflach im Westen bis Weiz im Osten. In diesem mittelsteirischen Grünkarst sind ca. 650 Höhlen registriert. Viele dieser Höhlen waren schon in frühester Zeit Zufluchts- und Aufenthaltsstätte für Mensch und Tier. Die historisch bekannteste unter ihnen ist die Repolusthöhle am Rande des Badlgrabens zwischen Frohnleiten, Peggau und Semriach. Aber auch zahlreiche Höhlen in der Peggauer Wand und im gegenüberliegenden Kugelstein haben große Bedeutung. Wie die zahlreichen Grabungsfunde belegen, sind heute bei uns nicht mehr vorkommende oder bereits ausgestorbene Tierarten wie Wolf, Wisent, Vielfraß, Höhlenlöwe und Höhlenbär heimisch gewesen. Feuerstättenreste und Funde von Gebrauchs- und Schmuckgegenständen weisen auf die Anwesenheit des Menschen in diesen Höhlen bis etwa 250.000 v. Chr. hin.

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Höhleneingang Semriach
Ölgemälde von A. Mayer, 1894

In der im unmittelbaren Nahbereich der Vorhöhle in Peggau gelegenen, erst 1909 entdeckten Josefmengrotte, wurde das Skelett eines Zwergmenschen geborgen. Die unterschiedlichsten und seltensten Fundgegenstände aus den Höhlen dieser Region sind in einem kleinen Museum (Leihgaben des Joanneum Graz), unmittelbar beim Peggauer Lurgrotteneingang für den interessierten Besucher ausgestellt. Die Lurgrotte ist mit 5 km Länge und unzähligen Seitenhöhlen die mit Abstand größte Höhle im Grazer Bergland. Eingeschlossen im Kalksteinmassiv des Tannebenstockes zwischen Semriach und Peggau, ist sie mit ihren tropfsteingeschmückten Hallen, gewaltigen Felsdomen, Schluchten und Grotten, überhaupt die größte und schönste wasserdurchströmte Tropfstein-Schauhöhle Österreichs. Dieses unterirdische Naturwunder offenbart sich dem Besucher als eine faszinierende Welt der Stille und Schönheit. Man kann nur staunen, wenn man sieht, was die Kraft des Elementes Wasser über Jahrmillionen hinweg entstehen ließ.

Das Höhlensystem der Lurgrotte hat seine Anfänge vor rund 10 Millionen Jahren in tektonischen Bewegungen des Tannebenstockes. Durch diese entstanden bereits Hohlräume entlang von Bruchlinien, und Regenwasser konnte von der Oberfläche her in den durchlässigen Kalk eindringen. Die schon vorhandenen Hohlräume wurden durch die Lösungskraft des Wassers in sehr langsamen Vorgängen allmählich vergrößert. Eine Erweiterung erfolgte später auch durch die Scheuerkraft des strömenden Wassers, das Sand und Geröll mit sich führte. Diese höhlenbildende Kraft formte die Kalkfelsen und führte zu wunderschönen Auswaschungen. Ein Wassertropfen, beim Eintritt in die Erdoberfläche mit Kohlensäure angereichert, erlangt eine ungeahnte Zauberkraft. Er löst den Kalk und führt ihn mit in das Höhleninnere. Beim Abtropfen von der Höhlendecke bleibt ein winzig kleiner Kalkbestandteil zurück. Tropfen für Tropfen fallen seit Tausenden von Jahren in genau denselben Bahnen und lassen die nach abwärts strebenden Stalaktiten (Deckenzapfen) entstehen. Aber auch da, wo die Tropfen auf dem Boden auffallen, enthalten sie noch immer Kalk genug, um Ablagerungen zu bilden, die allmählich als Stalagmiten (Bodenzapfen) in die Höhe wachsen. Oftmals verschmelzen dann Stalaktit und Stalagmit zu einer Säule.

Älteste graphische Darstellung

Der Name Lurgrotte existiert erst seit der Erschließung als Schauhöhle. Ursprünglich wurde sie Lucy loch, später Lurloch genannt. Als Lua wird die Senke zwischen Semriach und Pöllau bezeichnet. Die Schreibart Lur wurde vermutlich von Pfarrer Gasparitz beeinflußt. Sie bedeutet mit Geräusch hineinfließen. In der Lur, wie die angrenzenden Bauern heute noch häufig sagen, ist der Ort, wo das Wasser ein gurgelndes, glucksendes Geräusch macht, während es am Fuße einer 70 m hohen Felswand den Blicken entschwindet.

Für die Menschen war der Lurkessel schon immer ein Grund zur Neugierde, barg er doch etwas Geheimnisvolles in sich. Sicher haben auch die bereits erwähnten Geräusche des Wassers die Phantasie der Menschen enorm angeregt. Tief verwurzelter Aberglaube hat noch im 19. Jhdt. die Höhlenforschung stark beeinträchtigt. In den unheimlichen und unbekannten Tiefen der Höhlen vermutete man das Zuhause des Teufels und der Geister. Den Höhlenforschern von damals wurde oft nachgesagt, sie stünden mit dem Teufel im Bunde.

Aber auch häufig auftretende Hochwässer verbreiteten Angst und Gefahr, da bei solchen Ereignissen der Abfluß durch den Berg des öfteren verschlossen wurde. Die zurückgestauten Wassermassen haben am Ende des 18. Jhdts. angeblich eine Seehöhe von 700 m erreicht, das wäre bis knapp unter die Semriacher Kirche.

Die wahrscheinlich älteste graphische Darstellung der Lurgrotte finden wir in der Landesaufnahme Innerösterreichs von Johannes Clobucciarich, die zwischen 1601 und 1605 erfolgte. Er zeichnet den Eintritt des Lurbaches bei Semriach und seinen Austritt aus der Peggauer Wand und schreibt va sotto in Pecha, d.h. geht unterirdisch nach Peggau.

Damit wird das zusammenhängende Höhlensystem der Lurgrotte durch den Karststock der Tanneben, das den Menschen dieser Gegend durch genaue Beobachtung wohl schon sehr früh bekannt war, dokumentiert. Der tatsächliche Verlauf des Schmelzbaches (Austritt bei der Lurgrotte Peggau) und des Hammerbaches (ca. 600 m südlich davon am Nordfuß der höhlenreichen Peggauer Wand) konnte erst sehr viel später, nämlich 1952, durch wissenschaftlich fundierte Markierungsversuche nachgewiesen werden. Bei niedrigem Wasserstand verliert sich der Lurbach im Eingangsbereich von Semriach (Schwinde) und tritt - vermehrt durch Sickerwässer - nach ca. 36 Stunden als Hammerbach bei Peggau wieder zutage.

Ursprünglicher Austritt des Schmelzbaches
Ursprünglicher Austritt des Schmelzbaches

Der Schmelzbach ist eine Karstquelle, die 2 km im Höhleninneren entspringt. Bei höherem Wasserstand des Lurbaches läuft die Schwinde über, das Wasser ergießt sich durch die sonst trockene Schauhöhle und vereinigt sich nach 3 Kilometern mit dem Schmelzbach. Aus dem mächtigen Höhlentor der Schmelzgrotte in Peggau stürzte dieser fast 7 m hoch herab. Dieser Höhlenwildbach hatte für die dort ansässigen Menschen etwas Dämonisches und Furchterregendes an sich, trotdem gab es schon frühzeitig Versuche, die Kraft des Wassers zu nutzen. Schon seit dem 16. Jhdt. wurde die Fallhöhe und Ergiebigkeit des Baches beim Austritt in Peggau genutzt, um Radwerke und Schmelzöfen zu betreiben.

Im 17. Jahrhundert war es die herrschaftliche Pulverstampf, die durch den Hitzofenbach angetrieben wurde, später dann eine Schmelzhütte, die zum Feistritzer Silberbergbau des Johann Nepomuk Heipl gehörte und dem austretenden Bach den noch heute gebräuchlichen Namen „Schmelzbach" gab. Die Geschichtsschreiber Joseph Carl Kindermann (1779) und Aquilin Julius Caesar (1786) berichten von der „Naturmerkwürdigkeit" des versinkenden Lurbaches und schreiben: „Bei dem Markte Semriach verliert sich ein Bach in einen Berg und kömmt, nachdem er gegen 2000 Klafter unter demselben fortgeflossen, endlich unweit Peckau wieder zum Vorschein".

Eine Lithographie von Josef Kuwasseg von 1841 zeigt das „Silberbergwerk bei Peggau im Gratzer Kreis", auf der noch der hölzerne Fluder zum Antrieb des Blasebalges der Schmelze zu sehen ist. Mit dem Niedergang des Bergbaues in dieser Region verschwanden auch diese Verhüttungseinrichtungen. Dann entstand hier eine Sägemühle. Sie wurde 1827 durch die größten Überschwemmungen, die es seit Menschengedenken gab, arg in Mitleidenschaft gezogen und am 18. 8. 1865 durch ein weiteres Hochwasser gänzlich zerstört. Danach errichtete der Besitzer der Grundstücke vor dem Höhleneingang, Josef Dirnbacher, ein turbinenbetriebenes Sägewerk, die sogenannte Schmelzsäge, die aber 1913, mit Baubeginn des Entwässerungsstollens für die Ableitung des Schmelzbaches, aufgegeben wurde. Überhaupt sind Hochwässer, Überflutungen und dadurch hervorgerufene Verklausungen schicksalhaft mit der Erforschung, Erschließung und dem Schauhöhlenbetrieb bis zum heutigen Tage verbunden.


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