Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Verdis "Don Carlo"#


Von

Georg Halper

(März 2020)


Die Umarbeitung seines “Macbeth” für das Pariser Théâtre Lyrique war im Februar 1865 beendet, die Uraufführung dieser Fassung erfolgte am 21. April 1865 – es wurde aber nur ein Achtungserfolg. Verdis 25. Oper ist “Don Carlo” – seine vierte Schiller-Vertonung nach “Giovanna d´Arco” (1845), “I Masnadieri” (1847) und “Luisa Miller” (1849). Den ersten Akt skizzierte er noch im Jahr 1865 in Paris, bevor er sich im März 1866 nach St. Agata zurückzog, um sie in der Stille seines Landgutes in mehr als sechs Monaten (bis Mitte Juli) zu vollenden. Diese Oper wurde für die Pariser Oper, die “Opéra”, komponiert und erlebte ihre Uraufführung – in französischer Sprache mit dem Titel “Don Carlos” – am 11. März 1867; es war ein Auftragswerk zur Pariser Weltausstellung im Jahr 1867. Basierend auf Friedrich von Schillers “Don Karlos” (das dramatische Gedicht von 1787 ist die Grundlage), verfassten Joseph Méry und Camille du Locle das Libretto. Es handelt sich hier um die fanzösische Fassung in fünf Akten, also mit dem Fontainebleau-Akt – und mit dem für Paris obligaten Ballett. Die italienische Fassung, mit Libretto von Achille de Lauziéres und Angelo Zanardini, wurde am 10. Jänner 1884 in Mailand am Teatro della Scala uraufgeführt, nur mehr in vier Akten, also ohne den Fontainebleau-Akt. Die zweite Umarbeitung hat den Fontainebleau-Akt wieder aufgenommen (1886 – Teatro Municipale di Modena). Im Regelfall wird heute die vieraktige italienische Fassung gespielt.

Vor dem “Carlos” komponierte Verdi “La Forza del destino” (Die Macht des Schicksals), uraufgeführt 1862 in St. Petersburg (überarbeitet 1869 für die Mailänder Scala) – nach dem “Don Carlos” sollen nur mehr drei Opern: “Aida” (1871), “Otello”(1887) und “Falstaff” (1893), seine 2. komische Oper (nach “Un giorno di regno ossia Il finto Stanislao” 1840 im Teatro alla Scala in Mailand) aus seiner Feder folgen.

An der Uraufführung des “Don Carlos” nehmen Napoleon III. und Eugénie, die gesamte Regierung und das diplomatische Corps teil. Aber die Aufführung ist schlecht und die Musik wirkt auf die Zuhörer verstörend, ja es wird Verdi vorgeworfen (Bizet), dass er kein Italiener mehr sei, vielmehr mache er Wagner. Und Verdi schreibt von nun an nie mehr für Paris! Zu dieser Zeit ist Verdis Villa in St. Agata vollendet. Verdi, antiklerikal, aber fromm, hat sich daneben ein Oratorium erbauen lassen, um an Sonntagen die Messe privat hören zu können. Er beschäftigt sich mit anderen Dingen – Musik spielt in seinem Leben momentan keine Rolle. im Jänner 1867 stirbt Verdis Vater Carlo mit 82 Jahren. Und auch Barezzi, dem er zeitlebens dankbar war (“Sie wissen, dass ich ihm alles, alles danke. Ihm ganz allein, nicht anderen …..”) stirbt im Juli dieses Jahres. Die Verdis adoptieren in diesem Jahr auch eine entfernte, siebenjährige Nichte, Filomena Maria Verdi, die nach Verdis Tod dessen Erbin sein wird.

Philipp II., der Vater des Titelhelden, ist in dieser Oper sehr dominierend. – somit wirft sich die Frage auf, warum nicht er der Titelgeber war. Denn Verdi war im Jahr 1862 im Escorial. Dort hat er nicht nur den eisigen Hauch der Inquisition verspürt, nein, ihn hat auch gerührt, das kleine Zimmer neben der Kirche mit dem bescheidenen Lager mit Blick auf den Altar vom Bett aus, zu sehen, in dem Philipp geschlafen hat – und wo er auch gestorben ist.

Don Carlos hat viele Arien zu bieten, er ist aber vor allem eine Oper der Duette. Drei Handlungstränge sind hier verwoben: Vater – Sohnkonflikt (Philipp – Carlos), Freundschaft (Posa - Carlos), und Liebstragödie (Elisabetta – Carlos). Die Handlung der Oper spielt in Spanien laut Opernführer um 1560 - historisch richtiger wären die Jahreszahlen 1567/68. Der erste Akt (in der Uraufführungs-Fassung) spielt im Wald (Forêt de) von Fontainebleau, der zweite Akt im Kreuzgang des Klosters von St. Just und vor den Toren des Klosters von St. Just, der dritte Akt im Garten der Königin in Madrid und auf dem großen Platz vor der Kathedrale von Valladolid, der vierte Akt im Arbeitszimmer des Königs im Escorial und im Gefängnis des Don Carlos, der fünfte Akt im Kloster von St. Just.

Die Personen der Handlung:#

Philipp II., König von Spanien – Bass
Don Carlos, Infant von Spanien – Tenor
Rodrigo, Marquis von Posa – Bariton
Großinquisitor – Bass
Mönch – Bass
Elisabeth von Valois – Sopran
Prinzessin Eboli – Mezzosopran
Thibault, Page Elisabeths – Sopran
Stimme vom Himmel - Sopran
Graf von Lerma – Tenor
Hofstaat, Hofdamen der Königin, Soldaten, Wachen, Mönche, Inquisitoren, Deputierte aus Flandern, Volk


Der Text der berühmten Arie des Philipp hat sich im Laufe der Zeit geändert.

Die deutsche Fassung, die die Älteren noch kennen, lautet:

“Sie hat mich nie geliebt, nein, ihr Herz blieb kalt;
Noch seh´ im Geist´ ich sie, wie sie mich hier erblickte.
Mein graues Haar, als von Frankreich sie gekommen.”

[...] Wo bin ich? Die Kerzen sind niedergebrannt,
Das Morgengrauen blickt herein.
Es naht der Tag. So gehn traurig hin meine Tage.
[...] Schlaf find´ ich dort, wo endet jede Plage.”

Heute, da alle Opern in der Originalsprache aufgeführt werden, erscheint dann über der Bühne ein Lauftext:

“Sie liebt mich nicht! Nein! Ihr Herz ist mir verschlossen,
nie hat sie mich geliebt. Ich sehe sie noch, den Blick schweigend
Auf mein weißes Haar gerichtet, als sie von Frankreich kam.”

[...] Wo bin ich? Diese Kerzen sind niedergebrannt ...
Der Morgen erhellt die Fenster,
es ist Tag!
[...] Ich werde in meinem Königsmantel schlafen.”

Ich bin der Meinung, dass die frühere, nicht wörtliche Übersetzung ihren Reiz hat – ich finde sie poetischer! Es kommt hier die ganze Tragik noch viel besser zum Ausdruck.

Und nun der italienische Text:

“Ella giammai m´amó! No, quel cor schiuso è a me.
Amor per me non ha!
Io la rivedo ancor contemplar triste in volto
Il mio crin bianco il di che qui di Francia.”

[...] Ove son? …. Quei doppier
Presso a finir! …. Láurora imbianca il mio veron!
gia spunta il di! Passar veggo i miei giorni lenti!
[...] Dormirò sol nel manto mio regal

Auch dieser Oper liegt, wie so oft bei Verdi, ein historischer Stoff zugrunde. König Philipp II. (1527 – 1598) ist der Sohn von Kaiser Karl V. (1500 – 1558). Er war vier Male verheiratet; aus der ersten Ehe mit Maria von Portugal stammt Don Carlos (1545 – 1568). Dieser war mißgebildet und hatte keinen guten Charakter. Aber auch weitere Personen der Handlung basieren auf historischen Gestalten, wie Elisabeth von Valois (1545 – 1568; sie war Philipps 3. Frau) und der Herzog von Alba. Fixiert man die Oper tatsächlich mit dem Jahr 1560, so wären sowohl Carlos als auch Elisabetta damals erst 15 Jahre alt. Eigenartig mutet auch an, dass sowohl der Infant als auch seine Stiefmutter im selben Jahr, nämlich 1568, gestorben sind. Der Altersunterschied zwischen Philipp und Elisabetta beträgt 18 Jahre.

Inhalt der Oper – hier nehme ich die 5-aktige als Grundlage:#

Erster Akt: Im Wald von Fontainebleau – Carlos trifft dort während einer Jagd auf Elisabeth von Valois. Als Elisabeth ihn nach ihrem Verlobten fragt, gibt er sich ihr zu erkennen (“Fontainebleau! Foresta immensa! Fontainebleau!”). Kurz darauf erklärt Graf von Lerma, dass nicht Carlos, sondern dessen Vater Philipp diese heiraten wird. Elisabeth stimmt diesem Plan zu, weil sie den beiden Völkern Frieden schenken möchte. Carlos bleibt verzweifelt zurück.

Zweiter Akt: Im Kloster St. Just lebt unerkannt der ehemalige Kaiser Karl V.; Carlos möchte sein Leben im Kloster beschließen, Marquis von Posa (Rodrigo) tröstet den Verzweifelten und möchte ihn überreden, sich des unterdrückten Flandern anzunehmen. Carlos erzählt ihm von seiner Liebe zu seiner Stiefmutter – beide schwören sich ewige Treue (das große Freundschafts-Duett “Dio, che nell´alma infondore” mit dem sich wiederholenden Motiv). Im zweiten Bild hören wir das berühmte Lied vom Schleier (“Nel giardin´ del bello ….”) der Eboli.

Elisabeth empfängt Posa – dieser erreicht, dass es zu einer Aussprache mit Carlos kommt. Wieder erwacht die Liebe zwischen ihnen, doch Elisabeth verweist auf ihre Verpflichtung. Carlos ist schwer enttäuscht und verlässt sie. Da erscheint Philipp mit seinem Gefolge – die diensthabende Edeldame (Gräfin von Aremberg), die ihre Pflicht vergessen hatte, wird nach Frankreich zurückgeschickt (“Non pianger, mia compagna”). Als nur mehr Philipp und Posa anwesend sind, sprechen die beiden über Freiheit und Menschenrechte, Obwohl sich Posa für mehr Freiheit und Menschenrechte in Flandern einsetzt, schenkt Philipp Posa Vertrauen. Posa soll die Königin und Carlos überwachen.

Dritter Akt: Carlos erwartet um Mitternacht in einem Garten Elisabeth. Aber nicht diese kommt, sondern deren Hofdame Eboli, die in Carlos verliebt ist. Der Infant erklärt seine Liebe und erkennt zu spät, dass ihm Eboli gegenübersteht. Eboli ist zutiefst verletzt und schwört Rache (“Ed io, che tremava al suo aspetto …..”). Posa übernimmt alle wichtigen Briefe betreffend Flandern. Das Volk hat sich am Großen Platz vor der Kathedrale von Valladolid versammelt, um der Verbrennung der Ketzter beizuwohnen. Flandrische Gesandte treten vor und bitten, unterstützt von Carlos, für ihr Land. Der König läßt die “Rebellen” abführen – Carlos tritt seinem Vater mit dem Degen entgegen – er wünscht, als Gesandter nach Flandern geschickt zu werden. Dem Befehl des Königs, Carlos zu entwaffen, kommt niemand nach – erst Posa nimmt dem Freund den Degen ab. Dafür wird er von Philipp zum Herzog ernannt – Carlos wird ins Gefängnis gebracht und die Ketzerverbrennung kann beginnen.

Vierter Akt: Philipp ist allein in seinem Arbeitszimmer und sinnt über seine Gattin und sein Schicksal nach (“Sie hat mich nie geliebt ….” – “Ella gammai m´amó” – die tragisch-selbstreflektierende Betrachtung). Er möchte seinem Sohn den Prozeß machen und wird dabei vom Großinquisitor unterstützt. Dieser fordert aber noch zusätzlich das Leben Posas. Eboli hat ganze Arbeit geleistet und Philipp Elisabeths Schmuckkästchen zugespielt. Hier findet der König ein Bild des Infanten. Als Philipp seine Gemahlin damit konfrontiert, fällt sie in Ohnmacht. Eboli gesteht der Königin, als Philipp fort ist, was sie getan hat – “O don fatale …”. Daraufhin wird sie vor die Wahl zwischen Verbannung und Kloster gestellt. Posa besucht den Infanten im Gefängnis. Er hat den Verdacht des Königs auf sich gelenkt – und wird im Gefängnis hinterhältig erschossen und stirbt in den Armen seines Freundes (hier wiederholt sich das berühmte Duett der Freunde aus dem 2. Akt – “Per me giunto è il di stupendo …”). Philipp will seinem Sohn den Degen zurückgeben, weil er vermutet, dass Carlos mit den Vorgängen um Flandern nichts zu tun hatte. Carlos weist den Vater brüsk zurück und gesteht, dass Posa für ihn gestorben ist. Vor den Gefängnistoren verlangt das Volk, den Infanten zu sehen. Der Großinquisitor bringt das Volk durch seine Autorität zum Schweigen. Eboli bestürmt Carlos, sich zu retten; dieser enteilt.

Fünfter Akt: Carlos hatte durch Posa erfahren, dass die Königin ihn noch vor seiner Abreise nach Flandern zu sehen wünscht. Beide treffen sich im Kloster St. Just und nehmen für immer Abschied. Sie werden von Philipp, dem Großinquisitor und Wachen überrascht. Noch bevor ihn die Wachen festnehmen können, erscheint ein Mönch, den alle für Karl V. halten, und zieht Carlos mit sich ins Kloster.

Wie für Paris üblich, gibt es hier ein Ballett im zweiten Bild des dritten Aktes – “Das Ballett der Königin” – diesen Abschnitt komponierte Verdi erst im Februar 1867.

Empfehlenswerte Aufnahmen:#

  • Antonietta Stella (Elisabetta), Elena Nicolai (Eboli), Mario Filippeschi (Carlos), Boris Christoff (Philipp), Tito Gobbi (Posa), Giulio Neri (Großinquisitor), Orchester des Teatro dell Opera di Roma, Gabriele Santini – 1954.
  • Sena Jurinac (Elisabetta), Giulietta Simionato (Eboli), Eugenio Fernandi (Carlos), Cesare Siepi (Philipp), Ettore Bastianini (Posa), Marco Stefanoni (Großinquisitor), Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan – 1958 (Salzburger Festspiele).
  • Renata Tebaldi (Elisabetta), Grace Bumbry (Eboli), Carlo Bergonzi (Carlos), Nicolai Ghiaurov (Philipp), Dietrich Fischer-Dieskau (Posa), Matti Talvela (Großinquisitor), Orchester des Royal Opera House Covent Garden, Sir Georg Solti – 1960.
  • Antonietta Stella (Elisabetta), Fiorenza Cossotto (Eboli), Flaviano Labò (Carlos), Boris Christoff (Philipp), Ettore Bstianini (Posa), Ivo Vinco (Großinquisitor), Orchestra della Scala Milano, Gabriele Santini – 1962.
  • Leonie Rysanek (Elisabetta), Irene Dalis (Eboli), Franco Corelli (Carlos), Giorgio Tozzi (Philipp), Nicolae Herlea (Posa), Hermann Uhde (Großinquisitor), Orchester der Met New York, Kurt Adler – 1964.
  • Montserrat Caballé (Elisabetta), Shirley Verrett (Eboli), Placido Domingo (Carlos), Ruggiero Raimondi (Philipp), Sherill Milnes (Posa), Giovanni Foiani (Großinquisitor), Orchester des Royal Opera House Covent Garden London, Carlo Maria Giulini – 1970.
  • Katja Ricciarelli (Elisabetta), Lucia Velentini-Terrani (Eboli), Placido Domingo (Carlos), Ruggiero Raimondi (Philipp), Leo Nucci (Posa), Nicolai Ghiaurov (Großinquisitor), Orchestra della Scala Milano, Claudio Abbado – 1985.
  • Mirella Freni (Elisabetta), Agnes Baltsa (Eboli), Jose Carreras (Carlos), Nicolai Ghiaurov (Philipp), Piero Cappuccilli (Posa), Ruggiero Raimondi (Großinquisitor), Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan – 1988.
  • Daniela Dessi (Elisabetta), Luciana d´Intini (Eboli), Luciano Pavarotti (Carlos), Samuel Ramey (Philipp), Paolo Coni (Posa), Alexander Anismov (Großinquisitor), Orchestra della Scala Milano, Riccardo Muti – 1994.
  • Karita Mattila (Elisabetta), Waltraud Meier (Eboli), Roberto Alagna (Carlos), Jose van Dam (Philipp), Thomas Hampson (Posa), Gustav Halfvarson (Großinquisitor), Orchestre der Oper Paris, Antonio Pappano - 1996.
  • Galina Gorchakova (Elisabetta), Olga Borodina (Eboli), Richard Marginson (Carlos), Roberto Scandiuzzi (Philipp), Dmitri Hvorostovsky (Posa), Robert Lloyd (Großinquisitor), Orchester des Royal Opera Hause Covent Garden London, Bernard Haitink – 1997.
  • Serena Farnocchia (Elisabetta), Mariana Cornetti (Eboli), Jose Bros (Carlos), Michele Pertussi (Philipp) Vladimir Stojanov (Posa), Ievgen Orlov (Großinquisitor), Orchester des Teatro Regio Parma, Daniel Oren – 2016.
Dr. Georg Halper , März 2020