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vom 24.06.2017, aktuelle Version,

Annie Altschul

Annie Altschul (* 18. Februar 1919 in Wien; † 24. Dezember 2001 in London) war eine österreichische Krankenschwester, Pflegewissenschaftlerin und Theoretikerin der psychiatrischen Pflege.

Leben

Annie Altschul gilt als Pionierin der psychiatrischen Pflege.

Kindheit in Wien

Annie Altschul verbrachte ihre Kindheit in einer sozialdemokratisch aktiven Familie jüdischen Glaubens in Wien. Ihr Vater, Ludwig Altschul, verunfallte tödlich, als sie fünf Jahre alt war, und so blieben ihr manche finanziellen Nöte als Kind und Jugendliche nicht erspart. Aufgrund ihrer Begabung bekam sie allerdings vom Wiener Frauen Erwerb Verein in Wien 4 eine Freistelle an deren Realgymnasium und es war der Mutter, Marie Altschul, möglich, die Tochter am 17. Juni 1937 die Matura ablegen zu lassen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Lucie Smetana (verh. Fowler) begann Annie Altschul im Wintersemester 1937/38 ein Studium der Mathematik und Physik an der Universität Wien. Lucie Smetana studierte Medizin. Aufgrund des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 konnte Annie Altschul schon im Sommersemester 1938 nicht mehr weiterstudieren, sondern wurde aus „rassischen“ Gründen von der Universität relegiert.[1] Gerade noch rechtzeitig gelang der Familie die Emigration nach London.

Krankenschwester in London

In London arbeitete Annie Altschul, wie viele andere Flüchtlinge auch, zunächst als Kindermädchen und Haushaltshilfe und begann eine Ausbildung zur Krankenschwester und Hebamme am Epsom County Hospital. Die Pflege psychisch traumatisierter Soldaten des Zweiten Weltkriegs wurde zu einem Schlüsselerlebnis für Annie Altschul. Sie bildete sich deshalb an der Mill Hill School im Norden Londons in psychiatrischer Pflege weiter. Schon im Jahr 1946 wurde Annie Altschul als Unterrichtsschwester am renommierten psychiatrischen Maudsley Hospital angestellt. Sie nahm zusätzlich ein Studium der Psychologie am Birkbeck College in London auf und absolvierte einen einjährigen USA-Aufenthalt im Jahr 1961/62 an der Boston University School of Nursing.

Pflegewissenschaftlerin in Edinburgh

Im Jahr 1964 wurde sie Dozentin am »Department of Nursing Studies« der Universität Edinburgh. Diese Stelle wurde im Jahr 1984 in eine Professur umgewandelt. Altschul publizierte zwei Bücher mit den Titeln „Psychiatrische Pflege“ sowie „Psychologie für Pflegeberufe.“ Das Interesse an psychisch traumatisierten Menschen veranlasste sie Ende der 60er Jahre, eine Studie an einem psychiatrischen Krankenhaus durchzuführen zur Erforschung der "Beziehung des Patienten zu Pflegenden." Annie Altschul gelangte durch diese Studie zu dem verblüffenden Ergebnis, dass Beziehungen zwischen Pflegenden und Patienten erst durch nicht routinemäßige Interaktionen zustande kommen. Die Studie zählt bis heute zu den Klassikern psychiatrischer Pflegeforschung.

Zu den pflegewissenschaftlichen Kolleginnen in Edinburgh gehörten Nancy Roper, Winifred Logan und Alison Tierney, die das Pflegemodell der Lebensaktivitäten entwickelten, das aus der deutschen Pflegewissenschaft seit den 1980er Jahren nicht mehr wegzudenken ist und auf den »sex res non naturales« der hippokratischen Diätetik beruht.

Beraterin der Weltgesundheitsorganisation

Altschul wurde temporäre Beratung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und bereiste mehrere Länder, um ihre Studie vorzustellen. Sie referierte mehrfach an der Kaderschule des Schweizerischen Roten Kreuzes in Aarau. 1984 wurde sie von den European Nurse Researchers nach Wien zu einem Vortrag eingeladen mit dem Titel „Nursing Research for a Better Care.“ Altschul war Mitglied der »Socialist Medical Association« und stiftete den »Professor Annie Altschul Publication Prize

Ruth Schröck, Einfluss auf die deutsche Pflegewissenschaft

Die Pflegewissenschaftlerin, erste Professorin und Altvaterin für Pflegewissenschaft in Deutschland, Ruth Schröck, ist eine Schülerin Annie Altschuls. Schröck promovierte bei Altschul. Schröck gehört zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft. Auch andere deutsche Pflegewissenschaftler zog es an die Universität Edinburgh, wie beispielsweise Marianne Arndt oder Reinald Schmidt-Richter, die mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung dort einen akademischen Titel erwarben.

Zeit nach der Emeritierung

Nach ihrer Emeritierung wandte sich Altschul wieder ihrer ursprünglichen Wiener Leidenschaft des Studiums der Mathematik zu, aktualisierte ihre Kenntnisse für den Unterricht mit Kindern, die ihr immer besonders am Herzen gelegen hatten, und arbeitete als ehrenamtliche Lehrerin in einer Grundschule.

Kurz vor ihrem Tod wurde eine eintägige Festveranstaltung mit Festschrift zu Ehren von Annie Altschul abgehalten.[2] Am 24. Dezember 2001 verstarb Annie Altschul in London (andere Quellen sprechen von Edinburgh), nachdem sie die Möglichkeit einer permanenten Dialyse aufgrund eines beidseitigen Nierenversagens abgelehnt hatte.

Ehrungen

  • Commander of the British Empire (CBE) aufgrund ihres Engagements für die Interessen und Rechte traumatisierter Patienten.

Veröffentlichungen

Als Autorin

Literatur

  • Schröck, Ruth: Annie Altschul – 18. Februar 1919 bis 24. Dezember 2001, in: Psychiatrische Pflege, Thieme Verlag Stuttgart, 8 (2002), S. 120–122.
  • Schröck, Ruth: Interaktionen zwischen Pflegenden und Patienten – Eine klassische Studie in der akuten Psychiatrie, in: Pflege. Die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe Huber Bern et.al. 16 (2003), S. 17–25.
  • Gogl, Anna (Editorial): Annie Altschul 1919 2001, in: Pflege. Die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe, Huber Bern et al. 16 (2003), S. 2–5.
  • Horst-Peter Wolff: Annie Altschul, in: Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte „Who was who in nursing history“, Bd. 3, Elsevier München 2004, S. 11+12.

Einzelnachweise

  1. Universität Wien: Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien: Annie Altschul, ständige Aktualisierung.
  2. UK Centre for the History of Nursing, Manchester: Professor Annie Altschul, Festschrift, abgerufen am 19. November 2016.