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vom 02.08.2016, aktuelle Version,

Ferdinand Ulrich

Ferdinand Ulrich (* 23. Februar 1931 in Odrau, heute Odry, Tschechien) ist ein deutscher Philosoph.

Leben

Ulrich studierte Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-theologischen Hochschule Freising und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1955 wurde er in München zum Dr.phil. promoviert. 1959 habilitierte er sich in Philosophie an der Universität Salzburg. Er lehrte ab 1960 als Privatdozent, ab 1961 als außerordentlicher Professor an der Pädagogischen Hochschule Regensburg, die später in die Universität Regensburg integriert wurde. 1967 wurde er zum ordentlichen Professor für Philosophie ernannt. Ulrich lehrte zudem an der Universität Salzburg (ab 1963) und an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in Pullach (später München). 1996 wurde er emeritiert. Er lebt in Regensburg.

Wirken

Im Zentrum seines Denkens und Fragens steht immer der je konkrete Mensch in seiner Verfasstheit und Lebenswelt wie auch seinem menschlichen In-der-Welt-Sein. Der Blick auf den Menschen kommt bei Ulrich aber zugleich stets aus der Tiefe eines Seinsdenkens, das alle seine Schriften prägt. Er ist in allem, was er bedenkt, immer und ursprünglich Metaphysiker, der die Phänomene menschlichen Daseins im Licht und „Wagnis der Seinsfrage“ wahrnimmt und entfaltet.

Dieses Seinsdenken ist besonders vom Geist des Thomas von Aquin inspiriert, der das Sein als Aktfülle alles Wirklichen deutet. Ulrich entfaltet von dort ausgehend im beständigen Gespräch – besonders mit dem Deutschen Idealismus (v.a. Hegel) und mit Heidegger, aber auch mit Marx, Kierkegaard, Freud und anderen – eine Metaphysik des Seins als Liebe (bzw. des Seins als Gabe). Er versteht sich dabei ausdrücklich als christlicher Philosoph. Von diesen Voraussetzungen her gelingt ihm eine Versöhnung von traditioneller Metaphysik und neuzeitlicher Transzendentalphilosophie einerseits, aber ebenso eine Versöhnung dieser Positionen mit der Dialogphilosophie andererseits. Ulrichs Denken kreist in vielfachen Variationen um die ontologische Differenz von nichtsubsistierendem Sein und subsistierendem Seienden. Die Vollgestalt und damit den eigentlichen Interpretationshorizont dieser Differenz erblickt er aber in der personalen Differenz von Ich und Du (als Freiheitsgestalt: Ich-Du-Wir). Daher sind hier Ontologie und Anthropologie streng aufeinander bezogen, ohne ineinander aufzugehen. Mit seinem radikalen Verständnis des Seins als Liebe steht Ulrich sowohl in der Tradition derer, die die Metaphysik, insbesondere in der Gestalt einer statischen Substanzontologie, überwinden wollen. Zugleich begreift er sich aber auch in einer Tradition solcher Denker, die (etwa mit Heidegger) aus einer vertieften Seinserfahrung die philosophischen Entwürfe der großen Tradition aus ebendieser Tiefe hören und deren metaphysisches Grundanliegen „nach vorne wiederholen“ (Kierkegaard) wollen.

Hat diese Philosophie des Seins als Liebe aber die heile Gestalt menschlichen Personseins im Blick, so ist sie als befreites Denken selbst nur in dem Ort möglich, in dem der Mensch zu diesem Personsein befreit ist: im Ort der Ankunft des Befreiers, im Raum der erlösten Freiheit oder der „heilen Endlichkeit“, die Ulrich als personalen Inbegriff der Kirche schaut.

Veröffentlichungen

Ulrichs Denken ist zugänglich in Gestalt einer inzwischen fünfbändigen Schriftenausgabe im Johannes-Verlag Einsiedeln, die noch nicht abgeschlossen ist. Allerdings gibt es nach 1980 kaum noch neue Texte von Ulrich. Für die Schriftenausgabe wurden zumeist ältere Manuskripte von ihm noch einmal überarbeitet. Erster Band und zugleich zentrales Werk ist Ulrichs Habilitationsschrift „Homo abyssus. Das Wagnis der Seinsfrage“ (erstmals 1961). In der Schriftenausgabe verdient auch der bislang letzte Band V besondere Aufmerksamkeit. Ulrich legt darin unter dem Titel „Gabe und Vergebung“ einen „Beitrag zur biblischen Ontologie“ vor, in dem er auf 830 Seiten das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Lk 15,11–32) im Sinne einer Onto-Dramatik zwischen Gott und Mensch auslegt. Weitere Veröffentlichungen umfassen rund 60 Aufsätze und zum Teil umfangreiche Abhandlungen, die zumeist in ausländischen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert sind. Titel kleinerer Bücher lauten etwa: „Der Mensch als Anfang. Zur philosophischen Anthropologie der Kindheit“ (1970) oder „Atheismus und Menschwerdung“ (1966).

Rezeption

Die spekulative Schwierigkeit, die eigenwillige Diktion und das christliche Fundament, aus dem Ulrich philosophiert, haben eine breite Rezeption erschwert. Allerdings gab und gibt es vereinzelt sehr beachtlichen Zuspruch. Hans Urs von Balthasar etwa hat Ulrich intensiv rezipiert und über Ulrichs Philosophie folgendes Urteil gefällt: „Sie hat … vor allen mir bekannten Entwürfen dies voraus, dass sie Aug in Aug zu den innersten Mysterien der christlichen Offenbarung steht, sie öffnet, ohne den streng-philosophischen Raum zu verlassen, und damit den heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht je bisher überwindet“.[1] In einem jüngeren Sammelwerk zur Religionsphilosophie wird Ulrich einer „der wichtigsten Religionsphilosophen des Jahrhunderts“ genannt.[2] Bischof Stefan Oster von Passau ist ein selbsterklärter Schüler Ulrichs.[3]

Primärliteratur

Schriften I-V:

  • I: Homo abyssus. Das Wagnis der Seinsfrage. Johannes Verlag, Einsiedeln 2.Aufl. 1998 (Horizonte 8) ISBN 3-89411-284-0. (Zugleich Salzburg Dissertation 1958 u.d.T.: Versuch einer spekulativen Entfaltung des Menschenwesens in der Seinsteilhabe.)
  • II: Leben in der Einheit von Leben und Tod. Einsiedeln 1999. ISBN 3-89411-358-8
  • III: Erzählter Sinn. Ontologie der Selbstwerdung in der Bilderwelt des Märchens. Einsiedeln 2.Aufl.2002.ISBN 3-89411-362-6
  • IV: Logo-tokos. Der Mensch und das Wort. Einsiedeln 2003. ISBN 3-89411-383-9
  • V: Gabe und Vergebung. Ein Beitrag zur biblischen Ontologie. Einsiedeln 2006. ISBN 3-89411-392-8 (Rezension von Richard Niedermeier)
  • Gegenwart der Freiheit. Einsiedeln 1974. ISBN 3-265-10154-1 (Sammlung Horizonte; N.F. 8), 1974
  • Der Mensch als Anfang: zur philosophischen Anthropologie der Kindheit. Einsiedeln 1970. (Kriterien 16)

Sekundärliteratur

  • Marine de la Tour: Gabe im Anfang: Grundzüge des metaphysischen Denkens von Ferdinand Ulrich. Kohlhammer, Stuttgart 2016. ISBN 978-3170311237
  • Stefan Oster: Umsonst geben – Über Lehrer-sein und geistliche Vaterschaft. Ferdinand Ulrich zum 80. Geburtstag. In: IKaZ Communio 40 (2011), S. 51–61
  • Stefan Oster: Thinking Love at the Heart of Things. The Metaphysics of Being as Love in the Work of Ferdinand Ulrich. In: IKaZ Communio 37/4 (2010), S. 660–700
  • Stefan Oster: Mit-Mensch-Sein. Phänomenologie und Ontologie der Gabe bei Ferdinand Ulrich, Freiburg/München 2004. ISBN 3-495-48126-5
  • Reinhard Feiter: Zur Freiheit befreit. Apologie des Christlichen bei Ferdinand Ulrich, Würzburg 1994. ISBN 3-429-01603-7
  • Martin Bieler: Freiheit als Gabe. Ein schöpfungstheologischer Entwurf, Freiburg/Basel/Wien 1991. ISBN 3-451-22294-9
  • Emmanuel Tourpe: „La positivité de l'être comme amour chez Ferdinand Ulrich à l'arrière-plan de Theologik III. Sur un mot de Hans Urs von Balthasar“, in: Gregorianum 1 (1988), S. 86–117

Quellen

  • Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender (1996), S. 1496
  • Wer ist wer? 46 (2007), S. 1346

Einzelnachweise

  1. Zitat abgedruckt auf dem Rücken der 2. Auflage von Homo abyssus, 1998.
  2. S. Grätzel/A. Kreiner. Religionsphilosophie, Stuttgart/Weimar 1999, S. 112.
  3. Stefan Oster, Mit-mensch-sein: Phänomenologie Und Ontologie der Gabe bei Ferdinand Ulrich. Freiburg 2004.