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vom 26.03.2018, aktuelle Version,

Gustav Marchet

Gustav Marchet

Gustav Marchet (* 29. Mai 1846 in Baden bei Wien; † 27. April 1916 in Schlackenwerth, Böhmen) war ein Politiker und Rechtsgelehrter in der k. u. k. Monarchie.

Leben

Marchet wurde 1846 als Sohn eines Apothekers in Baden bei Wien geboren. Nach seiner Gymnasialzeit in Kremsmünster studierte er Rechtswissenschaften an den Universitäten Graz und Wien. 1869 trat er als Praktikant in die niederösterreichischen Statthalterei ein und unterrichtete an der Forstakademie Mariabrunn Wirtschaft und Recht. 1875 wurde er an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, der er seit der Gründung im Jahre 1872 angehörte, zum a.o. Professor und 1883 zum Ordinarius für Verwaltungs‐ und Agrarrecht bestellt. 1884/85, 1892/93 und 1905/06 hatte er die Leitung des Rektorats inne.

Die politische Laufbahn Gustav Marchets, der in den ersten Jahren seines politischen Wirkens dem sozial engagierten Flügel der altliberalen und großbürgerlich dominierten Partei der „Vereinigten Deutschen Linken“ verpflichtet war, begann 1891 mit der Wahl in den Reichsrat, dem er von 1891 bis 1897 und von 1901 bis 1906 angehörte. Als diese Partei an Einfluss verlor und sich 1896 in den Kronländern die „Deutsche Fortschrittspartei“ bildete, wurde Marchet mit der Führung der neuen Partei in Niederösterreich betraut.[1]

Bei der Bildung des Kabinetts Beck am 2. Juni 1906 wurde Dr. Marchet zum Minister für Kultus und Unterricht ernannt. In den knapp zweieinhalb Jahren, in denen er das Ministeramt innehatte, entfaltete er eine rege Tätigkeit. Er führte das Realgymnasium als eine dem Gymnasium gleichberechtigte Mittelschule ein und schuf Erleichterungen bei der Reifeprüfung und Leistungsbeurteilung. In diese Zeit fiel auch die Verstaatlichung des Konservatoriums, dessen Kurator er bis zu seinem Tod war. Am 7. November 1908 überreichte Ministerpräsident Freiherr v. Beck dem Kaiser die Demission des gesamten Kabinetts. Pressemeldungen zufolge soll auch das Verhalten von Dr. Marchet in Universitätsfragen, insbesondere die Nachwirkungen der sogenannten Wahrmund-Affäre, für diesen Schritt ausschlaggebend gewesen sein.[2]

Gustav Marchet war ein Mann von vielseitigen Interessen. Er verfasste mehrere Schriften mit juristischen und agrarpolitischen Inhalten. Er war Ehrenbürger mehrere Städte, Ehrenprofessor der Hochschule für Bodenkultur, führendes Mitglied der Grillparzer-Gesellschaft und der Goethe-Gesellschaft, Mitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und leitender Funktionär des Bildungsinstitutes Urania. Er starb an einem Schlaganfall, der ihn bei einer Birkhahnjagd ereilte. Am 29. Mai des genannten Jahres hätte er das 70. Lebensjahr vollendet.

Seine Tochter Ludovica Hainisch-Marchet kandidierte 1951 sie als parteilose Kandidatin für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und war damit weltweit als erste Frau, die sich um dieses Amt bewarb.

Einzelnachweise

  1. Lothar Höbelt in: Kornblume und Kaiseradler. Die deutschfreiheitlichen Parteien Altösterreichs, 1882 – 1916, S. 121.
  2. Innsbrucker Nachrichten vom 9. November 1908, S. 1

Schriften (Auswahl)

  • Die Aufgabe der gewerblichen Gesetzgebung. 1877
  • Über landwirtschaftlichen Credit. 1878
  • Studien über die Entwicklung der Verwaltungslehre in Deutschland von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1885 (Digitalisat)
  • Das Recht des Landwirthes. 1890
  • Die Versorgung der Kriegsinvaliden und ihrer Hinterbliebenen, in: Flugschriften für Österreich-Ungarisches Erwachen. 1915

Literatur (Auswahl)