unbekannter Gast
vom 05.11.2017, aktuelle Version,

Hanns Georg Heintschel-Heinegg

Hanns Georg Heintschel-Heinegg (* 5. September 1919 in Kněžice, Tschechoslowakei; † 5. Dezember 1944 in Wien, Österreich) war ein österreichischer Lyriker, Theologiestudent und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Werdegang

Schloss Kněžice, Geburtsort des Hanns Georg Heintschel-Heinegg

Hanns Georg Heintschel-Heinegg entstammte einer ursprünglich aus Heinersdorf an der Tafelfichte stammenden österreichischen Wollwarenfabrikantenfamilie. Er wurde auf Schloss Kněžice im Böhmerwald geboren, das die Familie 1897 erworben hatte. Im Jahre 1906 zog sein Vater Wolfgang Heintschel von Heinegg von Wien auf das sanierte Schloss Kněžice. 1926 mussten seine Eltern ihre Güter Kněžice, Žíkov und Strunkov wegen Überschuldung verkaufen.[1] Die Familie übersiedelte mit ihren drei Töchtern und dem Sohn nach Wien, wo er die Schule besuchte.[2] In den 1930er Jahren kam er ans Theresianum, wo er sich früh mit der deutschsprachigen Literatur beschäftigte und im Jahr 1937 maturierte. Danach trat er in das Priesterseminar Canisianum in Innsbruck ein. Bald nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 musste er das Theologiestudium abbrechen und schloss sich in Wien der Widerstandsgruppe Österreichische Freiheitsbewegung um Roman Karl Scholz an.

Im Jahr 1940 wurde die Freiheitsbewegung um Pater Scholz von einem ihrer Mitglieder, dem Burgschauspieler Otto Hartmann, an die Gestapo verraten. Am 23. Juli 1940 wurde Heintschel-Heinegg zusammen mit den anderen führenden Mitgliedern der drei genannten Widerstandsbewegungen verhaftet. Die Verlegung Heintschel-Heineggs und vieler seiner Gleichgesinnten nach Anrath erfolgte Anfang Juli 1941. Die Eintönigkeit seiner Arbeit, täglich 1600 Briefumschläge zu kleben und das ihm auferlegte Schreibverbot, bedeuten für Heintschel-Heinegg eine überaus große Belastung:

Will ich nicht lügen, so muß ich auch bekennen, daß ich in größter geistiger Not bin: in der Not, kein Wort niederschreiben zu dürfen von den Legionen Gedanken über Kunst, Wissenschaft und menschliches Leben, die mich brausend erfüllen, die mich aber nun peinigen [...].

Anfang November 1941, ausgelöst durch den tragischen Tod von Pater Bernhard Burgstaller, Abt des österreichischen Zisterzienserklosters Wilhering, wurde Heintschel-Heinegg nach Krefeld verlegt. Besonders der Aufenthalt im Krefelder Gefängnis, aber auch seine zweite Anrather Zeit ab März 1943, waren noch einmal Stätten eines reichen dichterischen Schaffens. Obwohl die Krefelder Zeit auch viele Strapazen mit sich brachte - die Gefangenen blieben z. B. während der Luftangriffe in ihren Zellen gefesselt - schien sie für Heintschel-Heinegg doch mit manchen Erleichterungen verbunden gewesen zu sein: Mehr Zeit für freie Beschäftigung schlägt sich nieder in Notizbüchern voller Gedanken. Ab März 1943 wieder im Anrather Gefängnis, da von seinem Mithäftling Heinrich Zeder als „Hölle von Anrath“ bezeichnet wurde, begannen für Heintschel-Heinegg erneut die Zeit des „ Mißtrostes und Unbehagens“: Heintschel-Heinegg schreibt:

Ich habe keine Erlaubnis zu Studium oder eigenem Schreibzeug, so daß der Tag, mit elf Arbeitsstunden und nächtlicher Unruhe von oben randvoll ausgefüllt, grau in grau dahinsinkt. Die wenigen Gedichte entstehen sehr behelfsmäßig und können nicht mehr sorgsam niedergeschrieben werden.

Nach der Verlegung in verschiedene Lager und Gefängnisse wurde er im Februar 1944 von einem in Wien tagenden Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 5. Dezember 1944 hingerichtet. Die Hinrichtung wurde von Mitinhaftierten detailliert beschrieben: Nach dem Empfang der Kommunion wurden die Gefangenen gegen 18.00 Uhr zur Hinrichtung abgeholt. Wenn der Todeskandidat die Tür verlassen hat, so nehmen ihn zwei Wächter in die Mitte, der Pastor tritt auf seine rechte Seite - der Gefängnispfarrer hatte sich schon vorher verabschiedet -, und so geht es durch den langen Gang bis zur Tür des Exekutionsraumes. Dort wird der Delinquent von den Scharfrichtern in Empfang genommen, der Geistliche bleibt zurück. Dann befindet man sich in einem nur vom elektrischen Licht erhellten Raum, der durch einen schwarzen Vorhang in zwei Teile geschieden ist. Im vorderen Teil sitzt der Oberstaatsanwalt mit der Vollstreckungskommission. Dieser fragt: ‘Sind Sie der Herr soundso? Ja? Das gegen Sie vom Volkgerichtshof gefällte Todesurteil wird jetzt vollstreckt.’ Dann reißen die Henker die Füße des Delinquenten nach hinten, er fällt mit dem Gesicht direkt in ein großes Heftpflaster, das ihm den Mund verschließt, und er wird auf ein Rollbett geworfen, das mit dem Fallbeil in Kontakt steht. Dieses Brett gleitet zwei kurze Schienen entlang. Dann, direkt unter dem Beil, löst sich eine Feder aus, das 45 kg schwere Messer des Fallbeils stürzt mit 300 kg Fallgewicht herunter und trennt das Haupt vom Rumpfe.[...] Alles in allem dauert die Exekution kaum eine Minute.

Würdigung

Gedenktafel

Die katholische Kirche hat Hanns Georg von Heintschel-Heinegg als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

An seinem ehemaligen Wohnhaus in der Wohllebengasse 7 in Wien-Wieden wurde eine Gedenktafel angebracht.

Schriften

  • Hans Georg Heintschel-Heinegg: Vermächtnis. Mit einer biographischen Einleitung von Rüdiger Engerth. Querschnitt Verlag, Graz 1947.

Literatur

  • Aurel Billstein: Der eine fällt, die andern rücken nach..., Dokumente des Widerstandes und der Verfolgung in Krefeld 1933 - 1945. Frankfurt 1973, DNB 740132083.
  • Ulrich Bons: Gedichte hinter Mauern. In: Anrather Heimatbuch 2000. Willich-Anrath 1999.
  • Ulrich Bons: Der Tod eines österreichischen Abtes im Anrather Gefängnis. In: Heimatbuch des Kreises Viersen 2000. Viersen 1999.
  • Erich Burghardt: Durch geschichtliche Krisen: ein Leben zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert Böhlau Verlag Wien, 1998, ISBN 3-20-59879-42[3]
  • Ildefons Fux: Hanns Georg Heintschel-Heinegg, Student der Theologie, Dichter, Patriot. In: Jan Mikrut (Hrsg.): Blutzeugen des Glaubens. Bd. I, Dom-Verlag, Wien 1999, ISBN 3-85351-159-7.
  • Christine Klusacek: Die österreichische Freiheitsbewegung Gruppe Roman Karl Scholz. Wien 1968.
  • Ignaz Christoph Kühmayer: Auferstehung. Dom-Verlag, Wien 1948.
  • Helmut Moll (Hrsg. im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz), Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, 6., erweiterte und neu strukturierte Auflage Paderborn u.a. 2015, ISBN 978-3-506-78080-5, Band I, S. 861–864.
  • Otfried Pustejovsky: Christlicher Widerstand gegen die NS-Herrschaft in den böhmischen Ländern. Lit Verlag, 2009, ISBN 978-3-8258-1703-9.
  • Heinrich Zeder: Judas sucht einen Bruder. Wien 1947.
  • Heintschel von Heinegg, Hanns Georg. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1959, S. 251.

Einzelnachweise

  1. Geschichte des Schlosses Kněžice
  2. Erich Burghardt: Durch geschichtliche Krisen: ein Leben zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert Böhlau Verlag Wien, 1998, ISBN 3-20-59879-42
  3. Hanns Georg Heintschel-Heinegg war der Onkel von Burghardts Ehefrau