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vom 13.12.2021, aktuelle Version,

Hellmuth Weiss

Franz Robert Hellmuth Weiss (* 10. Oktoberjul. / 23. Oktober 1900greg. in Reval (estn. Tallinn); † 10. April 1992 in Marburg) war ein Politiker der deutschen Minderheit in Estland, Präsident der Estländischen Deutschen Kulturverwaltung und zeitweise Abgeordneter im Rahvuskogu.

Leben und Wirken

Hellmuth Weiss stammte aus einer alten Revaler Familie und war der Sohn des Buchhändlers und Ältermanns der Großen Gilde Robert Weiss. Seine Mutter stammte aus Memel. Hellmuth Weiss besuchte die Domschule zu Reval. Im Herbst 1918 studierte er Geschichte, Geographie und Germanistik an der unter deutscher Besatzung wiedereröffneten Universität Dorpat. Von 1918 bis 1920 nahm er am Estnischen Freiheitskrieg als Freiwilliger des Baltenregiments teil. 1920/21 setzte er seine Studien in Greifswald und von 1921 bis 1925 in Tübingen fort. Das Studium schloss er 1925 mit Promotion ab. Zwei Jahre später wurde Weiss Leiter der Bibliotheken der Estländischen Literarischen Gesellschaft und der Estländischen Deutschen Kulturverwaltung in Tallinn, 1936 Vizepräsident der Estländischen Literarischen Gesellschaft und 1931 Leiter des Kulturamts. 1933 wurde er Vizepräsident und 1939 Präsident der Estländischen Deutschen Kulturverwaltung.

Hellmuth Weiss wurde 1937 als Vertreter der Kulturverwaltungen der deutschen und jüdischen Minderheiten in die zweite Kammer (Riiginõukogu) der estnischen Nationalversammlung (Rahvuskogu) berufen. Als führender Repräsentant der deutschen Volksgruppe war er 1939/40 maßgeblich an den Verhandlungen über die Umsiedlung der Deutschen aus Estland beteiligt. Im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes war der Sowjetunion die Besetzung Estlands zugestanden worden. Die Deutschen wurden ins Reich umgesiedelt.

Nach der Durchführung der Umsiedlung war Hellmuth Weiss ab 1940 Sachverständiger der deutschen Delegation bei den Verhandlungen mit der estnischen Regierung über die Kulturgüterausfuhr. Im Januar 1941 wurde er Gebietsbevollmächtigter für die Nachumsiedlung zurückgebliebener Deutscher in Estland. Am 21. März 1940 erhielt er in Posen die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung. Am 10. Mai 1941 beantragte Weiss den Beitritt in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1942 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.727.555). Nach dem Angriff auf die Sowjetunion wurde das Baltikum 1941 von deutschen Truppen besetzt. Hellmuth Weiss kehrte nach Tallinn zurück und wurde dort von 1941 bis 1944 Leiter der Kulturpolitischen Abteilung im Generalkommissariat Ostland. 1944 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und leistete bis 1945 Kriegsdienst. Danach war er für kurze Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Nach seiner Entlassung arbeitete er zwei Jahre als Dolmetscher in Potsdam, musste dann aber aus der SBZ in den Westen flüchten. Ab 1950 lebte er in Marburg. Dort wirkte er von 1952 bis 1959 als Leiter der Bibliothek des J.G. Herder-Instituts und von 1959 bis 1965 als dessen Direktor. Zudem war er von 1959 bis 1970 geschäftsführendes Vorstandsmitglied und 1974 bis 1975 Vizepräsident des Johann Gottfried Herder-Forschungsrates in Marburg.

Weiss ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen historischen und bibliographischen Inhalts und Herausgeber von Zeitschriften und Forschungsreihen, z. B. der Marburger Ostforschungen (1960–1969) und der Zeitschrift für Ostforschung (1960–1990).

Weiss war Mitglied der Baltischen Corporation Estonia Dorpat[1] und Ehrenphilister der Corona Dorpatensis Marburg[2].

Literatur

  • Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest – Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel und Südosteuropa 1919–1945, Bd. 1: Einleitung, Systematik, Quellen und Methoden, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechoslowakei. 1. Ausgabe, 2. Auflage. Dokumentation-Verlag, Kopenhagen 1991, ISBN 87-983829-3-4, S. 121.
  • Hugo Weczerka: In memoriam Dr. Hellmuth Weiss. In: Zeitschrift für Ostforschung 41, 1992, S. 481–488.
  • Jürgen von Hehn/Csaba János Kenéz: Reval und die baltischen Länder. Festschrift für Hellmuth Weiss zum 80. Geburtstag. Marburg/Lahn 1980.

Einzelnachweise

  1. Nachtrag zum Album Estonorum von 1939. Bovenden 1961.Nr. 1196a
  2. Corona Dorpatensis Marburg: ALBUM FRATRUM 1947-1967.Nr. III