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vom 15.09.2017, aktuelle Version,

Hermann Baumann (Ethnologe)

Hermann Baumann (* 9. Februar 1902 in Freiburg im Breisgau; † 30. Juni 1972 in München) war ein deutscher Ethnologe, Afrikanist, Kulturhistoriker und Nationalsozialist.

Leben

Baumann studierte in Freiburg, Berlin und Leipzig und wurde 1925 promoviert. Ab 1925 war er an der von Alfred Schachtzabel geleiteten Afrikaabteilung des Berliner Museums für Völkerkunde angestellt. Von 1934 bis 1939 war er Kustos der dortigen neuen Eurasischen Abteilung, die weniger aus wissenschaftlichen, sondern aus politischen Gründen eingerichtet wurde und in das Konzept vom „Lebensraum im Osten“ des Deutschen Reiches passte. Von 1928 bis 1941 war Baumann Herausgeber der Zeitschrift für Ethnologie.

Baumann war als Schüler von Leo Frobenius Vertreter eines Kulturdiffusionismus. Er postulierte die Entstehung eines vielen Völkern gemeinsamen Weltmythos gegen Ende des 4. Jahrtausends vor Christus im Bereich zwischen Nil und Indus; dieser habe sich in modifizierter Form bis nach China und in Teilen Afrikas verbreitet.

Seit 1932 war Baumann NSDAP-Mitglied und arbeitete intensiv an Plänen für koloniale Rückeroberungen und Expansionen von Deutschland in Afrika mit, die wegen des Kriegsverlaufs aber nie realisiert wurden.[1] Baumann lehrte von 1939 bis 1945 als Professor am Institut für Völkerkunde der Universität Wien (1939–45), nach seinem im Mai 1949 stattgegebenen Entnazifizierungsantrag von 1951 bis 1954 zunächst an der Universität Mainz und von 1955 bis 1972 als Professor am Institut für Völkerkunde und Afrikanistik der Universität München. Kurz nach der Rückkehr von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Angola verstarb Baumann 1972 in München an den Folgen einer Malaria-Erkrankung.[2] Seit 1965 war er ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.[3]

Eines der umfassendsten Werke der deutschsprachigen Afrikanistik, das von ihm herausgegebene, postum erschienene Hauptwerk Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen trägt seinen Namen. Es ist aus dem Werk Völkerkunde von Afrika: mit besonderer Berücksichtigung der kolonialen Aufgabe hervorgegangen, an dem auch Diedrich Westermann und Richard Thurnwald mitgearbeitet haben.

Beatrix Heintze, Hermann Amborn und Klaus E. Müller zählen zu seinen Schülern. László Vajda war von 1957 bis 1962 sein Assistent.

Schriften

Kalelwa-Maske der Chokwe in Angola. Sammlung Baumann im Ethnologischen Museum, Berlin. Erworben um 1938
  • Die Mannbarkeitsfeiern bei den Tsokwe (N.O. Angola; Westafrika) und ihren Nachbarn. Reimer, Berlin 1932 (Baessler-Archiv. Beiträge zur Völkerkunde. Band 15, Heft 1)
  • Schöpfung und Urzeit des Menschen im Mythus der afrikanischen Völker. Herausgegeben mit Unterstützung der Staatlichen Museen in Berlin (Baesslerstiftung) und des Internationalen Instituts für afrikanische Sprachen und Kulturen. Dietrich Reimer / Andrews & Steiner Verlag, Berlin 1936
  • mit Richard Thurnwald, Diedrich Westermann: Völkerkunde von Afrika: mit besonderer Berücksichtigung der kolonialen Aufgabe. Essener Verlags-Anstalt, Essen 1940
  • Beitrag in: Koloniale Völkerkunde, koloniale Sprachforschung, koloniale Rassenforschung. Berichte über die Arbeitstagung im Januar 1943 in Leipzig. Reimer/Andrews & Steiner, Berlin 1943
  • (Hrsg.): Koloniale Völkerkunde, I. In Zusammenarbeit mit der Kolonialwissenschaftlichen Abteilung des Reichsforschungsrates in der deutschen Forschungsgemeinschaft hrsg. (Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte und Linguistik, Jahrgang 6). Horn: Ferd. Berger, 1944 (Mit Beiträgen von W. Becker-Donner, Mattenklodt, T. M. Bettini, H. v. Sicard u. H. Baumann)
  • Fritz Valjavec (Hrsg.): Historia Mundi. Ein Handbuch der Weltgeschichte in zehn Bänden. Begründet von Fritz Kern. 1. Band: Frühe Menschheit. Von Santiago Alcobe y Noguer, Hermann Baumann, Renato Biasutti u.a. Mit einer ausklappbaren Zeittafel. Francke, Bern 1952
  • Das doppelte Geschlecht. Ethnologische Studien zur Bisexualität in Ritus und Mythos. Reimer, Berlin 1955 (Neuauflage 1986)
  • Afrikanische Plastik und sakrales Königtum. Ein sozialer Aspekt traditioneller afrikanischer Kunst. (= Bayerische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch- Historische Klasse. Sitzungsberichte Jg. 1968, Heft 5). Beck, München 1969
  • Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen. Steiner, Wiesbaden 1975–1979 (Studien zur Kulturkunde 34 und 35)
    • Teil 1 Allgemeiner Teil und südliches Afrika
    • Teil 2 Ost-, West- und Nordafrika

Literatur

  • Klaus E. Müller: Menschenbilder früher Gesellschaften. Ethnologische Studien zum Verhältnis Mensch und Natur. Gedächtnisschrift für Hermann Baumann. Campus-Verlag, Frankfurt/M 1983.
  • Beatrix Heintze: Ethnographische Zeichnungen der Lwimbi/Ngangela (Zentral-Angola). Aus dem Nachlaß Hermann Baumann. Wiesbaden, Steiner 1988 (Sonderschriften des Frobenius-Instituts 5); ISBN 3515051708.
  • Peter Linimayr: Wiener Völkerkunde im Nationalsozialismus. Lang, Frankfurt am Main u.a. 1994, ISBN 978-3-631-46736-7.
  • Jürgen Braun: Eine deutsche Karriere. Die Biographie des Ethnologen Hermann Baumann (1902–1972). Edition Anakon, München 1995, ISBN 3-929115-50-6 (Magisterarbeit, Münchener ethnologische Abhandlungen)

Einzelnachweise

  1. Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien: Zur Geschichte des Instituts.
  2. Helmut Straube: Hermann Baumann 9. Februar 1902 – 30. Juni 1972. In: Paideuma: Mitteilungen zur Kulturkunde, Bd. 18, 1972, S. 1–15, hier S. 1
  3. Mitgliedseintrag von Hermann Baumann (mit Link zu einem Nachruf) bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 7. Januar 2017.