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vom 25.02.2018, aktuelle Version,

Kurden im deutschsprachigen Raum

Die Kurden im deutschen Sprachraum haben ihren Wohnsitz v. a. in Deutschland, Österreich oder der Deutschschweiz. Ihre Anzahl in Mitteleuropa ist in den amtlichen Statistiken nicht erfasst, aber Schätzungen zufolge wohnen inzwischen über eine Million Menschen kurdischer Abstammung im deutschen Sprach- und Kulturraum.

Statistiken

Die Anzahl der Kurden ist nicht amtlich erfasst, weil Menschen (In- und Ausländer) in amtlichen Statistiken nach ihrer Staatsangehörigkeit erfasst werden. Da aber das Volk der Kurden keinen eigenen kurdischen Nationalstaat besitzt kann es somit auch keine kurdische Staatsangehörigkeit geben. Das kurdische Siedlungsgebiet in Vorderasien führt über Staatsgrenzen hinweg und besteht aus Menschen kurdischer Muttersprache und Kultur. Die Mehrheit der Kurden sind Bürger der Türkei, des Irak, des Iran, Syriens oder Staatsangehörige ihrer Wahlheimat in Mitteleuropa. Amtlich erfasst wurde und werden die Kurden nur, wenn jemand als Asylbewerber angibt, als Kurde in seinem Herkunftsland politischer Verfolgung ausgesetzt zu sein.

Migrationssituation

Die Anzahl der im deutschen Sprachraum, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, lebenden Kurden wird zwischen 500.000[1][2] und 800.000[3] geschätzt.

Kurdische Migranten, fast ausschließlich Männer, kamen zunächst als Arbeitsmigranten (Gastarbeiter) in die Bundesrepublik Deutschland. Bis zum Anwerbestopp 1973 bildeten Kurden ein Drittel (d. h. ca. 400.000) der angeworbenen Gastarbeiter aus der Türkei.[4] Relativ viele Kurden kamen seit der islamischen Revolution 1979 im Iran, dem Militärputsch 1980 in der Türkei, während des Libanonkrieges (1982), dem Türkei-PKK-Konflikt (1984), sowie nach den Übergriffen des Regimes Saddam Husseins im Irak (vor allem nach dem Giftgasangriff 1988 auf Halabdscha) als Asylbewerber in die Bundesrepublik Deutschland. Den Höhepunkt der Asylbewerberwelle bildeten die späten 1990er Jahre.[5] In dieser Zeit kamen ca. 80 Prozent aller der in Statistiken der Türkei zugeordneten Asylbewerber in Deutschland aus den Kurdengebieten.[6][7][8]

Ein Drittel bis über die Hälfte der Flüchtlinge aus dem Irak, die seit Ende der neunziger Jahre in den deutschen Sprachraum kamen, waren Kurden.[9][10][11]

Eine relativ kleine Gruppe von Kurden sind nach einem Hochschulstudium im Land des Studiums verblieben, vor allem in Deutschland. Die ersten kurdischen Arbeitskräfte nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Kinder und Kindeskinder zählen hierzu. Ein Rückreiseangebot in den 1980er Jahren wurde nur von wenigen Kurden und Türken in Anspruch genommen.

Religionen

Unter Kurden sind verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen vertreten. Die Mehrheit der Kurden sind Anhänger der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams, sie machen etwa zwei Drittel aus. Ebenfalls vertreten sind Anhänger anderer Auslegungen des Korans bzw. Islams, wie z. B. die aus der Schia hervorgegangenen Bajwan. Daneben finden sich Aleviten, Jesiden, Yarsan, Christen und kurdische Juden.[12]

Zwei Drittel, der im deutschen Sprachraum, vor allem in Deutschland, lebenden Kurden sind schafiitische Sunniten (im Gegensatz zu den (ethnischen) Türken und Arabern in ihren Herkunftsstaaten, die überwiegend Hanafiten sind). Die Zahl der kurdischen Aleviten in Deutschland wird auf ca. 175.000 geschätzt.[13]

In der Bundesrepublik Deutschland leben zwischen 35.000 und 40.000 Jesiden, davon 3.000 in der Stadt Celle[14][15] und 1.300 in Oldenburg.[16]

Selbstbild und politische Orientierung

Ein von Kurden betriebener Supermarkt in Bielefeld

In Deutschland stellt die „Kurdische Gemeinde in Deutschland e.V.“ (KGD) den Dachverband der Kurden in Deutschland dar und bezeichnet sich selbst als „ausdrücklich religionsneutral“. Ihr Vorsitzender ist der Rechts- und Sozialwissenschaftler Ali Ertan Toprak, der als erster Vertreter der „Migranten“ im ZDF-Fernsehrat sitzt.[17][18][19]

Viele der als Gastarbeiter nach Deutschland eingewanderten Kurden legten anfänglich keinen besonderen Wert darauf, nicht als Türken eingeordnet zu werden. Das Bewusstsein der Kurden in Deutschland, einer anderen Ethnie als der türkischen anzugehören, nahm mit den politischen Spannungen in den Kurdengebieten in der Türkei sowie dem wachsenden Zustrom von Flüchtlingen und Asylbewerbern aus der Türkei zu. Das Leben in der (deutschen) Diaspora setzt Impulse für die Entwicklung der kurdischen Schriftsprache, der kurdischen Literatur und Musik.

Zwei Prozent (11.500) der in Deutschland lebenden Kurden stuft der Verfassungsschutz als Anhänger des „Volkskongresses Kurdistans“ (Kongra Gel), der Nachfolgeorganisation der verbotenen Untergrundorganisation PKK, ein.[20] Zwischen jüngeren Kurden und ethnischen Türken kommt es in Deutschland teils zu – auch gewalttätigen – Auseinandersetzungen.[21] Dem Vorsitzenden des Deutsch-Türkischen Forums in der nordrhein-westfälischen CDU, Bülent Arslan, zufolge, ist der Konflikt zwischen Türken und Kurden in Deutschland Ausdruck mangelnder Integration.[22]

Der Politikwissenschaftler Kenan Engin sieht jedoch den Konflikt im Nahen Osten verortet. Solange die Konfliktlinien in den Ländern wie der Türkei, Syrien, dem Irak und Iran nicht endgültig gelöst werden, ist die angespannte Situation in Deutschland schwer zu lösen.[23] Bei einem kurdischen Kulturfestival auf dem Mannheimer Maimarkt kam es im September 2012 zu schweren Gewaltausbrüchen seitens kurdischer Teilnehmer gegen die Polizei, bei denen über 80 Beamte verletzt wurden. Radikalisierte kurdische Teilnehmer hissten auf dem Veranstaltungsgelände Fahnen der verbotenen PKK, eine Videobotschaft von Murat Karayılan wurde von den Organisatoren gesendet.[24]

Siehe auch

  Portal: Migration und Integration – Artikel, Kategorien und mehr zu Migration und Flucht, Interkulturellem Dialog und Integration

Literatur

  • Susanne Schmidt: Kurdisch-Sein mit deutschem Pass!: formale Integration, kulturelle Identität und lebensweltliche Bezüge von Jugendlichen kurdischer Herkunft in Nordrhein-Westfalen : eine quantitative Studie. Navend, Bonn 2000, ISBN 3-933279-09-7.
  • Susanne Schmidt: Kurdisch-Sein und nicht -Sein. Einblicke in Selbstbilder von Jugendlichen kurdischer Herkunft: eine qualitative Studie. Navend, Bonn 1998, ISBN 3-933279-05-4.
  • Gesa Anne Busche: Über-Leben nach Folter und Flucht. Resilienz kurdischer Frauen in Deutschland. transcript Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2296-6.
  • Burkhard Weitz: Engel, Ehre, viele Kinder. In: Chrismon, Heft Juli 2017, S. 62–69
  • Kenan Engin: Der Kampf der Kurden gegen IS und die Reaktion des Westens, PDF
  • Kenan Engin: Die Rolle der Kurden im Syrienkonflikt, PDF

Einzelnachweise

  1. ca. 500.000 laut Schätzung der Bundesregierung in Bundestagesanfrage Ds. 14/2676 (PDF; 136 kB) von 14. Februar 2000.
  2. ca. 600.000 laut NAVEND - Zentrum für kurdische Studien: Migration
  3. ca. 700. - 800.000 (Schätzung für das Jahr 2002) laut Deutsch-Kurdische Gesellschaft: Die Situation der Kurden in Deutschland Facharbeit S. 11 unter Berufung auf NAVEND
  4. HÎNBÛN - Internationales Bildungs- und Beratungszentrum für Frauen und ihre Familien in Berlin-Spandau: Kurden in Deutschland
  5. NAVEND - Zentrum für kurdische Studien: Entwicklung der Zahl kurdischer Flüchtlinge aus dem Irak, Iran, Syrien und der Türkei von 1991 bis 2001 (PDF; 10 kB)
  6. Deutsch-Kurdische Gesellschaft: Die Situation der Kurden in Deutschland, Facharbeit, S. 13 f.
  7. 79 Prozent aller türkischen Asylbewerber im Jahr 2007 waren kurdischer Volkszugehörigkeit: Rund 19.000 Asylbewerber im Jahr 2007 – Geringster Zugang seit 1977 (Memento vom 13. Mai 2008 im Internet Archive), BMI, 10. Januar 2008.
  8. Zeit Online – Für eine neue deutsche Kurdenpolitik
  9. 35 Prozent Kurden bei 17.167 irakischen Asylantragstellern im Jahr 2001: Asylbewerberzahlen 2002 Quelle: BMI Pressemitteilung vom 8. Januar 2003 und Deutschland: Zahl der Asylbewerber erreicht Jahreshöchststand (Memento vom 7. November 2007 im Internet Archive), bpb, Migration und Bevölkerung Ausgabe 06/01 (September 2001).
  10. gut die Hälfte Kurden von 1983 irakischen Asylantragstellern im Jahr 2005: Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble: Asylbewerberzugang im Jahr 2005 auf niedrigsten Stand seit 20 Jahren (Memento vom 26. Juni 2008 im Internet Archive) BMI 8. Januar 2006.
  11. 43 Prozent Kurden von 6.836 irakischen Asylbewerbern im Jahr 2008: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Broschueren/broschuere-asyl-in-zahlen-2008.pdf?__blob=publicationFileAsyl in Zahlen 2008, BAMF
  12. NAVEND – Zentrum für kurdische Studien: Religion
  13. Sukriye Dogan / Eva Savelsberg: Die religiöse Landschaft der Kurden (Memento vom 1. Dezember 2008 im Internet Archive)
  14. Durchs deutsche Kurdistan. In: Die Zeit vom 25. Januar 1999.
  15. Siamend Hajo und Eva Savelsberg: Yezidische Kurden in Celle. Eine qualitative Untersuchung (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive) (PDF; 284 kB)
  16. Die Yeziden in Deutschland – Religion und Leben (Memento vom 23. Februar 2010 im Internet Archive)
  17. Kurdische Gemeinde Deutschland e.V.. Abgerufen am 19. Juli 2016
  18. Erdogan-Gegner werden in Deutschland offenbar massiv bedroht. Focus. 19. Juli 2016. Abgerufen am 20. Juli 2016
  19. ZDF-Fernsehrat: Sechs aus Sechzig. 6. Juli 2016. Abgerufen am 20. Juli 2016
  20. Matthias Drobinski: Kurden in Deutschland. Tödlicher Stolz In: Süddeutsche Zeitung vom 15. Juli 2008.
  21. z. B. Abendschau von Radio Berlin-Brandenburg (RBB): Berlin - Strassenschlachten Türken gegen Kurden Oktober 2007.
  22. Kurden-Konflikt – Zehntausende demonstrieren in Deutschland - vereinzelte Zwischenfälle Spiegel online vom 4. November 2007.
  23. Kerden in Deutschland fühlen sich machtlos und frustriert auf morgenweb.de
  24. Die Welt: Mannheim. Kurdische Gewaltorgie erwischt Polizei eiskalt, vom 9. September 2012, abgerufen am 20. September 2012.