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vom 03.08.2017, aktuelle Version,

Liste der Stolpersteine in Salzburg-Umgebung

Stolpersteine für Johann und Matthias Nobis

Die Liste der Stolpersteine in Salzburg-Umgebung enthält die Stolpersteine im politischen Bezirk Salzburg-Umgebung, die an das Schicksal der Menschen erinnern, welche von den Nationalsozialisten in Österreich ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die Stolpersteine wurden von Gunter Demnig verlegt, im Regelfall vor dem letzten freigewählten Wohnort des NS-Opfers. Die Stolpersteine für die beiden 1940 hin­ge­rich­te­ten Zeu­gen Je­ho­vas, Johann und Matthias Nobis wurden am 19. Juli 1997 verlegt. Es handelte sich um die ers­ten Stol­per­steine, die in Öster­reich ver­legt wurden, und die ers­ten welt­weit, die be­hörd­lich ge­nehmigt waren.

Die Tabellen sind teilweise sortierbar; die Grundsortierung erfolgt alphabetisch nach dem Familiennamen.

Anif

Bild Inschrift Standort Leben
HELENE TAUSIG
JG. 1879
VERHAFTET APRIL 1940
DEPORTIERT 9.4.1942
GHETTO IZBICA
ERMORDET 21.4.1942

Römerstraße
(Kreuzung Sankt Oswaldweg)
Taussig, Helene von Helene von Taussig war eine österreichische Malerin und wurde am 10. Mai 1879 in Wien als Tochter von Sidonie geb. Schiff (1855–1936) und Theodor Ritter von Taussig (1849–1909) geboren. Sie hatte drei Brüder und acht Schwestern. Ihr Vater war ein angesehener Bankier und Gouverneur der k.k. priv. Allgemeine Öster­reichische Boden-Credit-Anstalt, wurde bereits im Alter von 30 Jahren in den Adels­stand erhoben und zählte zu den prominenten Repräsentanten des assimilierten jüdischen Groß- und Bildungs­bürger­tums der Habsburger­monarchie.

Erst nach dem Tod des Vaters konnte sie sich voll ihren künstlerischen Neigungen widmen. Von 1911 bis 1914 verbrachte sie – gemeinsam mit ihrer Künstlerkollegin Emma Schlangenhausen – einen Studienaufenthalt in Paris. Von 1915 bis 1918 war sie als Rotkreuzschwester an der Isonzo-Front tätig. 1919 ließ sie sich in Anif bei Salzburg nieder, 1923 konvertierte sie zum katholischen Glauben, 1927 fanden ersten Ausstellungen in Salzburg und Wien statt, 1929 in Paris und Den Haag. 1934 beauftragte sie den Salzburger Architekten Otto Prossinger mit dem Bau eines Atelierhauses in Anif. Am 28. Februar 1940 wurde sie von der Gestapo nach Wien abgeschoben, 1941 enteignet und am 9. April 1942 in das Ghetto Izbica deportiert. Sie wurde entweder dort oder in einem von drei Vernichtungslagern – Belzec, Sobibor oder Majdanek – vom NS-Regime ermordet. Die Sterbeurkunde datiert vom 21. April 1942.

Zumindest zwei ihrer Geschwister – Alice von Wassermann und Clara von Hatvany-Deutsch – wurden ebenfalls Opfer des Holocaust, ebenso ihr Neffe, Robert von Wassermann. Ungeklärt sind die Todesumstände ihres Bruders Karl von Taussig und ihrer Schwester Hedwig May-Weisweiller. Sieben der elf Geschwister konnten das NS-Regime überleben.

Ausdrucks ­studie von Helene von Taussig, 1920

Helene von Taussigs malerisches Œuvre ist überwiegend Frauenbildnissen gewidmet und war fünf Jahrzehnte lang vollkommen vergessen. Die meisten Werke der Künstlerin sind offenbar verschwunden, bekannt sind nur drei Arbeiten in Privatbesitz und ein Konvolut von 19 Arbeiten, die der Salzburger Maler Wilhelm Kaufmann im Keller des Salzburger Künstlerhauses gefunden haben soll und die von diesem 1988 dem Salzburger Museum Carolino Augusteum übergeben wurden.[1][2] Die Ausstellung Künstlerinnen in Salzburg im Jahr 1991 am Carolino Augusteum erinnerte erstmals nach der NS-Herrschaft an die Künstlerin. 2002 folgte die Personale Helene von Taussig – Die geretteten Bilder, kuratiert von Nikolaus Schaffer, der auch den Katalog verfasste.[3] 2012 wurden die 19 Bilder den Erben übergeben, elf davon erwarb das Carolino Augusteum, welches nunmehr Salzburg Museum heißt, danach rechtmäßig.

Sankt Georgen bei Salzburg

Bild Inschrift Standort Leben
HIER WOHNTE
JOHANN NOBIS
ZEUGE JEHOVA
JG. 1899
WEGEN
KRIEGSDIENSTVERWEIGERUNG
HINGERICHTET IN BERLIN
8.1.1940

Holzhauser Straße 32
Nobis, Johann Johann Nobis wurde am 16. April 1899 als Sohn eines Bauern auf dem sogenannten Schmiedbauernhof in Holzhausen, Gemeinde St. Georgen, geboren. Er nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und arbeitete danach als Hilfsarbeiter bei einer Baufirma in Salzburg, wo er „vermutlich Kontakte zu den Zeugen Jehovas geknüpft“ und sich dieser christlichen Religionsgemeinschaft angeschlossen hat. Nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde er 1939 eingezogen, verweigerte jedoch aufgrund seines Glaubens den Wehrdienst und den sogenannten Treueid auf Adolf Hitler. Nobis wurde verhaftet, am 23. November 1939 wegen Zersetzung der Wehrkraft vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und am 6. Jänner 1940 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Am Tag seiner Hinrichtung wurden fünf weitere Zeugen Jehovas aus Salzburg hingerichtet.[4][5]
HIER WOHNTE
MATTHIAS NOBIS
ZEUGE JEHOVA
JG. 1910
WEGEN
KRIEGSDIENSTVERWEIGERUNG
HINGERICHTET IN BERLIN
1940

Holzhauser Straße 32
Nobis, Matthias Matthias Nobis, geboren am 15. Jänner 1910 in St. Georgen, war der jüngere Bruder von Johann Nobis. Auch er gehörte den Zeugen Jehovas an, wurde am 20. Dezember 1939 ebenfalls wegen Wehrkraftzersetzung vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und schließlich am 26. Jänner 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.[4][6]

Verlegedaten

Die Verlegungen der Stolpersteine in Salzburg-Umgebung erfolgten durch Gunter Demnig persönlich an folgenden Tagen:

Quellen

  Commons: Stolpersteine im Land Salzburg  – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ORF: Restitutionsfall Helene von Taussig – Bilder im Salzburg Museum ausgestellt, verfasst von Ruth Halle, 27. Juli 2011, abgerufen am 5. April 2016
  2. Stolpersteine Salzburg: Helene von Taussig, abgerufen am 5. April 2016
  3. Nikolaus Schaffer: Helene von Taussig (1879-1942). Die geretteten Bilder. Katalog der Sonderausstellung des Salzburger Museums Carolino Augusteum, Salzburg 2002
  4. 1 2 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.); Christa Mitterrutzner, Gerhard Ungar (Bearb.): Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934–1945. Eine Dokumentation. Band 2. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1991, ISBN 3-215-06566-5, S. 325, 339–341.
  5. Marcus Herrberger (Hrsg.): Denn es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Die Verfolgung religiöser Kriegsdienstverweigerer unter dem NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung der Zeugen Jehovas (1939–1945). Verlag Österreich, Wien 2005, ISBN 3-7046-4671-7, S. 406 (online bei Google Bücher).
  6. Marcus Herrberger (Hrsg.): Denn es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Die Verfolgung religiöser Kriegsdienstverweigerer unter dem NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung der Zeugen Jehovas (1939–1945). Verlag Österreich, Wien 2005, ISBN 3-7046-4671-7, S. 406 (online bei Google Bücher).