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vom 20.05.2017, aktuelle Version,

Ludger Kühnhardt

Ludger Kühnhardt (* 4. Juni 1958 in Münster, Westfalen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er ist seit 1997 Direktor am Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn und zugleich Professor am dortigen Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie.

Journalistische Ausbildung und Tätigkeit

Kühnhardt absolvierte im Anschluss an sein Abitur in Ibbenbüren zwischen 1977 und 1978 eine Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Danach arbeitete er als freiberuflicher Journalist vor allem für die Deutsche Zeitung/Christ und Welt (später zum Rheinischen Merkur fusioniert), die Deutsche Welle und den Westdeutschen Rundfunk. 1979 wurde ihm der Katholische Deutsche Journalistenpreis verliehen. Kühnhardt führte ausgedehnte journalistische Reportagereisen durch Asien und Afrika durch und drehte Dokumentarfilme in Südkorea, Bangladesch und Indien. Seinen Zivildienst leistete er in der Betreuung von Flüchtlingen (Boatpeople) aus Vietnam.

Wissenschaftlicher Werdegang

Sein Studium der Fächer Geschichte, Philosophie und Politische Wissenschaft beendete er 1983 mit der Promotion bei Karl Dietrich Bracher an Universität Bonn. Seine Dissertation trägt den Titel Die Flüchtlingsfrage als Weltordnungsproblem. Forschungsstudien führten ihn in der Vorbereitung der Promotion in die Archive des Völkerbundes und des UNHCR nach Genf sowie in diverse Flüchtlingslager in aller Welt. Aufbaustudien unternahm Kühnhardt 1983/84 an der Sophia-Universität Tokio und an der International Christian University Tokio sowie 1984/85 an der Harvard University. Anschließend arbeitete er als letzter wissenschaftlicher Assistent von Karl Dietrich Bracher vor dessen Emeritierung in Bonn. Im Januar 1987 wurde er von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert. Seine Habilitationsschrift unter dem Titel Die Universalität der Menschenrechte. Studie zur ideengeschichtlichen Bestimmung eines politischen Schlüsselbegriffs gilt als Standardwerk.

Berufliche Stationen

Von März 1987 bis Juni 1989 arbeitete Kühnhardt als Redenschreiber für Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundespräsidialamt. Forschungsstudien führte er danach am St Antony’s College in Oxford durch. 1990/91 nahm er eine Lehrstuhlvertretung für Politische Wissenschaft an der Bonner Universität wahr und von 1990 bis 1992 eine Gastprofessur im Historischen Seminar der Universität Jena, die den Aufbau der dortigen Politischen Wissenschaft nach der deutschen Wiedervereinigung unterstützte. 1991 wurde Kühnhardt vom baden-württembergischen Wissenschaftsminister auf den Lehrstuhl für Wissenschaftliche Politik (in der Nachfolge von Arnold Bergstraesser und Wilhelm Hennis) an der Universität Freiburg berufen. 1994/95 war er als Dekan seiner dortigen Fakultät in der akademischen Selbstverwaltung tätig.

1997 wurde Ludger Kühnhardt als Direktor an das im Zuge des wissenschaftlichen Ausbau Bonns gegründete Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn berufen. Dieser Ruf war verbunden mit einer gleichzeitigen Berufung als Professor für Politische Wissenschaft an das Bonner Seminar für Politische Wissenschaft (heute Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie). Gemeinsam mit Jürgen von Hagen (Wirtschaftswissenschaftler) und Christian Koenig (Rechtswissenschaftler) baute Kühnhardt das ZEI als international weit vernetzte Forschungs-, Beratungs- und Weiterbildungs-Einrichtung auf. Rufe nach Wien und Hongkong lehnte er ab.

Gastprofessuren und längere Forschungsaufenthalte führten Kühnhardt an das St Antony’s College der Oxford University, die Universität Kapstadt, das Collège d'Europe, an das Institut für die Wissenschaften vom Menschen, an die Stanford University, das Dartmouth College (New Hampshire), das Woodrow Wilson International Center for Scholars (Washington, D.C.), die Seoul National University, die University of Canterbury in Christchurch, und die Tongji University in Shanghai, sowie regelmässig an die Università Cattolica del Sacro Cuore (Alta Scuola di Economia e Relazioni Internazionali) in Mailand, die Diplomatische Akademie Wien und die Mediterranean Academy of Diplomatic Studies (MEDAC) in Malta.

Auszeichnungen

2004 wurde ihm der Europäische Wissenschaftspreis der Europäischen Kulturstiftung verliehen.

Familie

Ludger Kühnhardt ist mit der Ungarin Enikö Noemi Kühnhardt, geborene Auer, verheiratet. Sie haben zwei Kinder. Kühnhardt ist römisch-katholisch.

Veröffentlichungen

  • Christliche Soziallehre konkret. München 1977.
  • Die deutschen Parteien und die Entwicklungspolitik. Hannover 1980.
  • Kinder des Wohlstands. Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn. München 1981.
  • The land of 500,000 villages. Stories from rural India. Trichur 1982.
  • Die Flüchtlingsfrage als Weltordnungsproblem. Massenzwangswanderungen in Geschichte und Politik. Wien 1984.
  • Die Universalität der Menschenrechte. Studie zur ideengeschichtlichen Bestimmung eines politischen Schlüsselbegriffs. München 1987. Lizenzausgabe Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1987. 2. Auflage 1991.
  • mit Hans-Gert Pöttering: Europas vereinigte Staaten. Annäherungen an Werte und Ziele. Zürich 1991.
  • mit Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Zwölf Nachbarn – ein Europa. Deutschland und die europäische Zukunft aus der Sicht der Diplomaten umliegender Länder. Bonn, Berlin 1991.
  • Wege in die Demokratie. Beiträge aus der Politischen Wissenschaft. Jena, Erlangen 1992.
  • Stufen der Souveränität. Staatsverständnis und Selbstbestimmung in der Dritten Welt. Bonn, Berlin 1992.
  • Europäische Union und föderale Idee. München 1993.
  • mit Ulrich Zwiener et al. (Hrsg.): Europäische Herausforderungen heute. Toleranz und Vertrauen zu neuer Gemeinsamkeit. Jena, Erlangen 1994.
  • mit Hans-Gert Pöttering: Weltpartner Europäische Union. Zürich 1994.
  • mit Gerd Leutenecker, Martin Rupps und Frank Waltmann (Hrsg.): Die doppelte deutsche Diktaturerfahrung. Drittes Reich und DDR – ein historisch-politikwissenschaftlicher Vergleich. Frankfurt am Main 1994. 2. Auflage 1996.
  • Revolutionszeiten. Das Umbruchjahr 1989 im geschichtlichen Zusammenhang. München 1994. (türkische Ausgabe 2003.)
  • Jeder für sich und alle gegen alle. Zustand und Zukunft des Gemeinsinns. Freiburg 1994.
  • Mitten im Umbruch. Historisch-politische Annäherungen an Zeitfragen. Bonn 1995.
  • Von der ewigen Suche nach Frieden. Immanuel Kants Vision und Europas Wirklichkeit. Bonn 1996.
  • Beyond divisions and after. Essays on democracy, the Germans and Europe. Frankfurt am Main, New York 1996.
  • mit Hans-Gert Pöttering: Kontinent Europa. Zürich 1998. (tschechische Ausgabe 2001.)
  • Zukunftsdenker. Bewährte Ideen politischer Ordnung für das dritte Jahrtausend. Baden-Baden 1999.
  • mit Alexander Tschubarjan (Hrsg.): Russland und Deutschland auf dem Weg zum antitotalitären Konsens. Baden-Baden 1999 (russische Ausgabe 2000.)
  • mit Dario Valcarcel (Hrsg.): Spanien und Deutschland als EU-Partner. Baden-Baden 1999 (spanische Ausgabe 2000.)
  • mit Hüseyin Bagci und Jackson Janes (Hrsg.): Parameters of Partnership. The US-Turkey-Europe. Baden-Baden 1999.
  • mit Michael Rutz (Hrsg.): Die Wiederentdeckung Europas. Ein Gang durch Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 1999.
  • Von Deutschland nach Europa. Geistiger Zusammenhalt und aussenpolitischer Kontext. Baden-Baden 2000.
  • Die Europäische Union – Fragen zur Erweiterung. Berlin 2001. 3. Auflage 2003 (Hrsg. vom Auswärtigen Amt und der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland).
  • mit Ulrich Zwiener et al. (Hrsg.): Menschliche Werte. Versöhnung. Jena, Erlangen 2002.
  • Atlantik-Brücke. Fünfzig Jahre deutsch-amerikanische Partnerschaft. Berlin 2002.
  • Constituting Europe. Identity, institution-building and the search for a global role. Baden-Baden 2003.
  • mit Mamoru Takayama (Hrsg.): Menschenrechte, Kulturen und Gewalt. Ansätze einer interkulturellen Ethik. Baden-Baden 2005.
  • Erweiterung und Vertiefung. Die Europäische Union im Neubeginn. Baden-Baden 2005.
  • mit Michael Gehler et.al.(Hrsg.): Towards a European Constitution. A Historical and Political Comparison with the United States, Wien 2005.
  • mit Marcus Höreth und Cordula Janowski (Hrsg.): Die Europäische Verfassung. Analyse und Bewertung ihrer Strukturentscheidungen. Baden-Baden 2006.
  • European Union – The second founding. The changing rationale of European integration. Baden-Baden 2008 (2. erweiterte Auflage 2010).
  • Crises in European integration. Challenges and responses 1945–2005. Oxford, New York 2009.
  • Region-Building, Vol. I. The Global Proliferation of Regional Integration. Oxford, New York 2010.
  • Region-Building, Vol. II. Regional Integration in the World: Documents. Oxford, New York 2010.
  • Europa: Innere Verfassung und Wende zur Welt. Standortbestimmung der Europäischen Union. Baden-Baden 2010.
  • Africa Consensus. New Interests, Initiatives and Partners. Washington D.C./Baltimore, 2014.
  • mit Tilman Mayer (Hrsg.): Bonner Enzyklopädie der Globalität. 2 Bände, Wiesbaden, 2017.
  • The Global Society and Its Enemies. Liberal Order Beyond the Third World War. Cham, 2017.