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vom 15.06.2017, aktuelle Version,

Oskar Walzel

Oskar Walzel um 1912

Oskar Walzel (* 28. Oktober 1864 in Wien; † 29. Dezember 1944 in Bonn) war ein österreichischer Literaturwissenschaftler. Als Universitätsprofessor wirkte er in Bern, Dresden und Bonn.

Leben

Walzel studierte an den Universitäten Wien und Berlin. 1887 promovierte er an der Wiener Universität und habilitierte sich 1894. 1897 wurde er an die Universität Bern, 1907 an die Technische Hochschule Dresden und 1921 an die Universität Bonn berufen.

1936 entzog der Rektor der Bonner Universität dem schon emeritierten Walzel die Venia legendi wegen „jüdischer Versippung“. Er starb unter nicht ganz geklärten Umständen 1944 während eines Bombenangriffs; seine Ehefrau wurde im gleichen Jahr nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.[1]

Walzel war ein Neffe des Librettisten Camillo Walzel.

Forschen

Mit seiner Schrift Wechselseitige Erhellung der Künste (1917) versuchte Walzel, einen interdisziplinären Ansatz in den Geisteswissenschaften anzuregen. Seine Freundschaft mit dem Kunstwissenschaftler Heinrich Wölfflin führte ihn zu einer Unterscheidung „tektonischer“ und „atektonischer“ Leitmotive in der Dichtung, die sich an Wölfflins kunsttheoretische Terminologie anlehnte.

Walzels Ideen sind etwa noch in der Dramentheorie lebendig (geschlossene und offene Form im Drama). In jüngster Zeit werden sie von der Medienwissenschaft wieder diskutiert.

Zu Oskar Walzels Schülerinnen und Schüler gehörten die Schriftstellerin Maria Waser, der Literaturwissenschaftler Harry Maync, der Schriftsteller Hermann Gschwind, der später für sein Engagement für die deutsch-türkischen Beziehungen in den 1950er Jahren bekannt gewordene Schweizer Journalist und Publizist Max Rudolf Kaufmann[2] und die Publizistin und Frauenrechtlerin Helene Stöcker.[3] Helene Stöcker schrieb über ihn: „Walzel war einsichtig genug, seine Studierenden nicht nur als seine Schüler, sondern als selbständige Menschen zu behandeln. Man konnte freier und offener mit den eigenen Überzegungen herausrücken, als es sonst zwischen Lehrer und Schüler möglich ist“.[4]

Walzels Nachlass befindet sich in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn und im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Werke

Verfasser

  • Deutsche Romantik, 1908
  • Leitmotive in Dichtungen, 1917
  • Die deutsche Dichtung seit Goethes Tod, 1920
  • Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters, 1923
  • Das Wortkunstwerk, 1926
  • Florenz in deutscher Dichtung, Köln 1937
  • Wachstum und Wandel. Lebenserinnerungen. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1956

Herausgeber

Literatur

  • Festgabe für Oskar Walzel, überreicht von seinen Schülern zur Feier des 65. Geburtstages. Bonn 1929, Nachlass Walzel II, Universitäts- und Landesbibliothek Bonn.
  • Peter Goßens: Oskar Walzel. In: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Herausgegeben und eingeleitet von Christoph König. Bearbeitet von Birgit Wägenbaur […]. Band 3. de Gruyter, Berlin / New York 2003, S. 1980–1983.
  • Klaus Naderer: Oskar Walzels Ansatz einer neuen Literaturwissenschaft. Bonn 1994. ISBN 3-928799-12-6
  • Werner Brück: Wie erzählt Poussin? Proben zur Anwendbarkeit poetologischer Begriffe aus Literatur- und Theaterwissenschaft auf Werke der bildenden Kunst. Versuch einer „Wechselseitigen Erhellung der Künste“. Norderstedt 2014, ISBN 978-3-7357-7877-2.
  Wikisource: Oskar Franz Walzel  – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Teilnachlass Oskar Walzel. Findbuch. Hrsg. von der Universität Bonn, bearbeitet von Letitia Mölck und Birgit Schaper. Bonn 2007, S. 3.
  2. Max Rudolf Kaufmann: Erlebnisse in der Türkei vor 50 Jahren. In: Zeitschrift für Kulturaustausch, hrsg. vom Institut für Auslandsbeziehungen, Band 12, 1962, S. 237–241
  3. Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin. Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff. Boehlau Verlag, Köln 2015, S. 76 f.
  4. Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff. Böhlau, Köln 2015, S. 76 f., s. auch 97.