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vom 19.03.2018, aktuelle Version,

St. Prokulus (Naturns)

St.-Prokulus-Kirche
St. Prokulus, „der Schaukler“

Die St.-Prokulus-Kirche im Vinschgau ist eine kleine Kirche am östlichen Ortsrand von Naturns, einer Marktgemeinde in Südtirol, etwa 12 km von Meran entfernt. Die Kirche ist dem heiligen Bischof Prokulus von Verona geweiht und steht in unmittelbarer Nähe zum Ortsfriedhof und etwas abseits des Zentrums der Marktgemeinde. Bekannt ist sie für den frühen Freskenzyklus, der mit umgehenden Ornamentbändern in zwei Register geteilt war.

Der Platz der Kirche

Der Platz, auf dem die St.-Prokulus-Kirche steht, ist alter Siedlungsraum. In der Spätantike stand an der Stelle der Kirche ein Wohnhaus. Die durch Trockenmauern und Holzaufbau charakterisierte Bauweise dieses Wohnhauses war vom 4. bis zum 7. Jahrhundert nach Christus im gesamten Alpenraum verbreitet.

Um ca. 600 nach Christus wurde das spätantike Haus durch einen Brand zerstört. Möglicherweise kam dabei auch eine ca. 45 Jahre alte Frau ums Leben, dies legen zumindest archäologische Funde nahe. Nach dem Brand wurde das Haus nicht mehr aufgebaut, die Ruine wurde als Bestattungsplatz genutzt.

Die St.-Prokulus-Kirche selber entstand um 630 bis 650 nach Christus. Über die Bauherrschaft gibt es keine gesicherten Quellen. Nur die Archäologie gibt Aufschluss über das Alter der Kirche. Die Position der frühmittelalterlichen südlich und östlich liegenden Gräber lässt auf eine bereits bestehende Kirche schließen. In einem Grab an der Südseite der Kirche wurde ein germanisches Sax (Kurzschwert) als Grabbeigabe gefunden. Dieses Sax wird ebenso wie verschiedene andere Funde in die Zeit um 640 nach Christus datiert. Da die Kirche zu dieser Zeit bereits bestanden hat, ist ein Alter von mindestens 1.350 Jahren für den ursprünglichen Bestand anzunehmen.

Bilder im Sockelregister sind größtenteils verloren.

Die frühmittelalterlichen Fresken

Blick in den Altarraum

Die ältesten Wandmalereien der kleinen Kirche befinden sich im unteren Teil des Kircheninnern. Sie zeigen Engel, Heilige und Szenen aus dem Leben des Heiligen Prokulus, darunter eine Rinderherde an der Westmauer. Diese Malereien sind als vorromanisch einzuordnen. Die gotischen Fresken im oberen Teil des Kircheninneren sind hingegen jünger und stammen aus dem 14. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde der Kirchenraum höher gelegt. Die damaligen Bauherren, die Herren von Annenberg, sorgten für eine malerische Gestaltung. Die dargestellten Motive über dem Triumphbogen im Osten beziehen sich auf die Gottesmutter Maria, Gott Sohn und Gott Vater. An der Südmauer befindet sich eine Darstellung des Letzten Abendmahls. An der Nordmauer sind die Heiligen Drei Könige dargestellt. An der südlichen Außenmauer finden sich ebenso Wandmalereien aus gotischer Zeit. Die Hauptmotive stellen dabei die Erschaffung der Welt sowie den Sündenfall dar.

In zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen wurden die Fresken der St.-Prokulus-Kirche beschrieben. Es gab verschiedene Versuche, eine kunsthistorische Einordnung und Datierung der vorromanischen Wandmalereien vorzunehmen. Einige Wissenschaftler, unter ihnen auch der ehemalige Landeskonservator Helmut Stampfer, datierten einige Wandbilder bereits in das 7. Jahrhundert nach Christus. Von anderen Wissenschaftlern wird jedoch die Ansicht vertreten, dass die ältesten Fresken erst im 8. Jahrhundert, aber noch vor der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstag 800 in Rom, entstanden sind. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit den Wandmalereien in der St.-Prokulus-Kirche von „vorkarolingischen“ Fresken. Wieder andere Forscher, unter ihnen Stampfers Nachfolger Leo Andergassen, vermuten einen späteren Entstehungszeitraum im 9. oder 10. Jahrhundert. Hervorzuheben ist, dass es sich bei diesen Wandbildern um den vollständigsten Zyklus früher Wandmalerei in Tirol handelt.

Die gotischen Fresken

In früh- und hochgotischer Zeit (14./15. Jahrhundert) wurden zunächst mehrfach der Sakralraum, dann auch die Wände des erhöhten Kirchenschiffs in erzählender und lehrhafter Weise neu ausgemalt.

Die verlorene Malschicht

Spätestens in der Romanik wurde die Nordwand neu bemalt; die sitzenden Heiligen mit ihren hinweisenden, übergroßen Händen waren möglicherweise nicht mehr genehm. Die Farbschicht war aber technisch mangelhaft; die Farben fraßen sich teilweise in die untere Malschicht, während die Schicht als solche sich auflöste.

Eine einzelne, erhobene Orantenhand ist (nebst Köpfen) erkennbar; die Figuren standen demzufolge in Anbetungshaltung. Die ersten Heiligen aber saßen(siehe Kniefalten) und wiesen den Besucher von sich weg zum Altar, In der Nordost-Ecke führt ein Engel in tänzerischer Art die Reihe an. Das Sitzen war die Haltung einer besonderen Würde.[1]

Die frühen Ornamentbänder

Die Chorbogenwand wurde als erste der vier Wände des Schiffs bemalt. Ein einfaches Flechtband (vgl. R.Kutzli, Langobardische Kunst, Stuttgart 1974) mit offenen Knoten und auf einer Ecke stehenden Quadratsonnen zieht sich über die ganze Breite hin; in ihre (exzentrische) Mitte sind die Hand Gottes, das kreuztragende Lamm und die Geistestaube gemalt. Von Norden wie von Süden her sind es je dreizehn Elemente, also im Ganzen 26 – nach der Zahlenbuchstaben-Lehre (Zahlensymbolik) die Zahl des nicht auszusprechenden Namens Gottes JHWH (10-5-6-5). „So finden sich, unter immer wieder verschiedenen Zahlenformen, in den heiligen Büchern noch viele geheime Beziehungen, welche den Lesern wegen Unkenntnis der Zahlen verborgen sind. Daher müssen diejenigen, welche zur Kenntnis der Heiligen Schrift gelangen wollen, diese Kunst mit Fleiss sich aneignen.“[2]

Das oberste Band im Schiff ist ein Swastika-Mäander in Parallelperspektive. Deren Elemente ergeben in verschlüsselter Weise (Quersummen), zusammen mit dem Flechtband, wieder die Zahl 26, die sich auch anderswo in der Malerei finden lässt.[3] Diese beiden Ornamentbänder kommen bis um 1200[4] außer Gebrauch, ihre inneren Aussagen werden nicht mehr benötigt.

Ein Detail: die „vier“ roten aufrecht stehenden Striche, je die rechte Seite des einzelnen Würfels, liegen waagrecht, sobald man sie als die linke Seite des linken Würfels interpretiert.

Das frühe Bildprogramm und der Bauplan

Im Gegensatz zu den späteren Bildern des heute obersten Registers liegen die frühen Fresken einzeln und ungerahmt frei auf der Gesamtfläche; es herrscht weder Strenge noch Lehrhaftigkeit. (Man vergleiche die mächtigen Raster der karolingischen Klosterkirchen Müstair GR und Mistail GR).

Es liegt eine Doppel-Anordnung vor. Man trat südseits bei der Westecke[5] ein. Von dort aus erblickt man den schräg stehenden Altar wie wenn er in der Mitte des Raumes stünde. Der längere Weg führt über die Nordwand (Hände), der kürzere über die Südwand („Schaukler“).

Es wird ein Bauplan[3] vermutet, der auf der Länge der Westseite beruht (Idealplan und Realbau-Plan). Das ausgeklügelte Einbeziehen der Ornamentbänder in das Bildprogramm stützt diese Vermutung eines durchdachten Planes.

Der „Schaukler“.

Der in einer Schlaufe sitzende Heilige schaukelt; das ist aber eine Vorstellung unserer Zeit. Doch die Linien des „Seils“ weichen vom Rechten Winkel ab, der aber im ganzen Bau außer an Tür und Fenster kaum feststellbar ist. Der Heilige sitzt, und seine Augen zeigen in die Gegenrichtung des „Schaukelns“: er betont ein „Beides“.[5] Das „Seil“ aber kann auch als Ausbuchtung der Architektur oberhalb verstanden werden, und wenn diese das himmlische Jerusalem des Offenbarungsbuches sein sollte, könnte der Mann der wiederkommende Christus sein, der im Sanctus der heiligen Messe angesprochen wird: Benedictus qui venit in nomine Domini „Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“. Möglicherweise ist es aber auch der Apostel Paulus oder Bischof Prokulus? Lebte doch Christus in ihnen! So dachte man in der Mehrfachdeutung jener Zeit. „Die mehrfache Deutungsart ist wichtiger Bestandteil der theologischen und philosophischen Texte der Zeit.“[6]

Museum

Museum

Im Jahre 2006 wurde in unmittelbarer Nähe zur Kirche das Museum eröffnet. Es beherbergt vor allem die Fundstücke, welche bei den Ausgrabungen in den Jahren 1985 und 1986 unter der Leitung von Hans Nothdurfter entdeckt wurden. Das Museum ist in die Themenbereiche Spätantike, Mittelalter sowie Pestzeit im 17. Jahrhundert gegliedert. Es werden auch die bei der Restauration 1986 abgelösten gotischen Fresken aus der Zeit des gotischen Höher- und Umbaues (Eingang) der Kirche gezeigt.

Prokulus Kulturverein

Der seit dem Jahr 2006 bestehende Prokulus Kulturverein hat sich die Aufgabe gestellt, mittels verschiedener Maßnahmen (z. B. Führungen und Vorträgen in der St.-Prokulus-Kirche und im Museum sowie Öffentlichkeitsarbeit) die Bedeutung dieser Kirche bekannt zu machen.

Literatur

  • St. Prokulus in Naturns. Zum 100. Jubiläum der Entdeckung der frühmittelalterlichen Wandmalerei. Der Schlern, Heft 12/2012 (div. Autoren).
  • Mathias Frei: St. Prokulus in Naturns. Südtirol Bildverlag, Bozen 1966.
  • Michael Lochmann: Zur Baugeschichte der St.-Prokulus-Kirche. In: St. Prokulus in Naturns, zum 100. Jubiläum der Entdeckung der frühmittelalterlichen Wandmalerei. Der Schlern 12/86 (Juni 2012), S. 78–103.
  • Alexandra Meier: St. Prokulus in Naturns und St. Benedikt in Mals. Grin 1996. E-Book
  • S. Müller: Andere Beobachtungen in St. Prokulus Naturns (Bauplan, die Zahl 26 und der Mäander). In: Der Schlern, Heft 89/2015, S. 94–103.
  • Hans Nothdurfter, Ursula Rupp, Waltraud Kofler: St. Prokulus in Naturns. 3. Auflage, Tappeiner, Lana 2003.
  • Robert Boecker: Wo der Bischof schaukelt In: Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln, Ausgabe 49/17, Seite 10
  Commons: St. Prokulus, Naturns  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. So auch beim „Schaukler“. Hajo Eickhoff: Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens. München, Wien 1993.
  2. Hrabanus Maurus, zit. in: Franz Neiske: Europa im frühen Mittelalter 500 – 1050. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Darmstadt 2007, S. 74
  3. 1 2 S. Müller: Andere Beobachtungen in St. Prokulus Naturns (Bauplan, die Zahl 26 und der Mäander). In: Der Schlern, Heft 89/2015, S. 94–103.
  4. mündliche Mitteilung von Prof. Dr. Chr. Eggenberger, Zürich
  5. 1 2 S. Müller: Die Einheit des Beid-Einen. In: St. Prokulus in Naturns Der Schlern 86/2012, S. 18–25.
  6. Franz Neiske: Europa im frühen Mittelalter. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte, S. 73.