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vom 18.10.2016, aktuelle Version,

Tobi Reiser

Tobi Reiser (der Ältere, * 2. März 1907 in St. Johann im Pongau; † 31. Oktober 1974 in Kaprun) war ein österreichischer Volksmusiker. Der von ihm geschriebene Maxglaner Zigeunermarsch zählt zu seinen bekanntesten Kompositionen.

Wirken

Der Metzgermeister Tobias Reiser ist als Volksmusikant, Gründer von Gesangs- und Musikgruppen sowie als Erfinder der Stubenmusik bekannt geworden. In seinem Wirken wurde er durch den bayerischen Volksliedsammler Wastl Fanderl und dessen österreichische Kollegen Otto Eberhard und Curt Rotter angeregt und beeinflusst.

1932 begründete Reiser zusammen mit Eberhard das erste öffentliche Volksliedsingen in St. Johann im Pongau sowie in den folgenden Jahren viele weitere Wettbewerbe. Mit den Flachgauer Musikanten schuf er 1934 eine heute noch bestehende Musikgruppe. Im selben Jahr entwickelte der Salzburger Instrumentenbauer Heinrich Bandzauner nach Reisers Vorstellungen das chromatische Hackbrett, eine Neuheit, die das bis dahin fast ausschließlich als Begleitinstrument verwendete diatonische Hackbrett ersetzte.

Nationalsozialistische Zeit

Reiser polemisierte schon vor 1938 mit antisemitischem Unterton öffentlich gegen jüdische Tänze und propagierte ein Trachtenverbot für Juden. Im Jahr 1941 lobte er das Heimatbrauchtum als die „beste Waffe gegen das jüdische Gift“. Er moderierte eine monatliche Radiosendung im Reichssender Wien.

Der Zeitgeschichtler Oliver Rathkolb schließt 2016 in seinem Buch über Reiser: „Es ist keine Frage mehr, dass die Volkskultur- und Volksmusikarbeit Tobi Reisers system- und herrschaftsstabilisierend gewirkt hat.“ Nach Ende des NS-Regimes habe Reiser seine politische Rolle in Erinnerungsbausteinen völlig umgedeutet und habe versucht, jeden Hinweis auf eine Nähe zur damals illegalen NSDAP in den beginnenden 1930er Jahren abzuwehren.[1] Kultur­landes­rat Heinrich Schellhorn (Grüne) betonte im Jahr 2016, das Land Salzburg gehe auf Distanz zur national­sozialistischen Vergangenheit Reisers, würdige jedoch seine Leistungen für die Salzburger Volkskultur.[1]

Nach 1945

1945 wurde Reiser aller Ämter enthoben.

Mit dem Salzburger Adventsingen gelang es Reiser 1946 – gemeinsam mit Karl Heinrich Waggerl – eine Veranstaltung zu etablieren, die bald im gesamten Alpenraum nachgeahmt wurde und wird.

1946 gründete Tobi Reiser das Salzburger Heimatwerk, Heimatverein und Verkaufsgeschäft bodenständiger handwerklicher Erzeugnisse.

Stubenmusik

Das Tobi Reiser Quintett (später als Ensemble Tobias Reiser vom Sohn weitergeführt), 1953 gegründet, wurde zum Vorbild vieler Volksmusikgruppen in Österreich und Bayern. Durch die Einführung einer damals völlig neuen Spielart hat Tobi Reiser den alpenländischen Raum musikalisch revolutioniert. Die Stubenmusik, das Zusammenspiel von Zither, Gitarre, Harfe, Hackbrett und Kontrabass, entspricht seinen Vorstellungen aus den 1950er Jahren. Dieser Stil wird heute, keine sechzig Jahre nach seiner Entstehung, oft für die ursprünglichste Art der Volksmusik gehalten.

Familie

Sein Sohn Tobias Reiser (* 2. Dezember 1946; † 18. Dezember 1999) übernahm vom Vater sowohl das Ensemble wie auch die Leitung des Adventsingens und später auch die des Heimatwerks.

Tobi-Reiser-Preis

Seit 1992 wurde jährlich ein nach Tobi Reiser benannter Volkskulturpreis (Tobi-Reiser-Preis) vergeben. Angesichts Reisers Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Verleihung des Preises 2013 ausgesetzt.[1] Nach einem Gutachten des Historikers Oliver Rathkolb entschied der Verein des Salzburger Adventssingens in Abstimmung mit dem Land Salzburg 2016, einen nach Tobi Reiser benannten Preis nicht mehr zu vergeben.[2]

Literatur

  • Salzburger Kulturlexikon. Residenz Verlag, 2001.
  • Salzburger Musikgeschichte. Verlag Anton Pustet, 2005.
  • Musiker und Komponisten. Arbeitsgemeinschaft Spurensuche, München.
  • Walter Deutsch: Tobi Reiser (1907–1974). Eine Dokumentation. Unter Mitarbeit von Lucia Luidold und Pepi Wimmer. Verlag Holzhausen, Wien 1997.
  • Wolfgang Dreier, Thomas Hochradner (Hrsg.): Im Blickpunkt: Tobi Reiser. Dokumentation des Symposions in St. Johann i. Pongau 2007. Salzburger Volksliedwerk, Salzburg 2011.
  • Oliver Rathkolb: Tobi Reiser und der Nationalsozialismus. Verlag des Salzburg Museums, 2016.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Tobi Reiser-Preis ausgesetzt. Meldung auf salzburg.orf.at vom 2. Oktober 2013.
  2. Land distanziert sich von Tobi-Reiser-Preis. Meldung auf salzburg.orf.at vom 17. Mai 2016.