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vom 30.08.2016, aktuelle Version,

Villa Wendlandt

Die Villa Wendlandt auf einem Aquarell aus dem Jahr 1908.
Der Herzogspalast – errichtet anstelle der Villa Wendlandt.

Die Villa Wendlandt war ein herrschaftliches Haus in Bozen-Gries mit einem großen Park.

Geschichte

Die Hamburger Unternehmerfamilie Scholvien zog um 1850 nach Bozen und kaufte 1855 den Ansitz Compil. Minna Ottilie Scholvien-Wendlandt (1930–1907) verkaufte den Ansitz 1869 und zog provisorisch in den Ansitz Rottenbuch. 1872 beauftragte sie den Münchner Gründerzeit-Architekten Gottfried von Neureuther mit der Planung einer neuen Villa. 1874 war das Gebäude im Neorenaissance-Stil fertiggestellt und mit einem ausgedehnten Park mit Weiher und einem (noch bestehenden) Ruinenschlösschen im Tudorstil umgeben. Wendlandt unterstützte den 1874 gegründeten Kurverein Bozen-Gries und baute 1888 an der Nordseite ihres Parkes selber einen Gastbetrieb – das Hotel Sonnenhof, das damals luxuriöseste Haus am Platz (heutiges Studentenwohnheim). 1891 wurde die heutige Egger-Lienz-Straße ihr zu Ehren zur Wendlandtstraße. Die Villa Wendlandt entwickelte sich zu einem Literatursalon und Treffpunkt weltläufiger Kreise. Auch der Bau der Evangelischen Christuskirche in Gries im frühen 20. Jahrhundert wurde von den Wendtlandts gefördert.

Da sie Reichsdeutsche waren, wurde die Familie nach dem Ersten Weltkrieg vom italienischen Staat enteignet. Villa und Park wurden 1924 der Opera Nazionale Combattenti übertragen; die vormaligen Eigentümer durften bis 1931 als Mieter im Haus bleiben. Aus propagandistischen Gründen wollte Benito Mussolini einen Angehörigen des italienischen Königshauses nach Bozen beordern. Seine Wahl fiel auf Filiberto di Savoia-Genova, den Herzog von Pistoia. 1932 wurde mit dem Umbau der Villa Wendlandt begonnen, wobei diese fast zur Gänze abgerissen und im faschistischen Geschmack der Dreißigerjahre ein viel größeres Haus als Wohnsitz des Herzogs errichtet wurde. Am 28. Oktober 1934 – dem Jahrtag des Marsches auf Rom – wurde der Herzogspalast eingeweiht. Der Savoyer blieb allerdings nicht einmal zehn Jahre im Haus, da er 1943 vor der einmarschierenden deutschen Armee flüchtete und nie wieder zurückkehrte. Während der Operationszone Alpenvorland 1943–1945 wurde der Herzogspalast von den deutschen Behörden unter Karl Wolff genutzt. Bis 1958 stand er dann leer, bis er schließlich zum Sitz des Regierungskommissariats wurde.

Der Park ist heute öffentlich zugänglich. 1999 zeigte das Stadtarchiv Bozen eine Ausstellung zur Villa Wendlandt, mit der die Bedeutung der Villa und der Familie Wendlandt für die Stadt ins Bewusstsein gerückt wurde.

Literatur

  • Stefano Consolati, Ferruccio Delle Cave (Hrsg.): Villa Wendlandt – Ausstellungskatalog der Stadtgalerie, 26. März-29. Mai 1999 (= Hefte zur Bozner Stadtgeschichte 1). Stadtarchiv Bozen, Bozen 1999
  • Hans H. Reimer: Lutherisch in Südtirol: Geschichte der Evangelischen Gemeinde Meran. Eine Spurensuche zum Protestantismus in Südtirol und im Trentino. Edition Raetia, Bozen 2009. ISBN 978-88-7283-332-2
  • Maurizio Urzì: Palazzo ducale di Bolzano. Manfrini Editori, Calliano 1989
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