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vom 05.11.2017, aktuelle Version,

Waldemar von Knoeringen

Detail des Grabes von Waldemar Freiherr von Knoeringen; München, Waldfriedhof

Waldemar Freiherr von Knoeringen (* 6. Oktober 1906 in Rechetsberg bei Weilheim in Oberbayern; † 2. Juli 1971 in Bernried am Starnberger See) war ein deutscher Politiker (SPD). Im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv, war er maßgeblich am Wiederaufbau der SPD in Bayern nach 1945 beteiligt.

Familie

Waldemar von Knoeringen entstammte dem schwäbischen Adelsgeschlecht von Knoeringen; die Teilnahme von Vorfahren an den Kreuzzügen lässt sich nachweisen. Das Familienwappen findet sich auf einer Abbildung des Konzils von Konstanz, die von Knoeringens stellten mehrere Bischöfe und Äbte in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche in Bayern.

Leben

1926 trat der als Verwaltungsangestellter tätige von Knoeringen in die SPD ein und übernahm leitende Funktionen in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) in München. Für ihn verkörperte nur diese Partei die Verbindung von Gerechtigkeit und Freiheit. Da zu dieser Zeit Reichsfreiherren nur selten Sozialdemokraten wurden, erhielt er den Beinamen Der Rote Baron. 1933 sogar zum bewaffneten Widerstand gegen den Nationalsozialismus bereit, floh Knoeringen, der Aussichtslosigkeit eines solchen Widerstandes gewiss, nach Österreich. Die Gestapo verhaftete auf der Suche nach ihm seine Verlobte Juliane und drohte, sie erst freizulassen, wenn von Knoeringen sich freiwillig stelle. Sie trat in den Hungerstreik, wurde entlassen und floh ebenfalls nach Tirol. Ab 1933 war von Knoeringen Mitglied der Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Knoeringen lebte von Vorträgen, die er größtenteils vor der SPÖ hielt; später in Frankreich eröffnete er ein Fotoatelier. Er gehörte während der Weimarer Republik der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.

Knoeringen musste nach dem Dollfuss-Putsch (Juli 1934) aus Österreich fliehen. Er floh in die Tschechoslowakei, wo er in Neuern (Nýrsko) ein Grenzsekretariat der Sopade und anschließend von Prag aus die Inlandsarbeit von Neu Beginnen leitete und die Widerstandsarbeit eines Netzwerkes von 13 Stützpunkten und Gruppen im bayerischen und österreichischen Raum koordinierte. Dort traf er Léon Blum, der an ihn und weitere anwesende Sozialdemokraten Einreisevisa nach Frankreich verteilte, wo er sich ab 1938 aufhielt. Bei Kriegsbeginn befand sich von Knoeringen schließlich in England. Von 1940 bis 1943 arbeitete er für das deutschsprachige Programm der BBC wie auch für den Sender der europäischen Revolution. Er verließ die BBC, da er nicht mehr auf eigene Verantwortung arbeiten durfte und die BBC vor der Ausstrahlung eine Einsicht in die Sendemanuskripte forderte.

Ende 1945 kehrte Knoeringen als Major der britischen Armee nach Deutschland zurück und wurde aufgrund seiner Emigration und der „Arbeit für den Feind“ teilweise heftig angefeindet. Knoeringen war von 1947 bis 1963 Landesvorsitzender der SPD in Bayern und 1958 bis 1962 einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD. 1946 bis 1970 war er Landtagsabgeordneter (bis 1958 als Fraktionsvorsitzender), von 1949 bis zum 3. April 1951 auch Mitglied des Bundestages. Zusammen mit Wilhelm Hoegner baute er ab 1948 die Georg-von-Vollmar-Schule (ab 1968: Georg-von-Vollmar-Akademie) auf, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tode 1971 war. Sein Ziel war, durch politische Bildung und Schulung die Menschen dazu zu befähigen, sich aktiv für die soziale Demokratie einzusetzen, um so dem bei vielen immer noch vorhandenen nationalsozialistischen Gedankengut entgegenzuwirken. In der Georg-von-Vollmar-Akademie organisierte von Knoeringen immer wieder Gesprächskreise von Wissenschaftlern, die teilweise große Distanz zum sozialdemokratischen Gedankengut hielten. Er war – für die damalige Zeit – undogmatisch und darum bemüht, für die SPD neue gesellschaftliche und politische Vorstellungen sowie neue Bevölkerungskreise zu erschließen. Auf der anderen Seite kritisierte er aber Hoegners stark föderalistische Haltung und forderte 1949 das Schluss sein müsse mit dessen "blau-weißer Sozialdemokratie".[1]

1954 erreichte von Knoeringen in Koalitionsverhandlungen mit Bayernpartei, FDP und GB/BHE die Bildung der sogenannten Viererkoalition unter Wilhelm Hoegner und damit die Ablösung der CSU als Regierungspartei in Bayern.

In seiner Eröffnungsrede zum Bundesparteitag 1959 setzte der als rhetorisch begabt geltende Knoeringen sich für das zur Abstimmung stehende Godesberger Programm ein. An dessen Erarbeitung war er führend beteiligt. Durch sein Insistieren auf der Notwendigkeit theoretischer Grundlagen oder seinen Vorschlag der Basismobilisation im Wahlkampf nahm er in den frühen 1950ern viele Ideen vorweg, die sich in der SPD Jahre später durchsetzten. Er zählte zum Schattenkabinett von Willy Brandt für den Fall eines Wahlsieges bei der Bundestagswahl 1965.

Er wurde auf dem Waldfriedhof in München/Alter Teil beigesetzt.[2]

Rosenheimer Arbeiterbibliothek

Knoeringen eröffnete 1927 in Rosenheim die erste und einzige Arbeiterbibliothek, deren Bücherbestand 1932 rund 2000 Bände umfasste. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten zwangsweise aufgelöst.

Auszeichnungen

Literatur

  • Franz Menges: Knoeringen, Waldemar von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 12, Duncker & Humblot, Berlin 1980, ISBN 3-428-00193-1, S. 204 f. (Digitalisat).
  • Thomas Zunhammer / Pichelmeier Werner: Bibliotheks-Geschichte von Rosenheim. Ein Beitrag zur kulturellen Entwicklung der Stadt. Snayder-Verlag, Paderborn 1997, ISBN 3-932319-53-2.
  • Grebing, Helga; Süß, Dietmar (Hrsg.): Waldemar von Knoeringen 1906–1971. Ein Erneuerer der deutschen Sozialdemokratie. Im Auftrag der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., Band I: Aufsätze. 255 Seiten, Band II: Briefe und Dokumente- 455 Seiten. Vorwärts Buch, Berlin 2006, ISBN 3-86602-290-5.
  • Mehringer, Hartmut: Waldemar von Knoeringen: eine politische Biographie. Der Weg vom revolutionären Sozialismus zur sozialen Demokratie. 529 Seiten. Schriftenreihe der Georg-von-Vollmar-Akademie, Band 2. K.G. Saur-Verlag, München 1989.
  • Werner, Emil: Waldemar von Knoeringen 1906–1971. Broschüre 63 Seiten, Selbstverlag der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., 1981.

Fußnoten

  1. Wilhelm Högner. In: Die Zeit. 3. September 1953, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 12. März 2017]).
  2. Grab Nr. 90-W-11