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Kehlmann, Daniel #


* 13. 1. 1975, München, Deutschland


Schriftsteller; Hörspielautor


Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann beim Nestroy-Theaterpreis 2012 im MuseumsQuartier in Wien
Foto: Manfred Werner. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0
Daniel Kehlmann wurde am 13. Jänner 1975 als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann und der Schauspielerin Dagmar Mettler in München geboren.

Die Familie zog 1981 nach Wien, wo er das Kollegium Kalksburg (Jesuitengymnasium) besuchte und ab 1993 Philosophie und Germanistik an der Universität Wien studierte. Bereits als 22-Jähriger veröffentlichte der Student 1997 seinen ersten Roman "Beerholms Vorstellung"; darauf folgten "Mahlers Zeit" (1999) und "Der fernste Ort" (2001). Seinen internationalen Durchbruch als Schriftsteller schaffte er 2003 mit seinem vierten Roman "Ich und Kaminski". Sein Roman "Die Vermessung der Welt", in bisher vierzig Sprachen übersetzt, wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit und wurde 2012 verfilmt.

Daniel Kehlmann, der zahlreiche Poetik-Dozenturen innehatte, darunter in Mainz, Wiesbaden, Göttingen, Tübingen und Köln, war 2012 Gastprofessor am German Department der New York University. Er ist Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Daniel Kehlmann lebt als freier Schriftsteller in Wien und Berlin.


Kehlmanns epische Werke schlagen eine Brücke zwischen naturwissenschaftlicher Welterfahrung und philosophischer Welterschließung.
In "Mahlers Zeit" etwa erzählt Kehlmann über den Physiker David Mahler, in "Ich und Kaminski" geht es um die geplante Biographie der Malers Manuel Kaminski von einem jungen Kunsthistoriker.
In "Die Vermessung der Welt" porträtiert er zwei deutsche Geistesgrößen: den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Universalgelehrten Alexander von Humboldt. Im Zentrum steht ein Treffen der beiden 1828 in Berlin auf einem Naturforscherkongress. Der Roman kann sich auf knapp 300 Seiten Leben und Werk der beiden allerdings nur schlaglichtartig widmen, skizzenhaft und kurzweilig erfährt man von wichtigen Stationen ihres Schaffens, Fakten und Fiktion werden gemischt. Die Komik des Romans beruht nicht nur auf den ironisch beleuchteten Charakteren von Gauß und Humboldt, sondern auch auf der Mischung zwischen Größe und Lächerlichkeit.

Auszeichnungen, Preise (Auswahl)#

  • Förderpreis des Kulturkreises beim BDI, 1998
  • Stipendium des Literarischen Colloqiums in Berlin, 2000
  • Candide-Preis, 2005
  • Preis der Konrad Adenauer Stiftung, 2006
  • Heimito von Doderer-Preis, 2006
  • Kleist-Preis, 2006
  • "Welt"-Literaturpreis Berlin, 2007
  • Per-Olov-Enquist-Preis, 2008
  • Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck, 2008
  • Prix Cévennes du roman européen für Gloire (französische Fassung von "Ruhm"), 2010
  • Nestroy-Theaterpreis - Autorenpreis für "Geister in Princeton", 2012
  • Frankfurter Poetik-Dozentur, 2014

Werke (Auswahl)#

Bücher

  • Beerholms Vorstellung. Roman, 1997
  • Unter der Sonne. Erzählungen, 1998
  • Mahlers Zeit. Roman, 1999
  • Der fernste Ort. Novelle, 2001
  • Ich und Kaminski. Roman, 2003
  • Die Vermessung der Welt. Roman, 2005
  • Wo ist Carlos Montufar? Essays, 2005
  • Diese sehr ernsten Scherze. Poetikvorlesungen, 2006
  • Mahlers Zeit. Roman, 2006
  • Requiem für einen Hund. Ein Gespräch, 2008
  • Leo Richters Porträt. Porträt, 2009
  • Ruhm, 2009
  • Lob: Über Literatur. Essays, 2010
  • F. Roman, 2013
  • Kommt, Geister. Frankfurter Poetikvorlesungen, 2015
  • Du hättest gehen sollen, Erzählung, 2016

Theaterstücke

  • Geister in Princeton (uraufgeführt am Schauspielhaus Graz), 2012
  • Der Mentor, 2012
  • Heilig Abend, 2017

Hörspiele'

  • Ich und Kaminski, 2004
  • Die Vermessung der Welt, 2007
  • Geister in Princeton, 2013
  • Der Mentor, 2014

Leseprobe#

aus Daniel Kehlmann - "Die Vermessung der Welt"


Die Reise

Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.

Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß. Als er sie wieder öffnete und Minna noch immer da war, nannte er sie lästig, beschränkt und das Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nicht half, streifte er die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden.

Grimmig und notdürftig gewaschen ging er die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer wartete sein Sohn Eugen mit gepackter Reisetasche. Als Gauß ihn sah, bekam er einen Wutanfall: Er zerbrach einen auf dem Fensterbrett stehenden Krug, stampfte mit dem Fuß und schlug um sich. Er beruhigte sich nicht einmal, als Eugen von der einen und Minna von der anderen Seite ihre Hände auf seine Schultern legten und beteuerten, man werde gut für ihn sorgen, er werde bald wieder daheim sein, es werde so schnell vorbeigehen wie ein böser Traum. Erst als seine uralte Mutter, aufgestört vom Lärm, aus ihrem Zimmer kam, ihm in die Wange kniff und fragte, wo denn ihr tapferer Junge sei, faßte er sich. Ohne Herzlichkeit verabschiedete er sich von Minna; seiner Tochter und dem jüngsten Sohn strich er geistesabwesend über den Kopf. Dann ließ er sich in die Kutsche helfen.

(S. 7f)

© 2005, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
LITERATURHAUS

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl