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Zusammenfassung#

Florian Kliman: FÜNF NACH ZWÖLF - Zeit für größere Hoffnungen#

Fünf nach Zwölf: Ein Programm der Selbstermächtigung#

Während schwer verständliche und verstörende Umbrüche die Abwendung von der Wirk- lichkeit zunehmend attraktiver werden lassen, weigert sich das Buch FÜNF NACH ZWÖLF - Zeit für größere Hoffnungen von Florian Kliman, einfachen, rückwärtsgewandten Narrativen das Feld zu überlassen. Es ist ein philosophisch tiefgreifendes Plädoyer für die Übernahme menschlicher Verantwortung und die Abkehr von zynischer Resignation. Der programmatische Titel verweist dabei auf eine fundamentale Erkenntnis: Gegenüber den Überlegungen, einen drohenden Schaden zu vermeiden, stellen sich ganz andere Fragen, will man sein Leben nach nun einmal eingetretenen Schäden neu ordnen. Der Vertrauens- entzug gegenüber der Demokratie und der Wissenschaft ist bereits weit fortgeschritten, was nicht zuletzt die massiven Erschütterungen während der Corona-Krise überdeutlich gezeigt haben. Die Dominanz destruktiver Deutungen ist an vielen Stellen sichtbar geworden. Gibt es aber auch Alternativen dazu, diese Ohnmacht als neue “conditio humana” hinzu- nehmen? Der Autor stellt seinem Buch einen aufrüttelnden Gedanken des russischen Frie- densnobelpreisträgers Dimitri Muratow voran, mit dem er auf den Tod des Bürgerrechtlers Alexej Nawalny am 16. 2. 2024 reagierte: Das Böse hat das Gute besiegt. Das heißt aber nicht, dass Du auf die Seite der Sieger wechseln musst. Das Buch kann auch als ein Bemühen des Autors gelesen werden, dem Leser mit Argumenten und Zuspruch zur Seite zu stehen, die läh- mende Ohnmacht hinter sich zu lassen. Da wir im globalen Vergleich in untypisch freien Verhältnissen leben, ist uns auch möglich, die Selbstermächtigung wieder zu erlangen. Oh ja, möglich! Das heißt aber auch: Wir müssen uns selbst darum kümmern.

Der historische Kontrast: Von der Nachkriegszeit zur säkularen Gegenwart#

Um die gewaltigen gegenwärtigen Herausforderungen der Demokratie zu verstehen, blickt das Werk auf jene Zeit zurück, in der die Demokratien europäischen Zuschnitts ihre heutige Prägung erfuhren. Die Nachkriegsjahre waren durch fundamentale Unterschiede zur Ge- genwart gekennzeichnet: Einer damaligen materiellen Not steht ein heutiger, beispielloser Wohlstand gegenüber. Vor allem aber waren damals über 90 Prozent der Bevölkerung an christliche Kirchen gebunden, während die heutige Gesellschaft weitgehend säkularisiert ist. Diese ehemals staatstragenden Kirchen boten der jungen Demokratie ein unverzichtba- res moralisches „Vorschussvertrauen“, wie es der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Bö- ckenförde in seinem berühmten Diktum formulierte. Durch das Schwinden dieser kirchli- chen Bindung steht die säkulare Demokratie heute vor der unausweichlichen Aufgabe, nach neuen, eigenen Vertrauensgrundlagen zu suchen.

Das Einfallstor der Unkenntnis und die Instrumentalisierung des Göttlichen#

Ein wenig beachteter Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Herausforderungen ist die kritische Auseinandersetzung mit den alten Mythen und dem Festhalten an einem ab- soluten göttlichen Offenbarungsanspruch. Die Einsicht, dass auch das sogenannte „Wort Gottes“ immer schon Menschenwort war, nimmt uns die bequeme Ausrede der Fremd- verantwortung. Das Buch zeigt auf, dass das strategische Beharren der etablierten Kirchen auf diesem Offenbarungsanspruch zu einer schwerwiegenden Zweigleisigkeit geführt hat. Während in der Sprache des Gottesdienstes weiterhin Stellen der Schrift performativ als “Wort des lebendigen Gottes” feierlich verlesen werden, lässt sich in der aktuellen Version der deutschen Übersetzung der wissenschaftliche Wissensstand nachverfolgen. Erstaunli- ches wartet auf den, der die Einleitungen und Kommentare zu den kanonisierten Büchern nicht überblättert: Kein Zweifel: Diese Inhalte wurden von Menschen niedergeschrieben, später wieder und wieder geordnet und bearbeitet. Selbst Theologen kritisieren diese un- redliche Zweigleisigkeit, die ins Kleingedruckte verschoben und nicht „unnötig“ breitge- treten wird. Mit diesem schweren Rucksack der Unredlichkeit wird auch eine Rückkehr zu gesellschaftlicher Relevanz schwer werden.

Gleichzeitig benennt Kliman eine wenig thematisierte Kehrseite der Säkularisierung. An- hand grafischer Auswertungen zum dramatischen Rückgang der aktiven Kirchenmitglieder belegt der Autor, wie wenige Menschen noch wissen, was in dieser Heiligen Schrift über- haupt drinnen steht. Diese normal gewordene Unkenntnis erweist sich heute als ein weit geöffnetes Einfallstor für populistische und fundamentalistische Vereinnahmungen. Die Strategen rechter Parteien in Europa haben schon die Abschnitte gefunden, die unantast- bare Autorität rechtfertigen. Gezielt greifen sie – wie etwa die Heilige Stephanskrone in Ungarn - uralte nationale und zugleich christliche Symbole auf. Mit solchen Kniffen können sich autokratische Führer für ihre Agenda göttliche Rückendeckung ausborgen. Und die lautet: Liberale, demokratische Errungenschaften wenn schon nicht rückabwickeln, so doch, sie zurückzudrängen!

Es geht auch anders: Menschenwort auf eigene Rechnung#

Unbelastet von jedem Vollständigkeitsanspruch ruft dieses Kapitel anhand eines genuss- vollen Spaziergangs durch die Kulturgeschichte Wichtiges in Erinnerung: Viele Denker – von der Antike über die Aufklärung bis zur Gegenwart – hatten schon den Mut, Verant- wortung für ihre Erkenntnisse zu übernehmen, ohne sich hinter dem Schutzschild einer unantastbaren göttlichen Offenbarung zu verstecken. Sie zeigen: Es war schon lange mög- lich, „auf eigene Rechnung“ zu sprechen und zu handeln.  

Größere Hoffnungen: Balance im Werkraum Demokratie#

Der Schlussteil des Werkes beginnt mit einer Klarstellung. Es entbehrt nicht eines gerüt- telten Maßes an Zynismus, die nicht realisierten Potenziale der Wissensexplosion durch die Aufklärung der vorgeblich überschätzten Bedeutung des Wissens anzulasten. Man könnte nämlich mit einiger Berechtigung von einer Unterschätzung der menschlichen Verantwor- tung sprechen. Auch die zentrale Stärke der Demokratie - ihre Korrekturfähigkeit – ist kein Ruhekissen und das vielbeschworene Lernen aus der Vergangenheit stellt sich ebenfalls als proaktive Aufgabe heraus.

Die schon im Untertitel genannten „größeren Hoffnungen“ dienen daher vor allem als säkulare und ethische Richtschnüre der Hoffnung, an denen wir unsere künftigen Hand- lungen und Lösungsansätze messen müssen: Handeln hingegen - das müssen weiterhin wir Erdenbürger. Lassen unsere Entscheidungen diese Hoffnungen am Leben, oder würgen sie diese ab? Das Bewerten der verfügbar gewordenen faktischen Ressourcen zum Ver- ständnis der Welt und die ethischen Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens sind die beiden Themenbereiche, die in den Werkräumen einer lebendigen Demokratie gestaltet werden können - aber auch müssen. Wie komplex diese Aufgabe ist, kommt auch in den vorgestellten größeren Hoffnungen zum Ausdruck. Sie zeigen uns sowohl die reichlich vor- handenen Quellen, die uns heute zur Verfügung stehen, als auch die Ansprüche, die genau daraus entstanden sind.

  • Die rationalen Konzepte (1, 2, 3):
Das Anthropozän (Paul J. Crutzen), die Erinnerung an unser schicksalshaftes Zusammenleben der Menschen auf einer kleinen blassblauen Kugel im All (Carl Sagan) und die Nachhaltigkeitsziele der UNO (SDGs) bilden das Rüstzeug, das uns durch die Wissenschaft heute zur Verfügung steht.
  • Das Zentrum (4):
In der exakten Mitte dieser Hoffnungen steht die Demokratie.Sie ist kein bequemer Lieferservice, sondern ein „offener Werkraum“. Sie ist daseinzige System, das mit dem fortwährenden Wandel umgehen kann, indem es wissenschaftliche, ethische und rationale Entwicklungen verarbeitet und durch menschliche Kooperation in den Alltag trägt.
  • Die ethischen Zugänge (5, 6, 7):
Die bedingungslose Freiheit der Andersdenkenden (Rosa Luxemburg), das Bekenntnis zur universellen Menschlichkeit (Dalai Lama) und Baruch de Spinozas pantheistischer Gott skizzieren eine neue „Ethik von unten“. Sie kommt ohne die Angst vor Strafen aus, indem sie einen einsichtigen, vernunftbasierten Umgang mit den Fragen nach Sinn und Form des menschlichen Zusammenlebens eröffnet.

Fünf nach Zwölf ist letztlich ein Aufruf zur persönlichen und gesellschaftlichen Selbstermächtigung. Die Fülle an Argumenten unterstreicht in jeder Zeile die Möglichkeit ebenso wie die Notwendigkeit einer Ethik der Verantwortung. Das verfügbare Wissen alleine reicht nicht, es bleibt viel zu tun im Werkraum Demokratie. Doch diese Arbeit an der ach so unvollkommenen Welt ist mehr als eine nun eben nicht zu vermeidende Notwendigkeit. „Was alles noch zu tun ist“ ist letztlich ein anderer Name für sinnvolle Betätigung – es reicht durchaus, auch für 8 Milliarden Menschen.

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