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Marlen HAUSHOFER: Begegnung mit dem Fremden#

Marlen HAUSHOFER: Begegnung mit dem Fremden / Erzählungen, dvt, 1991 / Rezension von Guenther Johann

Marlen HAUSHOFER: Begegnung mit dem Fremden
Marlen HAUSHOFER: Begegnung mit dem Fremden

HAUSHOFER, Marlen: „Begegnung mit dem Fremden – Erzählungen“, München 1991 Die Schriftstellerin Haushofer ist erst relativ spät entdeckt worden. Ich bin ja nicht nur ein Leser, sondern auch ein Sammler und so ist es mein Ziel von den bekannten neueren österreichischen Autoren alle Bücher zu besitzen. Dieses von Haushofer habe ich nur mehr antiquarisch bekommen. Es sind Erzählungen aus dem Alltag der Autorin. Sie war eine konservative, bürgerliche Frau. In ihren Gedanken und Schreibarbeiten gab sie sich aber sehr liberal und kritisch. In den vorliegenden Erzählungen gibt sie ein Spiegelbild ihrer Zeit, der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Typisch dafür die Geschichte „Der Sonntagsspaziergang“. Der Familienvater entscheidet nach dem Mittagessen einen gemeinsamen sonntäglichen Spaziergang zu machen. Alle Anderen hatten anderes geplant, aber das Familienoberhaupt – der Patron - bestimmte. Die Geschichte erzählt dann den Ablauf der Wanderung: jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Haushofer hat eine sehr detailgenaue Erzählkunst. Jede Kleinigkeit wird beschrieben. Auch Gedanken. So etwa in der Geschichte „Der Bruder“, in der sie nicht nur ihr (?) Verhältnis zum Bruder, sondern auch ihre nächtlichen Gedanken, in denen sie verstorbene Menschen trifft, ausführlich schildert. Eine Abrechnung mit nicht mehr Lebenden und eine Wiederherstellung der eigenen inneren Balance zu diesen. Realität und Fantasie verschmelzen „Wenn ich mich auf die linke Seite drehe, höre ich mein Herz laut schlagen; rechts kann ich nicht liegen, immer den Rücken zur Wand, immer den Feind im Auge behalten. Auf dem Rücken schläft kein Mensch ohne hässliche Träume. Und ich will nicht träumen, ich will schlafen, mit Leib und Seele, besonders aber mit Seele.“ (Seite 147) Die Erzählungen gehen auch in ihre Jugendzeit zurück, wie etwa in „Der Drache“, in dem sie das Verhalten einer Lehrerin schildert. Den Titel erhielt das vorliegende Buch von der Erzählung „Begegnung mit dem Fremden“. Da kommt wieder ihr eigenes Leben zum Vorschein. Der konservative Ehemann hat Menschen eingeladen, die er dienstlich braucht, die aber ganz anders sind als sie selbst. Es ist eine Belastung für das Ehepaar. Die Gäste trinken und rauchen viel. Die Unterhaltung ist primitiv. Letztlich wirft sie aber der Mann hinaus und verzichtet auf deren Unterstützung. Ein mutiger Schritt, den sie von ihm nicht erwartet hätte. Das Buch ist eine Zeitreise in eine konservative Welt vor fast 100 Jahren. Auch der Schreibstil spiegelt diese Zeit wider.