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Barbara FRISCHMUTH: Dein Schatten tanzt in der Küche#

Barbara FRISCHMUTH: Dein Schatten tanzt in der Küche / Erzählungen, aufbau, 2021 / Rezension von Guenther Johann

Barbara FRISCHMUTH: Dein Schatten tanzt in der Küche
Barbara FRISCHMUTH: Dein Schatten tanzt in der Küche

FRISCHMUTH, Barbara: „Dein Schatten tanzt in der Küche“, Erzählungen, Berlin 2021 Bereits in der ersten Geschichte dieses Buches zeigt sich Barbara Frischmuth als große Meisterin der Erzählkunst. Es ist eine Geschichte, die mit dem Buben Adnan beginnt und mit ihm endet. Darya flüchtet mit ihrem (inoffiziell) Verlobten. Ein Bub – Adnan - testet sein Messer am Schlauchboot, in dem sie flüchten und das Boot sinkt. Dabei stellt sich heraus, dass der Verlobte von Darya nicht schwimmen kann. Darya versucht ihn zu schleppen, scheitert aber und kommt bewusstlos an Land. Sie ist traumatisiert. Trotzdem fasst sie schnell Fuß. Integriert sich. Lernt die deutsche Sprache und bekommt einen Job. Um ihre Familie zu Hause nicht in Schwierigkeiten zu bringen, hält sie keinen Kontakt. Als sie dann Adnan, den Buben, der das Boot zum Sinken brachte, als Schüler bekommt, aktiviert sie wieder ihre arabische Muttersprache. Die Vergangenheit holt sie wieder ein. Sie telefoniert mit der Mutter. Vieles hat sich zu Hause verändert. Der Vater ist gestorben. Darya versucht mit Jemandem darüber zu reden, aber auch ein Freund hat keine Zeit. Sie nimmt Schlafpulver, um zu testen, wem sie abgehen würde. Leider wird sie nur mehr tot gefunden. Auch in der folgenden Erzählung bewegt sie sich im Thema der Migration. Bei „Enkelhaft“ sucht eine Tochter das Ursprungsland der Mutter auf und hinterlässt ihr das Kind des Freundes zum Babysitten. In „Kein Engel vor der Tür“ verliert eine mittelmäßige Schauspielerin ihre gesamte Familie. Nahe am Notstand lebend lernt sie im Alter von über 70 Jahren einen ehemaligen Freund und Liebhaber kennen. Die beiden verlieben sich und verbringen bereits die erste Nacht in der Wohnung der Frau. Am Morgen muss sie feststellen, dass der Liebhaber in ihrem Bett gestorben ist. Das Buch umfasst fünf Geschichten. In der vorletzten – „Die Katze, die im Sprung gefror“ – wird das Leben einer Frau erzählt, wie sie aus der Stadt aufs Land zu einem Bauern zieht. Die Landwirtschaft ist nicht mehr lukrativ und er muss als Nebenerwerbsbauer weitermachen. Für seinen Sohn wird Feld für Feld und Acker für Acker verkauft, um sein Studium und dann seine wissenschaftlichen Expeditionen zu unterstützen. Letztlich wird auch das Haus verkauft und daneben ein kleines, für das alternde Paar, gebaut. Der Mann lebt nur mehr kurze Zeit und die Frau bringt sich allein durchs Leben. Ein Frauenschicksal, das es sicher oft gibt und hier von Barbara Frischmuth auf die literarische Bühne gebracht wird Die längste Geschichte dieses Buchs ist die letzte: „Die Rötung der Tomate im Winter“. Es geht um das Paar Doris und Ödon. Jeder Person wird ein Kapitel gewidmet und so kommen die Blickwinkel dieser beiden Menschen und ihrem Schicksal zum Vorschein. Doris verlor im sechsten Monat ihr Kind, das von Ödon stammte. Die Hochzeit war schon angesagt, als Ödon aus einer Dienstreise einen Brief schickte, um mitzuteilen, dass er glaube, sie sei nicht die richtige Frau. Die Hochzeit wurde abgesagt. Doris versuchte wieder Tritt zu fassen. Änderte Jobs und landete in einer Gärtnerei. Auch ihr Vater hatte eine Gärtnerei. In den taubstummen Sohn des Arbeitgebers verliebte sie sich. Ja, sie wurde von ihm schwanger. Als sie gemeinsam mit dem Rad unterwegs waren kam es zu einem Unfall, bei dem sie starb. Nun die Geschichte von Ödon. Sein Vater war Alleinerzieher. Ein Künstler. Sie flüchteten aus Ungarn und zogen zu einem Onkel in Wien. Er war homosexuell und förderte das Leben des jungen Ödon. In der Schule verliebte er sich in ein junges Mädchen, das mit ihren Eltern aus Lateinamerika zurückkam und – so wie er – schlecht Deutsch sprach. Er studierte später Wirtschaft und verbrachte einen Teil der Studienzeit in England. Bedingt durch seine Sprachkenntnisse fasste er Fuß in einem Immobilienbüro. Das Paar verlor sich. Die Freundin heiratete einen Gärtner. Bei einem Begräbnis trafen sie sich wieder und er wurde eingeladen. Die ehemalige Freundin hatte ein vierjähriges Mädchen. Das Kind wuchs heran und Ödon kümmerte sich immer mehr um sie. Er war 25 Jahre älter. Trotzdem fanden sie zusammen. Und hier treffen sich die beiden Geschichten wieder. Sie wurde von ihm schwanger und verlor das Kind im sechsten Monat. Er sagte die Hochzeit ab, weil er in seinem Geburtsland in eine alte Depression zurückgefallen war und Selbstmord beging, den er aber überlebte. Er will wieder zu seiner Doris. „Bis der Tod uns scheidet!, sagte er mehrmals laut vor sich hin. Vielleicht würde es ihnen sogar gelingen, sich auch vom Tod nicht scheiden zu lassen, sondern ihm in unverbrüchlicher Gemeinsamkeit entgegenzutreten, wenn es so weit war“ (Seite 222) Mit diesem Satz endet das Buch. Ob Ödon da schon wusste, dass „seine“ Doris schon tot war? Für den Leser bleibt es offen. Barbara Frischmuth ist nicht eine Dichterin mit gutem Namen, die eben weiter Bücher produziert, sondern jedes neue Werk ist ein Meisterwerk. Sie beruft sich nicht auf den Erfolg ihrer Vergangenheit, sie stellt ihn immer wieder neu unter Beweis.