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Najem WALI: Die Balkanroute#

Najem WALI: Die Balkanroute / Flucht und Segen der Jahrtausende, Matthes & Seitz Berlin, 2017 / Rezension von Guenther Johann

Najem WALI: Die Balkanroute
Najem WALI: Die Balkanroute

WALI, Najem: „Die Balkanroute“, Berlin 2017 Najem Wali durfte ich bei den „Europäischen Literaturtagen“ in Krems kennenlernen. Das Buch über die Balkanroute habe ich gewählt, weil der Autor selbst – dem Krieg im Irak entfliehend – über diese Route in den Westen kam und seither in Deutschland wohnt. Inzwischen sind fast 40 Jahre vergangen und die Fluchtrouten sind sicher schwieriger geworden. Er selbst wird in Deutschland immer noch als Iraker angesehen und seine Familie im Irak sieht ihn als Deutschen. Das vorliegende Buch nimmt aber einen unerwarteten Anfang. Sehr verständlich und gut lesbar wird in den ersten Abschnitten über Wanderungen und Fluchten berichtet. Wali geht dabei auf Zeiten des Propheten Abraham zurück. Abraham, der von allen Eingott-Religionen (Juden, Muslimen und Katholiken) anerkannt wird musste fliehen. „Der starke Mann brach sein Zeltlager ab und verstreute seine Herde in alle Winde.“ (Seite 17) In der Fremde wurden die Frauen zum Heiraten aus der Heimat nachgeholt. Eine Tradition, die türkische Migranten im Westen noch heute betreiben: die Bräute werden aus Anatolien nachgeholt. Babylon und das Zwischenstromland bot bessere Lebensbedingungen. Eine Wohlstandsflucht, wie wir sie auch heute kennen. Helenen, Griechen; immer wieder kam es zu Wanderbewegungen. Im 6. Jahrhundert v.Chr. dann eine Invasion durch die Perser. Alexander der Große stammte aus Mazedonien und eroberte Ländereien entlang der Balkanroute. Odysseus war viele Jahre unterwegs. König Gilgamesch „legte seine prachtvollen Gewänder ab und kleidete sich in Tierhäute, und er begibt sich auf eine lange Wanderschaft, um in der Fremde das Geheimnis des Lebens und der Unsterblichkeit zu finden.“ (Seite 53) Immer wieder ging es entlang der Balkanroute, aber in beide Richtungen. Die Kreuzritter zogen vom Westen in den Osten. Eigentlich entstanden die Kreuzzüge, so erfährt man bei Wali, aus einem Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I., um ihm gegen die Muslime und Türken zu helfen. Abenteurer und Ritter sahen darin eine Chance. Muslime wurden aus den ihnen heiligen Städten in Jerusalem vertrieben, aber in den 200 Jahren der Kreuzzüge wurden auch die orthodoxen Glaubensbrüder und Konstantinopel vernichtet. So wie bei heutigen Fluchthelfern profitierten schon damals die Helfer. Das waren europäische Küstenstädte, die den Transport der Ritter und ihrer Söldner gegen Bezahlung übernahmen. Dann stellt Wali einen Wanderer aus dem 14. Jahrhundert vor: Ibn Battuta. Er ist allein gereist und hat dabei 120.000 Kilometer zurückgelegt. Eigentlich wollte er nur eine Pilgerreise von seiner Heimat Marokko nach Mekka unternehmen, war aber dann 24 Jahre unterwegs. Er wanderte weiter; in den Iran, Irak, nach Indien und China. Seine Reiseberichte gingen verloren und wurden erst im 19. Jahrhundert in Ägypten wieder entdeckt. Don Passos fuhr die Balkanroute Anfang des 20. Jahrhunderts im Orientexpress von Venedig nach Istanbul und weiter nach Tiflis, Bagdad und Teheran. Hans Christian Anderson reiste die Strecke und betätigte sich als ausgezeichneter Reiseerzähler. Nur dreißig Seiten werden den heutigen Flüchtlingen auf der Balkanroute gewidmet. Zwei Reisen unternahm der Autor dazu. Er stellte sich als Übersetzer vom arabischen ins spanische einer spanischen medizinischen Hilfsgruppe zur Verfügung und schildert seine Erfahrungen und Eindrücke an der geschlossenen Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Er schildert Menschenschicksale, weil die Leute glücklich waren, wenn sie von sich erzählen konnten. Glücksich waren auch die Einheimischen der angrenzenden Dörfer. Sie machten mit den Flüchtlingen Geschäfte, die sie sonst in ihrer abgeschiedenen Lage nie gemacht hätten. Alle Hotels und Pensionen waren ausgebucht und von Mitarbeitern aus internationalen Hilfsorganisationen und Journalisten belegt. Später unternahm der Autor eine zweite Reise auf die Insel Lesbos, auf der die aus der Türkei mit dem Schlauchboot ankommenden Flüchtlinge wie in einem Gefängnis gehalten wurden. Die Lager wurden vom Militär verwaltet, was den oft vor Militärrepressalien geflüchteten Menschen weitere Angst einjagte. Die Ausstattung war katastrophal: „Auf dem felsigen Boden, auf dem die Menschen schlafen, sind Scharen von Skorpionen und Schlangen unterwegs, es gibt weder Elektrizität noch sauberes Wasser, Toiletten und Waschräume sind verdreckt, und immer mehr Menschen leiden an Krankheiten …“ (Seite 163) Im letzten Kapitel springt die Erzählung zur Gründung der Türkei und dem Untergang des osmanischen Reiches zurück. 1916 kam es zum Kleinasienabkommen, in dem alle Balkanländer selbstständig wurden und das osmanische Reich aufgeteilt wurde. Diese Aufteilung löste eine große Völkerwanderung aus. „Ein Abkommen, das die Religionszugehörigkeit zur Grundlage seiner Anwendung machte – und nicht etwa die ethnische Herkunft oder Muttersprache, nicht den Geburtsort oder persönlichen Besitz – und das zur Folge hatte, dass die griechischen Christen, die bislang in der Türkei gelebt hatten, nach Griechenland umgesiedelt wurden und gleichzeitig die muslimischen Einwohner, die in Griechenland beheimatet waren, in die Türkei emigrieren mussten, ob sie wollten oder nicht.“ (Seite 169) Wieder entstanden Flucht- und Wanderungsrouten. Diesmal in beide Richtungen. Das betraf eine halbe Million Muslime in Griechenland und 1,2 Millionen Griechen auf türkischem Gebiet. Dieses Buch liefert eine sehr gute geschichtliche Einführung, die man unter dem Titel „Balkanroute“ nicht vermuten würde, weil man als naiver Leser nur an die Jetztzeit denkt.