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Die Lotterie von Babylon heute#

© Hermann Maurer, Mai 2017

(Der Beginn der Geschichte basiert auf einer Idee in der klassischen Erzählung „Die Lotterie von Babylon“ des argentinischen Dichters George Louis Borges. Sie erklärt Zufall und Glück.)

Ein berühmter Herrscher des antiken Babylons (sein Name liegt in der Redaktion auf) sorgte dafür, dass die Menschen in seinem Reich ohne Sorgen, Hunger, Krieg oder Verbrechen leben konnten. Er beobachtete aber mit Interesse, wie stark Zufälle das Leben von Menschen prägen. Da fand ein fauler Bauer beim Umpflügen seines Ackers einen Brocken Gold, und führte fortan ein Leben in Saus und Braus. Sein fleißiger Nachbar rackerte sich Tag und Nacht für seine Eltern ab, sehnte sich nach einer Lebensgefährtin, doch hatte er keine Zeit, um auszugehen, und konnte so nie eine geeignete Frau kennenlernen.

Viele ähnliche Situationen brachten den Herrscher mehr und mehr zum Nachdenken: Zufälle beeinflussen das Leben der Menschen. Aber wenn ich die Anzahl der positiven Zufälle in meinem Land betrachte, stimmt sie? Oder ist sie zu klein, oder ist sie zu groß…. oder (was für ein Zufall wäre das!) ist sie gerade richtig? Er rief ein großes Gelehrtenteam zusammen, das zwei Jahre lang dieser Frage nachging und (wie das heute noch in Bhutan geschieht) den Glückszustand GZ der Bevölkerung maß. Das Ergebnis war überraschend: GZ war mit einigen Völkern in der Nachbarschaft verglichen hoch, doch die Anzahl der Zufälle war durchschnittlich gesehen zu klein, weit unter der „Idealzahl“, die die hochgelehrte Kommission errechnet hatte.

Der Herrscher war ein Mann der Tat: Die erst vor kurzer Zeit erhöhten Steuern wurden umgelegt in eine Lotteriepool. Jeder Bürger nahm ab sofort an der Auslosung von tausenden Gewinnen an jedem Freitag teil, ohne etwas dafür zu zahlen. So geschah es, dass am Wochenende tausende Bürger vom Zufall überrascht oft eine prächtige Summe am Wochenende zugeteilt bekamen. Eine Auswertung der Ergebnisse ergab zwei positive Effekte: Die Anzahl der positiven Zufälle erhöhte sich und kam der Idealzahl nahe. Gleichzeitig erhöhte sich der Glückszustand GZ der Bevölkerung auch deutlich.

Das Ergebnis wurde in Keilschrift gemeißelt und erst am 26. 4. 200 entziffert:

„ Positiver Zufall schafft angenehme Überraschungen, angenehme Überraschungen erhöhen den Glückszustand“

Ob bewusst oder unbewusst, diese Erkenntnis ist seit Jahrtausenden der philosophische Unterbau für Wettbüros, für staatliche Lotterien, für Lotto oder Toto, Gückspielautomaten wie von Novomatic oder Rouletteautomaten wie von Gauselmann, für Casinos und Casinoketten für Online Spiele, für online Spiele, usw.

Vielleicht helfen auch meine persönlichen Erlebnisse um zu verstehen was ich meine. Lotto spiele ich 1 x pro Woche mit kleinem Einsatz seit langer Zeit: Ich bin immer auf die Gewinnzahlen neugierig, auch wenn ich noch nie substantiell was gewonnen habe. Aber als Nichtraucher gebe ich für Lotto viel weniger aus als für Zigaretten.

In Casinos gehe ich ab und zu, immer nur mit Cash in der Tasche, mit keiner Bankomatkarte oder Kreditkarte. Das ist ein großes Hindernis, mehr als das auszugeben, was ich mit habe (ja, auch ich verwende Krücken!!!).

Ich habe einige Male alles verloren, ich habe einige Male auch gewonnen. Insgesamt habe ich viele elegant gekleidete Menschen in Europa (Las Vegas hat einen anderen Flair) kennen gelernt, einige Drinks gehabt, sicher insgesamt Geld verloren.

Nur: ich habe mehr Geld für Opern- oder Schauspielabende ausgegeben die mich nur frustriert haben. Casinos, in welcher Forma auch immer, sogar Las Vegas, finde ich unterhaltsam und eben „Zufälle erhöhend“ (nicht nur finanziell).

Mir ist bewusst, dass es Spieler gibt, die ihre Karriere, ihre Ehe auf das Spiel setzen, weil sie spielsüchtig sind. Ich weiß nur nicht, ob man denen leichter helfen kann als Alkoholsüchtigen oder Rauschgiftabhängigen…und zumindest Alkohol ist (zu meiner Freude, ohne deshalb Alkoholiker zu sein) nicht verboten.

In Österreich wurde das „Kleine Glücksspiel“ in Gaststätten mit Automaten verboten bzw. sehr beschränkt. Es ist nachgewiesen, dass damit Spieler online (ins Internet) ausgewichen sind. Nicht nur ist es oft frustrierend, bis man endlich spielen kann, Internetangebote aus dem Ausland sind auch weniger kontrollierbar, als Automaten in österreichischen Lokalen, wo z.B. die Ausschüttungsquote noch kontrolliert werden kann, und man keine Kreditkarteninformationen preisgeben muss. Ob damit was Gutes getan wurde???