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Die Abhängigkeit von einem Fremdling#

Die Corona-Krise führt zu Problemen bei Importen von Soja. Ohne Soja aber kein Fleisch. Die EU importiert 95 Prozent ihres Bedarfs aus Übersee. Dabei hätte alles ganz anders kommen können.#


Von der Wiener Zeitung (4. April 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Simon Rosner


Riesige Mähdrescher wirken auf den Sojafeldern in Brasilien ganz klein. Das Land ist mittlerweile der größte Sojaproduzent der Welt.
Riesige Mähdrescher wirken auf den Sojafeldern in Brasilien ganz klein. Das Land ist mittlerweile der größte Sojaproduzent der Welt.
Foto: afp/Yasuyoshi Chiba

Manche Bücher haben sehr weitreichende Folgen. „Das Kapital“ von Karl Marx ist so ein Buch. Oder „Über die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin. Es sind Bücher, die man kennt, ohne sie gelesen zu haben. Ihr Inhalt hat die Geschichte, unser Leben, unsere Gesellschaft, unser Denken nachhaltig geprägt. Von den Schriften der Weltreligionen ganz zu schweigen.

Weitgehend unbekannt dagegen sind die einschneidenden Folgen eines Buches aus dem Jahr 1878, verlegt in Wien und geschrieben von einem österreichischen Agrarwissenschafter namens Friedrich Haberlandt. Der Titel ist auch eher nüchtern gewählt, der Autor verzichtet auf die rhetorisch große Geste. Das Buch heißt schlicht: „Die Sojabohne“. Hinter dem Buch steckte aber durchaus revolutionäre Absicht. Haberlandt berichtete darin über „Studien und Versuche über die Anbauwürdigkeit dieser neu einzuführenden Culturpflanze“, wie es im Untertitel heißt.

Und die entscheidende Frage der Anbauwürdigkeit beantwortet der Forscher auf mehr als 100 Seiten sinngemäß mit Ja und mindestens vier Rufzeichen dahinter: der Nährwert, die Vorteile beim Anbau, die Resilienz des Saatguts, die „bewunderungswürdige Flexibilität“. Für Haberlandt ist Soja eine Offenbarung. „Die Landwirthe“, schließt er am Ende des Buches, „werden nur ihr eigenes Interesse bedenken, wenn sie diesen wunderthätigen Fremdling in den Kreis der ihrem Schutze empfohlenen Culturpflanzen aufnehmen und hierbei mit dem eigenen Vortheil und dem allgemeinen Volkswohl auch das Wohl des Vaterlandes fördern.“

Das Kaiserreich erlebte in jener Zeit ein enormes Bevölkerungswachstum. Binnen vier Jahrzehnten wuchs die Zahl der Einwohner von 12 auf 46 Millionen an. Deren Ernährung musste erst einmal gewährleistet werden. Hunger war in einigen Teilen des Reichs ein immer wiederkehrendes Problem.

Dann kam die Weltausstellung 1873 in Wien. In mehreren Pavillons präsentierte sich das japanische Kaiserreich dem staunenden Publikum. Mehr als 6000 Exponate waren nach Wien geschifft worden und hinterließen einen nachhaltigen Eindruck, vor allem in der Kunst. Der Japonismus breitete sich aus, heute würde man von einem Hype sprechen. Anleihen an der japanischen Ästhetik finden sich etwa unverkennbar im Wiener Jugendstil wieder.

Auch Friedrich Haberlandt besuchte die Weltausstellung, und er erwarb dort, wie er in seinem Buch schildert, einige Sojabohnen, die er zwei Jahre später zu Testzwecken anzubauen begann. So entstand auch sein Buch „Die Sojabohne“ im Jahr 1878. Es sollte die Ernährung des Kaiserreichs revolutionieren. Man muss aber genauer sagen: Hätte sollen.

Denn nur wenige Monate nach Erscheinen des Buchs starb Haberlandt im Alter von nur 52 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Die Forschung an diesem „wunderthätigen Fremdling“ kam zum Erliegen, Werk und Wissenschafter gerieten sehr rasch in Vergessenheit. In Europa, wohlgemerkt. Und das ist ein wichtiger Zusatz. Denn Haberlandts Erkenntnisse schafften tatsächlich den Sprung über den Atlantik.

Hohe Umweltkosten durch Importe aus Übersee#

Auch die Vereinigten Staaten erlebten zu jener Zeit ein enormes Bevölkerungswachstum, und der Energiebedarf der industrialisierten Gesellschaft war außerdem höher als zuvor. In den Staaten schlug die neuartige Bohne Wurzeln, und sie reichen bis heute. Bis vor wenigen Jahren waren die USA der weltweit größte Produzent von Soja, erst kürzlich wurden sie an der Spitze von Brasilien mit seinen Agrarflächen im Amazonas abgelöst.

In der EU spielt Soja in der Landwirtschaft dagegen nur eine untergeordnete Rolle, rund 95 Prozent des Bedarfs werden importiert. Und warum? Weil Europa seinen Haberlandt nicht gelesen hat.

Das muss kein grundsätzliches Problem sein. Internationale Arbeitsteilung und Welthandel haben ihre unbestreitbaren Vorzüge. Sie sind in der globalisierten Welt nicht mehr wegzudenken. Und es hat bisher auch immer gut funktioniert. Aber es gibt eben auch die Kehrseiten. Zum einen sind die Umweltkosten durch die weiten Transportwege und die Abholzung von Regenwäldern hoch, zum anderen ist da die Import-Abhängigkeit von lediglich drei Ländern, nämlich USA, Brasilien und Argentinien. In normalen Zeiten mag das ein kurzer, unangenehmer Gedanke sein, mit dem rasch wachsenden Bedarf von China sowie durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und dessen aggressiver Handelspolitik hat dieser Gedanke aber Gewicht bekommen.

Importe von Soya in Millionen Tonnen
Importe von Soya in Millionen Tonnen
Foto: WZ-Grafik; Illustration: VKA/Adobe Stock; Quelle: LK OÖ
Anbauflächen von genveränderten Sojabohnen in Millionen Hektar
Anbauflächen von genveränderten Sojabohnen in Millionen Hektar
Foto: WZ-Grafik; Illustration: VKA/Adobe Stock; Quelle: ISAAA

Soja als Achillesferse der Landwirtschaft#

Als die Recherchen zu diesem Artikel begannen, war das Coronavirus noch nicht einmal als solches benannt. Damals sagte Christian Krumphuber, Pflanzenbaudirektor der Landwirtschaftskammer Oberösterreich: „Sich auf drei Länder zu verlassen, ist ein Risiko. Es kann ja auch einmal ein Krisenszenario passieren, und dann funktionieren die logistischen Kanäle nicht.“ Diese Situation ist nun eingetreten, nur ein paar Wochen später.

Bereits jetzt legen Schiffe mit Soja an Bord verspätet aus den Häfen in Übersee ab. Und es ist höchst unsicher, wie sich das Virus am amerikanischen Kontinent in den kommenden Wochen weiterentwickeln wird. „Soja ist die Achillesferse der Landwirtschaft, da kommt es am schnellsten zu Engpässen“, sagt Matthias Krön, der Geschäftsführer des Verbandes „Donau-Soja“. Noch kann europäisches Soja diese Lücke füllen, aber mittelfristig könnte Soja als Futtermittel knapp und teuer werden, glaubt man bei „Donau-Soja“.

Die Bohne ist in erster Linie für die Fleischproduktion wichtig, auch wenn Tofu, Sojamilch und andere Sojaprodukte ein wenig an Bedeutung gewonnen haben. Doch 80 Prozent gehen in die Tiermast, weil Soja eine so hochwertige Eiweißquelle ist, dass es teilweise nur mehr vier bis fünf Monate braucht, bis zum Beispiel ein Schwein Schlachtreife erreicht. Friedrich Haberlandt hatte sich das vor rund 150 Jahren noch ganz anders vorgestellt, er wollte mit seinem „wunderthätigen Fremdling“ noch die Menschen ernähren. Das tut Soja aber eben nur indirekt. In Europa ist beim Fleischkonsum eine Sättigung erreicht, in ärmeren Regionen, die nun vermehrt zu Wohlstand gelangen, steigt er aber enorm.

Österreich zählt innerhalb der EU noch zu jenen Ländern, in denen vergleichsweise viel Soja angebaut wird. In den vergangenen zehn Jahren konnte die Produktionsmenge auf rund 215.000 Tonnen mehr als verdoppelt werden, der Bio-Anteil ist mit 35 Prozent recht hoch. Wobei das heimische Soja nur etwa zur Hälfte verfüttert wird. Vor allem die Bio-Bohnen werden in einigen kleinen bis mittleren Mühlen verarbeitet.

Im Arbeitsprogramm der Regierung ist von einer „Erarbeitung einer nationalen Eiweißstrategie“ zu lesen. Was ein wenig nach Diät-Programm klingt, ist tatsächlich der konkrete Plan, die Menge an angebautem Soja deutlich zu erhöhen, um das Land der Autarkie zumindest näher zu bringen. Auch auf europäischer Ebene gibt es Bewegung, und zwar durchaus auch aufgrund österreichischer Initiativen.

Österreich ist einer der größten Produzenten der EU#

„Es bewegt sich etwas“, sagt Krumphuber, der sich seit vielen Jahren intensiv mit der Sojapflanze beschäftigt. In Frankreich wurde die Produktion stark ausgeweitet, auch in Deutschland läuft der Anbau nun verstärkt an. Doch obwohl das Land viel größer als Österreich ist, liegt die Produktion mit 84.000 Tonnen weit hinter der heimischen Produktion. Nur vier Länder in der EU (Italien, Frankreich, Rumänien, Kroatien) bauen mehr Soja an als Österreich. Und das bewährt sich jetzt auch in Zeiten des Coronavirus und der aktuellen Lieferschwierigkeiten. Von diesen sind andere Länder deutlich stärker betroffen.

Ludwig Birschitzky ist einer der Produzenten. Er bewirtschaftet im Burgenland 130 Hektar, auf etwa einem Viertel der Fläche baut er Soja an. Birschitzky kann man durchaus als Pionier bezeichnen, denn er hat schon in den 90er Jahren Soja angebaut, allerdings damals primär zur Saatvermehrung. „Es hat keinen Markt gegeben“, sagt er.

Soja war damals primär eine Antwort auf einen Getreideüberschuss. In Österreich erhielten Bauern sogar Förderungen, damit sie Soja anbauen und den Getreideüberschuss nicht noch weiter anheizen. Ohne Markt und mit eher dürftigem Ertrag brach der Anbau dann aber nach dem EU-Beitritt Österreichs zusammen. Birschitzky hat auch erst seit 2012 wieder zum (Bio-)Soja gegriffen und die einstige Wunderbohne in die Fruchtfolge eingebaut. Soja ist bodenschonend, da es überschüssigen Stickstoff (Dünger) bindet. Wenn zuvor auf dem Feld etwa Mais angebaut war, ist das ideal.

Seit seinen ersten Anbauversuchen in den 90ern hat sich viel verändert. Zum einen wurde hierzulande viel in Forschung und Innovation gesteckt, 82 verschiedene Züchtungen sind zugelassen, die jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesät werden können. Nicht unpraktisch: Ludwig Birschitzkys Bruder Johann leitet die Saatzucht Donau, die bereits 25 verschiedene Sorten Soja gezüchtet hat. Unter anderem deshalb hat auch der Ertrag pro Hektar zugenommen, die Produktivität ist also gewachsen.

Ulla Wittmann mit der Bohne, die sie zu original burgenländischem Tofu verarbeitet.
Ulla Wittmann mit der Bohne, die sie zu original burgenländischem Tofu verarbeitet.
Foto: Rosner

Aber auch auf der Nachfrageseite hat sich einiges verändert. Sogar bei Birschitzky selbst. Seine Lebensgefährtin Ulla Wittmann hat vor zwei Jahren angefangen, die Bohnen zu Tofu weiterzuverarbeiten, seit dem Vorjahr betreibt sie auch einen Hofladen daheim in Frauenkirchen im Burgenland. „Tofu hat kein besonders gutes Image“, sagt Wittmann. „Zu Recht, es gibt scheußlichen Tofu zu kaufen.“ Guter Tofu habe eine ganz andere Qualität, ergänzt sie. Wittmann beliefert mit ihrem Tofu auch die gehobene Gastronomie in der Umgebung.

Bei 100.000 Hektar ist Schluss#

Soja ist naturgemäß auch für den Menschen eine hochwertige und gesunde Eiweißquelle, nicht nur für Tiere. Die erhöhte Nachfrage nach Sojaprodukten gründet sich in einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein bei der Ernährung, aber seit einigen Jahren ist auch der Klimawandel ein Treiber. Einerseits bedingt dieser, wie auch Birschitzky bestätigt, dass die bereits jetzt stattgefundene Erwärmung in unseren Breitengraden den Anbau von Soja begünstigt. Andererseits ist der genveränderte Soja aus Übersee, der teilweise auf gerodeten Flächen im Amazonas angebaut und mit Schiffen nach Europa transportiert wird, um hier Hühner und Schweine zu mästen, das exakte Gegenteil von einer nachhaltigen und klimaverträglichen Landwirtschaft. Auch das ist ein Aspekt, weshalb Österreich und auch Europa verstärkt auf Eigenanbau setzen will. „Wenn man ein Schnitzel isst, isst man ein bisschen Regenwald mit“, sagt Zuchtexperte Johann Birschitzky.

Eigentlich wollte die Regierung im Frühjahr ihre Eiweißstrategie präsentieren, das heißt, ihren Maßnahmenplan, wie und in welchen Schritten die Produktion hierzulande noch weiter gesteigert werden kann. Experten wie die Birschitzkys rechnen, dass die Anbaufläche von 65.000 Hektar auf rund 100.000 Hektar gesteigert werden kann. „Dann ist aber Schluss“, sagt Krumphuber. Auf Tiroler Berghängen wird es sicher kein Soja geben, und es braucht ja auch anderes Getreide und Ölfrüchte (Soja ist tatsächlich eine Ölfrucht). Deshalb braucht es auch eine gesamteuropäische Strategie. Je nachdem, wie sich die Corona-Krise, vor allem in Übersee, weiterentwickelt, kann sie dazu führen, dass sich in der EU in Sachen Soja wieder etwas in Bewegung setzt. Auch im Sinn des Klimaschutzes. Und der Eiweißhunger in China und anderen einstigen Schwellenstaaten wird auch nicht geringer.

Wiener Zeitung, 4. April 2020