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Das Coronavirus im Täterprofil#

Ein Winzling hebt die Welt aus den Angeln, verändert das Verhalten ganzer Kulturen. Wehe den Besiegten.#


Von der Wiener Zeitung (20. März 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Eva Stanzl


Eine Wirtszelle vervielfältigt Sars-CoV-2-Viren (gelb) so lange, bis sie platzt
Eine Wirtszelle vervielfältigt Sars-CoV-2-Viren (gelb) so lange, bis sie platzt.
Foto: NIH/afp/NIAD-RMI

Ein Winzling von 150 Nanometern spottet den Atomarsenalen von Supermächten, verbannt die Menschheit hinter verschlossene Türen, vernichtet an den Börsen Billionen Euro oder Dollar und bleibt dabei unsichtbar, unhörbar und riechen tut er auch nicht. Vor knapp drei Monaten war er noch gänzlich unbekannt und namenlos. Da legte das Virus aber schon das Milliardenvolk der Chinesen lahm. Inzwischen stellt es als Coronavirus mit Fachbezeichnung Sars-CoV-2 die Verhaltensnormen der Völker Europas auf den Kopf, bestimmt beim Spiel mit uns die Regeln, raubt Wissenschaftern den Schlaf.

Die haben aus der ganzen Welt Puzzles zu einem Täterprofil zusammengetragen. Dass sich das Virus in Fledermäusen gerierte, gilt als gesichert. Alles deutet darauf hin, dass es über Schuppentiere die Spezies Mensch erreichte. Schuppentiere werden nämlich in China als Zutat traditioneller Medikamente überaus geschätzt. Auf dem Markt der Elf-Millionen-Stadt Wuhan wurden sie seit Jahrhunderten gehandelt. Bis gegen Ende 2019 plötzlich Menschen daran starben.

Zacken-Proteine als Schlüssel#

Inzwischen weiß man: Der Angriff auf uns beginnt als Sprühregen einer Armada von Kampfgenossen. Jene von ihnen, die in Sonnenstrahlen herumflunkern, bleiben auf der Strecke. Denn UV-Strahlen schalten das Coronavirus aus. Was ihnen aber entkommt, sagt uns den Kampf an. Es biwakiert auf Türschnallen, Bankomat-Tasten, Treppengeländern und anderen glatten Flächen. Bis zu drei Tagen lauern die Sars-CoV-2-Viren uns dort auf. Wenn wir sie nicht mitnehmen, verkümmern sie. Jene von ihnen, die aber über Augen, Mund und Nase einen Nistplatz in uns finden, gelangen in unsere Zellen, und dann beginnt für nicht wenige von uns ein Kampf ums nackte Überleben.

Den Namen Corona bekam das Virus wegen seiner Zacken-Proteine an der Oberfläche, die wie ein Schlüssel zu unseren Zellen im Eingangsbereich passen. Von dort sucht es sich den Weg zu den Organen Lunge, Herz, Darm, Nieren. Die gilt es für das Virus zu erreichen. Erreicht es keines dieser Ziele, wird es in uns auf der Strecke bleiben.

Gut für uns: Sars-CoV-2 ist dabei nicht allein. Zehntausende Viren versuchen täglich, in uns einzudringen. Wir sind für Viren Burgen, die es zu nehmen gilt, und wir sind tausendfach erprobt in der Abwehr solcher Attacken. Die Haut ist die Burgmauer. Da kommt kein Virus durch. Über ein Sandwich oder einen Apfel in uns einzudringen, wäre abgründig. Unsere Magensäure würde das Coronavirus sofort zersetzen.

Gut für die Viren: Ungewollt helfen wir den Eindringlingen als Packesel. Jene, die sich auf unseren Händen niedergelassen haben, führen wir selbst ans Ziel, indem wir uns mit dem Handrücken über den Mund fahren, die Nase und/oder die Augen reiben. Schon ist das Virus drin.

Beim Andocken an eine Zelle tarnt es sich dank seiner Coronazacken. Es klappt sie auf und bringt sich so für einen Zellrezeptor in die passende Form. Der Rezeptor namens ACE-2 versorgt die Zellen unablässig mit Informationen. Ihnen öffnen sie sich bereitwillig. Endozytose nennt sich der Prozess. Der Nachrichtenaustausch ist für uns lebenswichtig, in diesem Fall aber fatal. Noch ahnt, spürt der betroffene Mensch von all dem nichts.

Die Wächter in den Zellen machen mobil#

Hat das Virus die Hülle geknackt, muss es sich vor den Wächtern innerhalb der Zelle in Acht nehmen. Dutzende von ihnen sind unablässig auf Patrouille, um Eindringlinge aufzuspüren und schadlos zu machen. Wird einer entdeckt, macht diese angeborene Immunität des Menschen gegen dessen fremde Nukleinsäuren mobil, aktiviert eine Vielzahl von Genen und versetzt den ganzen Körper in Alarmzustand. Das Virus ist eingekesselt.

Bleibt es hingegen unentdeckt, kann es in Ruhe an sich arbeiten. Es verfälscht das Bauprogramm des Zellkerns und macht ihn so zum willenlosen Sklaven. Die gekaperten Zellen vervielfältigen plötzlich das Virus und produzieren haufenweise Coronas. In der Zelle wird es immer enger, sie platzt, bricht zusammen und aktiviert schließlich ihr Selbstvernichtungsprogramm. Die Viren aber sind frei und stürzen sich auf Nachbarzellen, wo der Prozess von Neuem startet.

Das ruft die nächste Wachinstanz, die Fresszellen, auf den Plan. Die verschleimen die Mundhöhle. Viren werden vom Schleim mitgerissen, mit ihm ausgeworfen, landen in Taschentüchern, werden unschädlich gemacht. Schnupfen, Halsschmerzen und/oder Husten stellen sich ein, in den meisten Fällen beginnt der Mensch in diesem Stadium zu fiebern. Das Immunsystem läuft auf Hochtouren. Alles hängt nun davon ab, ob es stärker ist als der Befall. Diese Symptome können zwei bis 20 Tage nach dem Sprung eines Virus in unser System auftreten. Sie sind eine Folge der Abwehrschlacht des Immunsystems, das nach einer auf den neuen Feind zugeschnittenen Vernichtungsstrategie sucht.

Jeder fünfte Fall verläuft schwerer als die beschriebenen Symptome. Das Virus ist unterwegs vom Rachen hinab in die Lunge. Es muss sich beeilen, um rechtzeitig anzukommen, denn überall wird es plötzlich heiß. Die Körpertemperatur steigt unter den Verfolgungsjagden und Abwehraktionen der Fresszellen und Großfresszellen, die sich auf die Eindringlinge stürzen. Die Killerzellen und Antikörper haben die Viren identifiziert und jagen alles, was Zacken hat.

Ist das Immunsystem jedoch geschwächt, siegen die Viren. Sie setzen ihren Weg fort, nisten sich in den Lungenzellen ein. Die befallene Person ist in Lebensgefahr. Jetzt heißt es Alarm in den Lungenflügeln. Die T-Zellen sind gefordert. Sie sind die letzte Instanz. Sie versuchen, infizierte Zellen zu vernichten.

Viren lassen sich nicht töten, weil sie nicht leben#

Nicht selten haben sie in dem Gemetzel nicht die Zeit, immer zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Das Fieber steigt bis 40 Grad. Es kommt zu Schwellungen. Schleim, der sich bildet, kann nicht mehr abfließen. Das Immunsystem kämpft mit dem Mut der Verzweiflung. Der ganze Oberkörper schmerzt, die Lungen nehmen jetzt zu wenig Sauerstoff auf. Der Arzt führt Sauerstoff zu. Die Entzündung dehnt sich allmählich auf den ganzen Körper aus. Es kommt zu Herzrhythmusstörungen, Nieren-, Leber-, Herz versagen, das Immunsystem kollabiert. Wehe den Besiegten.

Viren lassen sich übrigens nicht töten, weil sie nicht leben, sondern dem Leben nur nahestehen. Sie sind infektiöse organische Protein-Strukturen ohne Zellen und eigenen Stoffwechsel, die ihre RNA nicht selbst vervielfältigen können. Alle Viren enthalten zwar das Programm zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung, benötigen jedoch Wirtszellen dazu.

Wiener Zeitung, 20. März 2020