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Die Covid-19-Impfstoff-Fabrik#

Besuch beim Serum Institute of India, dem weltweit größten Impfstoffproduzenten mit Sitz in Pune, Indien.#


Von der Wiener Zeitung (20. Juni 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Thomas Seifert


Befüllen der Impfstoff-Phiolen
Befüllen der Impfstoff-Phiolen.
Foto: © Thomas Seifert
Arbeiter beim Verpacken der Impfstoff-Phiolen.
Arbeiter beim Verpacken der Impfstoff-Phiolen.
Foto: © Thomas Seifert

Die Fahrt vom Zentrum von Pune zum riesigen Gelände des Serum Institute of India dauert an Tagen mit wenig Verkehr mindestens eine halbe Stunde. Es geht zuerst durch das Gewusel der Fünf-Millionen-Stadt, durch Geschäftsstraßen immer tiefer in die Vorstadt. Überland-Hochspannungsmasten, Umspannwerke, Industriegebäude, Lagerhallen, Gewerbeparks - Wiener Neudorf auf Steroiden.

Pune liegt rund zweieinhalb Eisenbahnstunden von Mumbai (früher Bombay) entfernt und rühmt sich - aufgrund der Vielzahl exzellenter Universitäten und Forschungseinrichtungen - das Oxford des Ostens zu sein. Fast alle wichtigen indischen börsenotierten Unternehmen und Großkonzerne bedienen sich am beachtlichen Talentpool, den sie in Pune vorfinden.

Tata produziert Kraftfahrzeuge und hat auf einem weitläufigen IT-Campus ein Outsourcing-Center angesiedelt, Bajaj schraubt (gemeinsam mit dem österreichischen Unternehmen KTM) Motorräder zusammen und Bharat Forge betreibt ein Stahlwerk und eine Gießerei.

Doch das Unternehmen, das derzeit im Fokus des Interesses steht, ist der Impfstoffhersteller Serum Institute of India, einer der weltweit größten Hersteller von Impfstoffen.

Es herrscht Maskenpflicht - in manchen Bereichen des Unternehmens müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch Helme tragen.
Es herrscht Maskenpflicht - in manchen Bereichen des Unternehmens müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch Helme tragen.
Foto: © Thomas Seifert

Ein weitläufiger Campus mit modernen Gebäuden, darin Sterilräume, in denen in Bio-Reaktoren abgeschwächte Erreger für Impfseren gezüchtet, deaktiviert oder getötet, gereingt, sterilisiert und abgefüllt werden. Die Impfstoffe warten dann in riesigen, gekühlten Lagerhallen auf den Versand.

In der Anlage hat man als Besucher keinen Zugang zu den hermetisch abgeschlossenen Clean-Rooms und kann höchstens beobachten, wie die Arbeiter mit Mundschutz und Steril-Kleidung an Inkubatoren hantieren, die Anzeigen von Rohserum-Alutanks kontrollieren und Imfstoff-Phiolen verpacken. Manche der Arbeiter sehen aus wie Ärzte und Pfleger auf einer Covid-19-Intensivstation, andere wie die Sanitäter der mobilen Covid-19-Test-Teams des Roten Kreuzes.

Zum Zeitpunkt des Besuchs war freilich von Covid-19 noch keine Rede. Die Produktpalette des Unternehmens ist recht umfangreich: Masern, Diphterie, Tetanus, Influezena, Pertussis, Hepatitis, Tollwut, Mumps, Rubella, Rotavirus, Diphterie, Menigokken, Papillom-Virus - gegen diese Erreger produziert das Serum-Institut Impfstoffe.

Derzeit investiert das Unternehmen kräftig, um die Produktionskapazitäten massiv auszubauen. Denn 2020 wird mit einer Rekordnachfrage nach dem Grippe-Impfstoff gerechnet, zudem hat das Serum-Institut of India begonnen, für den Pharma-Konzern AstraZeneca den von der Oxford-Universität unter der Leitung von Adrian Hill entwickelten Impfstoff AZD1222 zu produzieren. Zwei Milliarden Impfeinheiten sollen hergestellt werden: Im August liegen die ersten Ergebnisse der klinischen Studien vor, im September kann entschieden werden, ob der Impfstoff einen wirksamen Schutz gegen das SARS-CoV-2-Virus bietet und in großem Stil produziert wird. Bereits seit April wurden hunderte Freiwillige geimpft, später wurde die Gruppe auf insgesamt 10.000 Impfwillige ausgeweitet. Der aussichtsreiche Impfstoff beflügelte rasch die Fantasie der Börsianer: Anfang Juni meldete die französische Presseagentur AFP, dass AstraZeneca mit der Impf-Forschungsgruppe Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) der Imfpallianz Gavi (Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung, engl. Global Alliance for Vaccines and Immunisation) und dem Serum Institute of India mit der Produktion in großem Stil beginnen wird. 400 Millionen Dosen sollen in die USA gehen, 100 Millionen nach Großbritannien. In einer Meldung des Wirtschaftsnachrichtendienstes Bloomberg wurde Anfang Juni sogar über eine mögliche Fusion von AstraZeneca und dem US-Pharma-Konzern Gilead spekuliert.

Europäisches Standbein#

Adar Poonawalla, CEO des Serum Institute of India
Adar Poonawalla, CEO des Serum Institute of India
Foto: © Thomas Seifert

Das Serum Institute of India hat zuletzt eines der europäischen Standbeine verkauft. Ende Mai ging das Tschechische Tochterunternehmen Praha Vaccines um die Summe von 167 Millionen US-Dollar an den US-Biotechnologiekonzern Novavax. Praha Vaccines soll ab 2021 eine Milliarden Impfdosen des Novavax Covid-19-Vakzin-Kandidaten NVX-CoV2373 in den Produktionsanlagen von Bohumil (in der Nähe von Prag) herstellen. In Bilthoven, rund 50 Auto-Kilometer südöstlich von Amsterdam, hat das Serum Institut of India das größte europäische Standbein. In Bilthoven wurde die Herstellung des Polio-Impfstoffs gegen Kinderlähmung perfektioniert, 20 Millionen Impfdosen werden dort hergestellt. Der Standort in den Niederlanden gibt dem Serum-Institute Zugang zum EU-Markt.

Gigantischer Heimmarkt#

Aber warum ist das Serum Institut of India zum größten Impfstoffhersteller der Welt aufgestiegen? Wenn man den Umsatz betrachtet, stehen Unternehmen wie GlaxoSmithKline, Merck & Co oder Sanofi vor dem Serum Insitute auf der Weltrangliste der bedeutendsten Hersteller. Aber das Serum Institute of India hat sich darauf spezialisiert, riesige Mengen von Impfstoff möglichst kostengünstig bereitzustellen: Der Heimmarkt ist gigantisch: Die Bevölkerungszahl von Indien beträgt derzeit 1,3 Milliarden Menschen - bald schon überholt Indien China und wird zum bevölkerungsreichsten Land der Erde.

Adar Poonawalla, Sohn des Firmengründers Cyrus Poonawalla und Spitzenmanager des Unternehmens empfängt in einem großzügigen Sitzungszimmer im Verwaltunggebäude. Die barocke Atmosphäre steht im Gegensatz zur sprichwörtlichen Sterilität des Produktionstrakts. Ein wuchtiger Edelholzsitzungstisch, auf dem ein schweres Kristallpferd steht, Bilder des Firmengründers mit Bill Clinton, ein Rubensgemälde, ein Kunstwerk des britischen Künstlers Damien Hirst. An der Decke ein schwerer Kronleuchter und ein Fake-Fresko Marke Versailles. Der Raum ist eine wilde Mischung aus Art Basel und Louis-XIV.-Rokoko.

Poonawalle ist seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie Dauergast in den indischen Nachrichtensendungen. In einer Sendung zeigte er sich vor wenigen Tagen wieder optimistisch, dass bald ein Impfstoff verfügbar sein wird - unterlegt war die Aussage mit dem Bild, auf dem zu sehen ist, wie ein riesiger Kühl-Container Lastwagen des Serum-Instituts das Firmengelände verlässt. In einigen Monaten, so die Hoffnung von Poonawalla, werden diese Trucks den ersehnten Covid-19-Impfstoff in die Apotheken Indiens und zum Flughafen für den Export bringen.

Reportage vom India Serum Institut, Pune, Indien.

Wiener Zeitung, 20. Juni 2020