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Keine Übersterblichkeit in Wien#

Die MA 23 (Statistik) hat alle bisher verfügbaren Daten bis 26. April analysiert.#


Von der Wiener Zeitung (12. Mai 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Wöchentliche Todesfälle in Wien
Wöchentliche Todesfälle in Wien
Grafik: Stadt Wien

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus wird auch die Sterberate als ein Gradmesser für den Verlauf und die Gefährlichkeit der Pandemie genau beobachtet. Die Wiener Statistikbehörde (MA 23) hat nun die bisher vorliegenden Daten dahingehend analysiert, ob seit dem Ausbruch insgesamt mehr Menschen als üblich in der Bundeshauptstadt gestorben sind. Das Ergebnis lautet: Nein.

„Wir haben keine Übersterblichkeit in Wien bisher“, erklärte MA 23-Chef Klemens Himpele im am Montag. Diese Aussage stimmt für die unter 65-Jährigen genauso wie für den Bevölkerungsteil ab 65 Jahren, der als Covid-19-Risikogruppe gilt. Und sie trifft zumindest bis inklusive der 17. Kalenderwoche, also bis zum 26. April, zu. Darüber hinaus sind die Daten, die die Statistik Austria nun infolge der Corona-Krise erstmals sehr zeitnah und nicht nur jährlich liefert, noch nicht verfügbar. Für Himpele ist die Frage der Übersterblichkeit in der Nachschau wohl eine der wichtigsten Kennzahlen, „weil man daran erkennen kann, ob etwas übersehen wurde“ – also nicht diagnostizierte Covid-19-Fälle, die erst verzögert in der Sterbestatistik sichtbar werden, aber auch „Kollateralschäden“ beispielsweise durch die wochenlange Drosselung des Spitalbetriebs. „Man kann sagen, dass das in Wien definitiv nicht der Fall ist“, so der Wiens oberster Statistiker: „Die Daten zeigen, dass Wien sehr gut bisher durch die Krise gekommen ist.“

„Übersterblichkeitsanalyse gemacht, die sauber ist“#

Um dies beurteilen zu können, haben Himpele und sein Team eine Übersterblichkeitsanalyse gemacht, „die sauber ist“, wie der Chef das nennt. Denn einfach nur absolute Kalenderwochenwerte von einzelnen Jahre zu vergleichen, bringe aufgrund der vielen potenziellen Ausreißer recht wenig, so die Erklärung.

Als Basis für die Interpretation ungewöhnlicher Sterblichkeit dienen der MA 23 sogenannte Prognoseintervalle. Sie fußen auf der Annahme, dass in Wien die Kurve der Sterbefälle von Jahr zu Jahr immer in etwa gleich verläuft. Dadurch lässt sich für jede Woche des Jahres eine bestimmte Bandbreite an erwartbaren Todesfällen errechnen, wobei hier schon saisonale Schwankungen mitberücksichtigt werden – also etwa der Umstand, dass in der winterlichen Grippezeit stets mehr Menschen sterben als im Sommer.

Liegt nun die Zahl der tatsächlichen Sterbefälle in Wien in bestimmten Phasen (deutlich) über dem Maximalwert dieses Prognosebands, wird von Übersterblichkeit gesprochen. Rückblickend habe es das bei den Null- bis 64-Jährigen in den vergangenen fünf Jahren (2015-2019) gar nicht gegeben, so Himpele. Bei der höheren Altersschicht (65-plus) komme das aber immer wieder vor.

Zwei Beispiele: Im extremen Hitzesommer 2015 starben in den Kalenderwochen 30 (20. bis 26. Juli) und 33 (10. bis 16. August) 317 bzw. 315 Wiener, die älter als 65 Jahre waren. Prognostiziert wurden für diese beiden Wochen aber je nur rund 200 bis 280 Todesfälle. 2016/17 wiederum fiel die Grippewelle überdurchschnittlich heftig aus. In der ersten Woche des Jahres 2017 zählte die Hauptstadt 393 Verstorbene über 65 Jahre. Die Zahl lag damit deutlich über den unter Normalumständen erwarteten 235 bis 320 Toten in dieser Altersgruppe.

Werte lagen stets innerhalb der Erwartungen#

Die MA 23 hat für das laufende Jahr ebenfalls bereits ein Prognoseband erstellt. „Wir haben die Sterbedaten der Jahre 2015 bis 2019 genommen und kalibriert“, berichtete Himpele. Denn: Die Erwartungsbandbreite kann nicht einfach von Jahr zu Jahr fortgeschrieben werden, weil sich die Bevölkerungsstruktur – z. B. die Altersverteilung – jährlich ändert und damit Einfluss auf die anzunehmenden Todesfälle hat.

Bis inklusive zur Kalenderwoche 17 konnten nun bereits die tatsächlichen Sterbefälle in Wien in das jeweilige wöchentliche Spektrum eingetragen werden. Und die Werte lagen stets innerhalb der Erwartungen. Daran änderte auch das Coronavirus nichts. Zur Einordnung: Der erste Covid-19-bedingte Todesfall in Wien wurde am 12. März gemeldet – also in Kalenderwoche 11.

Seither lagen die Zahlen bei den über 65-Jährigen zwar in der 13., 15. und 16. Woche in der Nähe des jeweiligen Maximalwerts, zuletzt aber sogar wieder im niedrigeren Bereich: Zwischen 20. und 26. April verstarben 238 Personen im Alter von über 65 Jahren. Die MA 23 ging von 214 bis 296 Todesfällen aus. Bei den unter 65-Jährigen waren es 53 Verstorbene bei einem erwarteten Wert zwischen 39 und 77.

Diskussion politisch motiviert#

Die MA 23 wird den „Mortalitätsmonitor“ nun wöchentlich um den jeweils jüngsten verfügbaren Wert aktualisieren. Die Basisdaten, die von der Statistik Austria kommen, hinken allerdings etwas hinterher. Die jeweils neuesten Werte müssen außerdem „zugeschätzt“ werden, weil zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Todesfälle gemeldet und registriert sind. Trotzdem werde das Service nicht zuletzt für den städtischen Corona-Krisenstab eine faktische Grundlage mehr zur laufenden Beurteilung der Lage sein, sagte Himpele.

Dass diese Zahlen auch im Hinblick auf die Wien-Wahl im Herbst politische Relevanz haben dürften, zeigt die Interpretation der türkis-grünen Bundesregierung: Denn österreichweit sieht auch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) die Entwicklung relativ stabil. Aber bezüglich der Wien-Zahlen gibt es unterschiedliche Interpretationen: Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gab sich am Wochenende aufgrund der im Bundesländer-Vergleich hohen Zahlen in der Bundeshauptstadt besorgt, da mehr als die Hälfte aller Fälle seit Monatsbeginn in Wien aufgetreten waren. Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) hingegen sieht die Entwicklung langfristiger, und da seien die Zahlen in der Metropole klar nach unten gegangen.

Wiener Zeitung, 12. Mai 2020