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Die Kitzloch-Dämmerung #

Die Ereignisse um die Verbreitung der Covid-19-Erkrankung in Ischgl sind erst spärlich aufgearbeitet. Gäste berichten von Verantwortungslosigkeit von Wirten und Behörden. Ein Report über Geld, Politik und ihre Opfer. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (16. April 2020)

Von

Stefan Schocher


Apres Ski in Ischgl
Nach dem Skifahren ... ... ist vor dem Virus. So verhielt es sich jedenfalls in Ischgl zur Zeit der massiven Ausbreitung des Coronavirus unter den Skitouristen. Mit zum Teil tödlichen Konsequenzen
Foto: APA/Jakob Gruber

Das Wetter mild, die Sonne kräftig, aber noch genügend Schnee auf den Pisten: Tirol, Anfang März 2020. Hinter den Bespaßungskulissen für die Gäste freilich rumorte es anscheinend bereits gewaltig. So sehr, dass das jetzt auch Klagen nach sich ziehen wird. Einer Sammelklage des Vereins für Verbraucherschutz (VSV) haben sich bereits 4500 Personen angeschlossen. Sie alle erkrankten an Covid-19 – nach einem Urlaub in Tirol. Drei Touristen sind bereits verstorben, rund 40 Personen lagen auf Intensivstationen.

Martina Büchling war in der Woche dort, als die Lage eskalierte. Von Corona in der Region wusste die 51-Jährige damals nichts, wie sie sagt – obwohl sie die Nachrichtenlage dahingehend im Auge hatte. „Wir wären nicht gefahren“, sagt sie. Als sie am 8. März mit ihrem Mann, einer Risikoperson, und den zwei erwachsenen Töchtern, die jüngere ebenso eine Risikoperson, anreiste, schien Ischgl sicher. Zwei Wochen zuvor war wegen eines Coronafalls ein Hotel in Innsbruck vorübergehend gesperrt worden. Ein Einzelfall, wie es hieß. Danach keine Rede mehr von Corona.

Sperren – aber wie? #

Und da saß Martina Büchling nun in einer Liftgondel, zwei Tage nach ihrer Ankunft. Es war der 10. März. Und neben ihr: Eine junge Frau, die ihr verkatert klagte, dass man das „Kitzloch“ gesperrt habe. Als Martina Büchling dann am Abend aber ihr Snowboard zurück ins Hotel schleppte, stellte sie verwundert fest: Die Bars waren zwar geschlossen, nur hatten die Gastronomen die Ausschank auf die Straße vor den Lokalen verlegt – und nun drängte es sich eben dort.

Bereits am 7. März war ein Barkeeper der Après-Ski-Bar Kitzloch positiv auf Covid-19 getestet worden. Es folgte eine beispiellose Serie an Beteuerungen offizieller Stellen, etwa der lokalen Sanitätsbehörden, dass eine Ansteckung in der Bar aus medizinischer Sicht unwahrscheinlich sei – außer Acht lassend, dass Après- Ski meist mit engem Körperkontakt einhergeht. Als schließlich 15 Personen aus dem Umfeld des Barkeepers positiv getestet wurden, war dann doch Schluss. Das Kitzloch musste sperren.

Später behauptete der Gesundheitslandesrat steif und fest in einem TV-Interview, die Behörden hätten alles richtig gemacht – da war aber bereits klar, dass nach der Sperre des Paznauntals viele Urlauber unkontrolliert nach Inns bruck gefahren waren, um sich dort einzuquartieren. Dann wurde ein SMS-Verkehr vom 9. März publik, in dem der ÖVP-Abgeordnete, Seilbahn-Lobbyist und Obmann des ÖVP-Wirtschaftsbundes Tirol, Franz Hörl, den Betreiber des Kitzlochs bekniet, doch zu schließen – über die Sache werde ohnehin in zehn Tagen Gras gewachsen sein, ein vorzeitiges Ende der Skisaison wolle man aber nicht riskieren.

Detail am Rande: Am 4. und 5. März fanden Wirtschaftskammerwahlen statt, bei denen Hörl als Spitzenkandidat der ÖVP-Teilorganisation Wirtschaftsbund ins Rennen ging – rund ein Drittel der bei der Wahl Stimmberechtigten in Tirol kommen aus der Hotellerie und Seilbahnwirtschaft. Und die Dominanz des ÖVP-Wirtschaftsbundes in der Wirtschaftskammer ist eine wichtige finanzielle Rückversicherung für die ÖVP.

Abstand ohne Kontrolle #

Und so war auch Kanzler Sebas tian Kurz genau eine Woche, bevor eine Rezeptionistin in einem Hotel in Innsbruck Ende Februar positiv auf Corona getestet wurde, in eben jenem Hotel zu Gast. Der Kanzler traf abseits der Öffentlichkeit die sogenannte „Adlerrunde“, eine Plattform der 40 größten Unternehmer Tirols. Darunter Seilbahnbetreiber, Hoteliers, Tourismusverbands-Obleute sowie Bauunternehmer. Allesamt wichtige ÖVP-Spender im Millionen-Umfang.

In den Tagen nach der Kitzloch- Sperre dämmerte es dann auch Martina Büchling: Sie sah Infozettel bei der Seilbahn, die aufforderten, Abstand zu halten – aber niemanden, der das kontrolliert hätte; Zubringerbusse, bei denen man zum Schutz des Fahrers nur mehr hinten einsteigen konnte – die aber voll mit Skitouristen waren; und schließlich am Abend des Freitags, 13. März: Endzeitstimmung. „Leute liefen mit gepackten Koffern wie Hühner durch die Straßen“, erzählt Martina Büchling. Und als sie zurück ins Hotel kamen: ein seinen eigenen Ruin beklagender Hotelwirt, der die Gäste vor die Tür setzte. „Er tut mir leid“, sagt Martina Büchling. „Aber da tu ich mir jetzt mehr leid“, setzt sie nach. Und: „Man hat uns da ins Messer laufen lassen.“ Heimfahrt in der Nacht auf Samstag in den Großraum Frankfurt. Am Sonntag nach der Heimkehr begann das Fieber. Martina Büchling erkrankte schwer.

Ihr Kampf mit den deutschen Behörden, denen sie tagelang vergeblich versuchte klarzumachen, dass mit ihr ernsthaft etwas nicht stimme, ist eine andere Geschichte. Sie hatte zwischenzeitlich das Gefühl, „Glassplitter in der Lunge“ zu haben, wie sie sagt, sie hat ihren Geschmacks- und Geruchssinn verloren, hat heute aber immerhin keine panische Angst mehr zu sterben. Sie ist am Weg der Besserung – und schwer verärgert. Und: Sie hat sich der Klage des VSV angeschlossen. Denn sie ist überzeugt: In Tirol wusste man bereits lange, bevor alles öffentlich wurde, von dem Risiko. Spätestens zwischen dem 29. Februar und dem 4. März musste man es gewusst haben – soviel ist sicher. Also noch vor der Wirtschaftskammerwahl. Am 25. Februar war das Hotel in Innsbruck gesperrt worden, vier Tage später waren dann 15 isländische Tirol- Heimkehrer positiv auf Corona getestet worden. Die Regierung in Reykjavík stufte Ischgl am 5. März schließlich als Risikogebiet ein. Die Reaktion in Innsbruck: Man erklärte, das könne nicht sein, die Erkrankten müssten sich auf der Heimreise angesteckt haben.

Peter Kolba, Obmann des Verbraucherschutzvereins und ehemaliger Abgeordneter der Liste Pilz im Nationalrat, meint, es sei „aus kommerziellen Gründen zu spät gewarnt und Konsequenzen gezogen worden“. Am 24. Märzt hat der VSV der Staatsanwaltschaft eine Sachverhaltsdarstellung übergeben. Es geht um vorsätzliche oder fahrlässige Gemeingefährdung sowie vorsätzliche oder fahrlässige Gemeingefährdung mit einer ansteckenden Krankheit.

Den Tiroler Behörden sowie auch der Tiroler Staatsanwaltschaft bescheinigt Kolba wenig Willen, die Vorkommnisse um Ischgl und das Paznauntal aufzuklären. Er will, dass sich die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft der Klage annimmt.

„Unvorstellbarkeiten“ #

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) weist auf Nachfrage darauf hin, dass es sich um eine weltweite „Ausnahmesituation“ handle, die „noch vor wenigen Wochen unvorstellbar war“. „Genauso wie aktuell die Bewältigung der Krise im Mittelpunkt unseres Handelns steht, wird es im Anschluss wichtig sein, weltweit und auch in Tirol alle Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen“, so Platter. Grundsätzlich hätten die Behörden nach dem jeweiligen Wissensstand richtig reagiert. Aber: „Mit dem Wissen von heute hätten die Behörden gewisse Entscheidungen wohl anders getroffen.“

Und auf die Frage, ob denn die WKO-Wahl Entscheidungen bezüglich der Schließung von Lokalen oder der Beendigung der Skisaison beeinflusst habe, sagt der Landeshauptmann: „Nein, das kann ich gänzlich ausschließen.“

Und Martina Büchling? Die Nachrichten aus der Region erfüllen sie mit Zorn. Dennoch versucht sie, positiv an den Urlaub mit ihren erwachsenen Töchtern zurückzudenken. „Wir hatten schöne Tage“, sagt sie. Wie oft komme es schon vor, dass man mit seinen erwachsenen Kindern so viel Zeit verbringt? „Ein Geschenk“, wie sie sagt. Und vor allem auch, dass sie niemanden angesteckt hat.

DIE FURCHE (16. April 2020)