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Das schiefe Bild vom „Krieg gegen das Virus“#

Gegen das Coronavirus hilft nur die Kraft der Zivilität.#


Von der Wiener Zeitung (8. April 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Michael Bröning


Michael Bröning ist Politikwissenschafter und Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuletzt erschien von ihm „Stadt, Land Volk – ein Streitgespräch zur Zukunft der Demokratie“ mit Michael Wolffsohn
Michael Bröning ist Politikwissenschafter und Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuletzt erschien von ihm „Stadt, Land Volk – ein Streitgespräch zur Zukunft der Demokratie“ mit Michael Wolffsohn.
Foto: Johanna Kosowska

Von Donald Trump über Xi Jinping bis Emmanuel Macron: Weltweit haben Spitzenpolitiker einen „Krieg gegen das Coronavirus“ ausgerufen. Zunächst mag das angemessen erscheinen. Haben wir es bei Covid-19 nicht tatsächlich mit einer kriegsähnlichen Situation zu tun? Unschuldige werden zu Opfern, Menschen sterben, andere verlieren ihren Wohlstand und ihre Freiheit.

Dennoch führt das Bild vom Krieg in die Irre. Es legt den Schluss nahe, das Ringen mit dem Virus würde auf einen klaren Endpunkt zusteuern – auf einen Ausgang mit einem Besiegten und einem eindeutigen Sieger. Genau das jedoch dürfte kaum eintreten.

Im Zeitalter der „neuen Kriege“ findet sich diese Art der Linearität schon in herkömmlichen Gewaltkonflikten nur noch in Ausnahmen. Im „Krieg gegen Covid-19“ aber ist ein wirkliches Ende schon konzeptionell illusorisch. Virologen gehen davon aus, dass selbst im Falle wirksamer Impfstoffe langfristig mit widerkehrenden Ausbrüchen zu rechnen ist. An einem abschließenden „Sieg“ über die Krankheit festzuhalten, hieße, die Gesellschaft auf einen permanenten Ausnahmezustand einzuschwören.

Dabei steht die Formel des „Kriegs gegen das Virus“ in der Tradition des „Kriegs gegen den Terror“. Nur: Der mit diesem verknüpfte Ausnahmezustand hält bekanntlich auch nach zwei Jahrzehnten bis heute an und verweist nicht nur auf die Dauerhaftigkeit temporärer Notstände, sondern auch auf die staatsbürgerliche Tugend der Skepsis.

Genau die aber verhindert die Kriegsrhetorik. Sie appelliert an die basalsten soziopsychologischen Impulse und bündelt so gesellschaftliche Anstrengungen. Das jedoch geschieht nur um den Preis, dass kritisches Hinterfragen unmöglich wird. Zweifel, Skepsis, Kritik, all das droht mit dem Stigma des Defätismus versehen zu werden. Gerade deswegen erscheint die martialische Formel besonders autoritären Regierungen so verlockend.

Nicht zufällig erklärte der ungarische Premier Viktor Orbán einen „Zwei-Fronten-Krieg“ zur Grundlage seiner Politik – nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen jegliche Art der Einwanderung. Das zeigt, wie sehr demokratische Gesellschaften gerade in Zeiten des Notstands eine kritische Öffentlichkeit brauchen, die sich nicht für einen Burgfrieden der Virusbekämpfung einvernehmen lässt. „Im Gleichschritt Marsch!“ darf keine gesellschaftliche Antwort auf das Coronavirus sein.

Dabei birgt die kriegerische Rhetorik auch außenpolitische Risiken. Insbesondere erschwert sie wirklich multilaterale Antworten. Das Gerede vom Kriegszustand legt schließlich den Schluss nahe, dass die Bedrohung von außen ans Gemeinwesen herangetragen wird. Wir hier, da draußen die Krankheit: In diesem Bild erscheint nationale Mobilisierung als einzig angemessene Reaktion.

Tatsächlich jedoch ist längst das Gegenteil der Fall. Spätestens seit der Einstufung der Corona-Krise als Pandemie ist klar, dass die Herausforderung mitten unter uns ist. Corona? Das sind weder die Marktbesucher in Wuhan noch die Patienten in Bergamo, sondern letztlich wir alle. Daher benötigen wir als Reaktion global abgestimmte Antworten: wissenschaftlichen Austausch, Solidarität und effizienten Multilateralismus. Genau das aber erschwert jede bellizistische Rhetorik.

Der Corona-Krise werden wir als Demokratien nicht mit rhetorischer Maßlosigkeit begegnen können, sondern nur mit der Kraft der Zivilität. Andernfalls gefährden wir all das, was unsere Gesellschaften lebenswert gestaltet. Einen „Krieg gegen das Virus“ können Gesellschaften letztendlich nur gegen einen führen: gegen sich selbst. Deshalb: Schluss mit dem Gerede vom „Krieg gegen das Virus“!

Wiener Zeitung, 8. April2020