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Die Seuchen und die Globalisierung #

Durch die bereits im Mittelalter einsetzende globale Vernetzung wurden über die Jahrhunderte hinweg nicht nur Waren und Ideen ausgetauscht, sondern auch Krankheitserreger. Das beeinflusste möglicherweise den Gang der Geschichte. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (2. April 2020)

Von

Christian Jostmann


Azteken im Florentine Codex (1540-1585), Book XII folio 54
Mitbringsel aus Europa. Nach Ankunft der Eroberer wüteten Pocken, Masern und Grippe unter der indigenen Bevölkerung Amerikas, wodurch diese drastisch dezimiert wurde. Hier illustriert am Beispiel der Azteken im Florentine Codex (1540-1585), Book XII folio 54.
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter PD

Am 25. Januar 1522 kreuzte der spanische Dreimaster „Victoria“ vor der Insel Timor auf. Es war nicht das erste Mal, dass Europäer die südostasiatische Insel besuchten. Portugiesische Schiffe fuhren Timor schon seit ein paar Jahren an, um Sandelholz einzukaufen, das wegen seines Aromas über Asien hinaus als Räucherholz begehrt war. Im Verkehr mit den Einheimischen begnügten sich die Portugiesen aber anscheinend nicht mit dem kommerziellen Austausch von Waren. Denn einer der Passagiere der „Victoria“, der italienische Ritter Antonio Pigafetta, vermerkte in seinem Tagebuch: „Auf allen Inseln dieser Region grassiert das Leiden des Heiligen Hiob und auf Timor mehr als anderswo. Man nennt es hierzulande portugiesische Krankheit.“

Als „Leiden des Heiligen Hiob“ galt zu Pigafettas Zeit die Syphilis, eine Geschlechtskrankheit, die 1493 zuerst in Barcelona, bald darauf massenhaft in Italien aufgetreten war und von der man annimmt, dass Rückkehrer der Kolumbus-Expedition sie nach Europa eingeschleppt hatten. Pigafettas Bericht belegt, dass die Syphilis eine Generation später den weiten Weg bis an den östlichsten Rand der damals bekannten Welt zurückgelegt hatte, und zwar an Bord portugiesischer Schiffe. Die Portugiesen leisteten damit einen Beitrag zu dem, was der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie „l’unification microbienne du monde“ genannt hat: die Vereinigung der Welt durch Mikroben im Zeitalter der Globalisierung.

Der „Kolumbianische Austausch“ #

Kolumbus’ Seeleute wiederum brachten nicht nur das Bakterium Treponema pallidum, den Erreger der Syphilis, nach Europa. Bereits auf der Hinreise hatten sie einen Cocktail ansteckender Keime mitgeführt, die in der Alten Welt seit Langem endemisch, auf dem isolierten Kontinent jenseits des Atlantiks aber unbekannt waren. Für dessen Einwohner sollte der „Kolumbianische Austausch“ fatale Folgen haben. Ihre Immunsysteme hatten den Pocken, Masern, der Grippe und anderen Krankheiten, die mit jeder Schiffsbesatzung aus Europa ins Land kamen, nichts entgegenzusetzen. „Die Indianer sterben so leicht, dass allein der Anblick oder der Geruch eines Spaniers sie dazu bringen, ihren Geist aufzugeben“, notierte ein Augenzeuge. So hatten Epidemien wesentlichen Anteil daran, dass die Bevölkerung Amerikas binnen hundert Jahren auf weniger als ein Zehntel dahinschwand. Die Keime waren die mächtigsten Verbündeten der Eroberer.

Im Massensterben der amerikanischen Ureinwohner nach 1492 manifestiert sich das tödliche Zusammenspiel von Epidemien und Globalisierung: Verkehr und Handel förderten nicht nur die Ausbreitung von Krankheiten, diese beeinflussten auch den Gang der Geschichte.

Schon der großen Pestpandemie, die im 14. Jahrhundert Europa, den Mittleren Osten und womöglich auch China verheerte, war innerhalb der Alten Welt eine Phase globaler Vernetzung vorangegangen. Im 13. Jahrhundert unterwarfen die Mongolen fast die gesamte eurasische Landmasse ihrer Herrschaft. Der Soziologin Janet Abu- Lughod zufolge schufen sie damit den geopolitischen Rahmen für ein „Weltsystem“, das weite Teile Asiens, Europas und Afrikas einband. Damals entwickelten europäische Höfe und Städte einen wachsenden Hunger auf Luxusgüter aus Asien wie Seide und Spezereien, die sie mit den Produkten eines intensivierten Bergbaus, vor allem Silber, bezahlten. Die Pax Mongolica begünstigte den Austausch von Menschen, Waren, Ideen – und von Krankheitserregern, denn aller Evidenz nach breitete sich der Pestbazillus von Zentralasien über das Netz der Seidenstraße aus.

Umgekehrt dürften die Pest und andere Epidemien den Kollaps dieses ersten Weltsystems zumindest mitverursacht haben. Sie dezimierten die Bevölkerung in Europa und Asien und beschleunigten den Zerfall des Mongolenreiches. Als die Mongolen 1368 die Herrschaft über China verloren, war die direkte Verbindung zwischen Ost und West zerschnitten und das erste Weltsystem am Ende – nicht aber die Globalisierung.

Europa unterwirft die Welt #

Nachdem ihnen der direkte Weg nach Asien versperrt war, orientierten sich immer mehr italienische Handelshäuser nach Westen um. Kaufleute und Seefahrer, vor allem aus Florenz und Genua, ließen sich nun mit ihrem Kapital und Know-how in Sevilla und Lissabon nieder, von wo aus eine wachsende Anzahl von Schiffen auf den Atlantik hinausfuhr, um Küsten zu erkunden und Inseln zu kolonisieren. Die Erinnerung an den gewinnbringenden Austausch mit dem Orient ging indessen nicht verloren. Sie lebte fort in Reiseberichten wie Marco Polos „Milione“ und wurde schließlich zum treibenden Motiv für die Entdeckungsfahrten von Bartolomeu Dias, Kolumbus und Magellan. Mit ihnen trat die Globalisierung in eine neue Phase ein, die unter ganz anderen geopolitischen Vorzeichen stand als Abu-Lughods Weltsystem. Nun gaben Europäer den Ton an.

Auf eine andere Auswirkung der Pest wurde hier bereits hingewiesen (DIE FURCHE vom 26. März), nämlich ihren Beitrag zur Entstehung einer reglementierenden Obrigkeit zuerst in den europäischen Städten, dann im Staat der Frühen Neuzeit. Bis ins 20. Jahrhundert konnte niemand im selben Ausmaß Macht mobilisieren wie die europäischen Staaten. Staatliche Macht ist daher als wesentlicher Faktor für die globale Dominanz Europas in der Neuzeit anzusehen. Wenn die Pest aber den modernen Staat mitgeformt hat, dann hatte sie mittelbar auch Anteil an dieser Dominanz.

Die Globalisierung der Neuzeit, das heißt die Unterwerfung der Welt durch Europa, wurde noch auf anderer Ebene von Epidemien vorangetrieben, nämlich durch die Art und Weise, wie diese wahrgenommen und bekämpft wurden. Diesen Zusammenhang hat Sheldon Watts anhand mehrerer historischer Fallstudien offengelegt.

Instrumente rassistischer Herrschaft #

Kolonialmächte neigten dazu, die Kolonisierten für den Ausbruch von Krankheiten verantwortlich zu machen. So sah etwa die „Royal Commission on the Sanitary State of the Army in India“ die Cholera ausschließlich durch die „schmutzigen Angewohnheiten“ der Inder verursacht. Obwohl seit 1854 evident war, dass sich Vibrio cholerae durch die Ausscheidungen von Kranken und in Wassertanks von Schiffen verbreitete, weigerten sich die britischen Behörden, entsprechende sanitäre Maßnahmen zu ergreifen – nicht zuletzt um Schiffsverkehr und Seeherrschaft nicht zu gefährden. Zig Millionen Cholera-Tote in Indien waren die Konsequenz. Im kolonialen Westafrika um 1900 orteten Wissenschaftler im Blut von Afrikanern ein Reservoir für Malaria und Gelbfieber, das die Gesundheit der Europäer bedrohe. Sie forderten daher getrennte Wohnviertel für beide Gruppen und fanden in Paris und London mit dieser Forderung Beifall. Theorien über Krankheiten mutierten so zu Instrumenten rassistischer Herrschaft.

Wenn in diesen Tagen über die globalen Folgen der Coronavirus-Pandemie spekuliert wird, so ist dazu aus historischer Perspektive anzumerken, dass das Zusammenspiel von Infektionskrankheiten, Globalisierung und Politik so alt wie komplex ist. In den vergangenen Jahrhunderten waren Europäer und ihre Abkömmlinge prominente Akteure in diesem Spiel, das mit der aktuellen Pandemie in eine neue Runde geht. Dass das Coronavirus Geschichte schreiben wird, ist nicht auszuschließen. Aber es wird sicherlich nicht das Ende der Globalisierung einläuten.

Der Historiker Christian Jostmann geht der Geschichte der Seuchen nach.

DIE FURCHE (2. April 2020)