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"Wir sterben am Virus - oder verhungern"#

Das Beispiel Indien zeigt, was passiert, wenn die Corona-Epidemie die Ärmsten trifft. Sie sind nicht nur schlechter vor der Krankheit geschützt. Ausgangsbeschränkungen sind für sie auch eine existenzielle Bedrohung.#


Von der Wiener Zeitung (24. März 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Klaus Huhold


Wem soll dieser Straßenhändler etwas verkaufen, wenn niemand unterwegs ist?
Wem soll dieser Straßenhändler etwas verkaufen, wenn niemand unterwegs ist?
Foto: © apa/afp/D. Dutta

Es ist eine verrückte Zeit", sagt Priyanka Chopra, einer der größten indischen Filmstars. "Es scheint ein Film zu sein, doch es ist die Wirklichkeit." Denn Corona hat auch vor der Glitzerwelt von Bollywood nicht haltgemacht. Sämtliche Produktionen sind vorerst eingestellt, und viele Schauspieler haben sich in Selbstquarantäne begeben. So auch Priyanka Chopra, die in dem Film "Bollywood Together against the Corona Virus" - einer Ansammlung von Heimvideos von Bollywoodstars - über ihre persönlichen Erfahrungen in der Krise spricht und die Zuseher dazu aufruft, sich über das Virus zu informieren.

Auch Indien befindet sich mittendrin im Kampf gegen das Covid-19-Virus. Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land hatte zwar bis Dienstagfrüh erst knapp über 470 Corona-Erkrankungen und neun Todesfälle gezählt. Doch könnte die Dunkelziffer viel höher liegen: Denn Indien hat, im internationalen Vergleich, wenige Tests durchgeführt.

Eine weitreichende Corona-Epidemie würde auch in Indien das Gesundheitswesen einem noch nie dagewesenen Stresstest unterziehen. "Und dafür ist es relativ schlecht gerüstet", sagt der Gesundheitsökonom Christoph Strupat vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. So hat Indien zwar eine öffentliche Krankenversicherung für die 100 Millionen ärmsten Haushalte geschaffen. "Aber es gibt zu wenig Ärzte und zu wenig Krankenbetten", erläutert Strupat. Im öffentlichen Bereich stehen laut den jüngst verfügbaren Zahlen nur 0,5 Betten auf 1000 Bewohner. Zum Vergleich: In Österreich sind es 7,3.

Die Regierung des hindunationalistischen Premiers Narendra Modi versucht gegenzusteuern. Private Krankenhäuser - auf die Ober- und Mittelschicht zurückgreifen - müssen nun Kapazitäten wegen der Corona-Krise freimachen und private Labors Corona-Tests durchführen.

Außerdem will auch Indiens Regierung einen Kollaps des Gesundheitssystems verhindern, indem sie das öffentliche Leben zu einem Stillstand bringt, um Neuansteckungen gering zu halten. Die Schulen sind geschlossen, im Großteil der Bundesstaaten und den meisten Städten gelten mittlerweile weitreichende Ausgangsbeschränkungen, ab Mittwoch sollen sie im ganzen Land in Kraft treten. Was das bedeutet, zeigte sich bereits in der Hauptstadt Neu Delhi. Dort sind religiöse Versammlungen nicht mehr erlaubt, zahlreiche Geschäfte und Fabriken mussten bereits zusperren, der öffentliche Verkehr wurde eingestellt, auch Rikscha-Fahrer dürfen ihre Dienste nicht mehr anbieten. Die Bewohner sind aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Die Wohlhabenden erleben die Pandemie ganz anders#

Indien folgt damit dem Beispiel Chinas und Europas. Doch spielen sich derartige Maßnahmen in Indien in einem ganz anderen Umfeld ab. Für die vielen Armen könnten sie eine wirtschaftliche Katastrophe darstellen. "Manche von uns werden am Virus sterben. Die anderen werden verhungern", sagte Sanjay Sharma, ein Taxifahrer in der Finanzmetropole Mumbai, in der schon länger ähnlich drastische Maßnahmen wie in Neu-Delhi gelten, der Nachrichtenagentur Reuters.

Man kann in Indien von zwei Pandemien sprechen, sagt auch der Entwicklungsökonom Strupat der "Wiener Zeitung". "Die eine trifft die Bessergestellten. Sie können sich relativ schnell und gut isolieren, Homeoffice machen und haben auch die Mittel, um Lebensmittel und Medikamente zu bunkern."

"Und dann gibt es die zweite Pandemie, die der ärmeren Bevölkerungsschichten. Sie sind darauf angewiesen, jeden Tag zu arbeiten, zum Markt zu gehen, um mit ihren Familien über die Runden zu kommen." Denn in Indien existiert kein soziales Sicherungssystem. Ein Rikschafahrer verdient nur so viel, wie er am Tag einnimmt. Darf er nicht fahren, hat er kein Einkommen. Selbes gilt für unzählige andere Berufe, etwa für Straßenhändler, für Schuhputzer oder für Marktverkäufer. Sie alle bekommen nur Geld, wenn sie arbeiten, und hatten wegen ihrer geringen Verdienste keine Möglichkeit, etwas zu sparen. Sie alle stehen jetzt, wenn der Staat nicht schnell Notfallprogramme einleitet, vor einer existenzbedrohenden Krise.

In den Städten hat sich daher große Unruhe breitgemacht. Viele Wanderarbeiter versuchten noch schnell, in ihre Dörfer zurückzukommen, wo sie sich zumindest besser versorgen können. Doch auch der Zugverkehr wurde mittlerweile eingestellt. Die letzten Züge, die noch fuhren, waren heillos überfüllt. Jetzt herrscht Angst, dass das zu vielen Neuansteckungen geführt hat.

Generell kann sich das Virus unter den Armen viel schneller ausbreiten. Nicht nur müssen sich in den Slums oft mehrere Menschen ein Zimmer teilen. "Ein großes Problem ist auch, dass es wenige Wasseranschlüsse gibt", berichtet Strupat. Das mache es schwierig, die die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingeforderten Hygienemaßnahmen, etwa regelmäßiges Händewaschen, einzuhalten.

Bisher hat die Corona-Krise hauptsächlich Industrienationen getroffen. Indien ist ein Beispiel dafür, was droht, wenn sie nun stärker auf Staaten mit viel armer Bevölkerung, mit massiven Einkommensunterschieden, übergeht. "Man kann davon ausgehen, dass diese größere Probleme haben werden, das Virus einzudämmen", sagt Strupat.

Wiener Zeitung, 24. März 2020