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Zu wenig Schutzmasken und Pfleger#

Ungarns Premier zieht Analogien zwischen Coronavirus und Migration, die Opposition zweifelt an der Zahl der Infizierten.#


Von der Wiener Zeitung (14. März 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer


Während die Fachwelt den desolaten Zustand in manchen Krankenhäusern Ungarns und den Personalmangel beklagt, versucht Premier Viktor Orbán, ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten. „Wir sind genug“, sagte er am Freitag im Staatsrundfunk. Es gebe genügend Fachpersonal und Material für „die vernünftigerweise ermessbare Ausbreitung der Epidemie“. Offiziell wurde der „Gefahrenzustand“ ausgerufen und Kontrollen an den Grenzen zu Österreich und Slowenien eingeführt. Auch eine Parallele zum Flüchtlingsthema stellte Orbán an: „Wir sind in einem Zweifrontenkrieg. Die eine ist das Coronavirus, die andere die Migration. Zwischen den zwei Dingen gibt es einen logischen Zusammenhang, weil beides durch Bewegung um sich greift.“

Schulen und Kindergärten wurden nicht geschlossen. Dies ist nach Orbáns Meinung nicht notwendig, weil Kinder weniger betroffen seien. Zudem bestehe dadurch die Gefahr, dass das ganze Schuljahr wiederholt werden müsse und dass die Lehrer für die Auszeit „unbezahlten Urlaub“ nehmen müssten. Hingegen sei die Schließung der Universitäten geboten gewesen, weil dort viele ausländische Studenten lernten. Bei den ersten in Ungarn registrierten Corona-Fällen handelte es sich um Studenten aus dem Iran. Wie beim Thema Flüchtlinge will sich Orbán als Schutzherr des Landes vor Gefahren aus dem Ausland darstellen.

Gesundheitsamt empfiehlt Thermalbad-Besuch#

Geschlossen wurden neben den Universitäten auch die Theater und Kinos. Hingegen gab es kein generelles Schließ-Gebot für die mehr als 200 bei Touristen beliebten ungarischen Thermalbäder, die per Definition großen Wert auf Hygiene legen müssten. Nur fünf Bäder in der Provinz stellten ihren Betrieb für unbestimmte Zeit ein. Ansonsten teilte das Gesundheitsamt mit, dass der Besuch der Bäder unbedenklich sei, weil sich das Coronavirus nicht über das Wasser übertrage, das außerdem in ausreichendem Maße mit Chlor desinfiziert werde. Mehr noch: Wellness in den Thermalbädern sei auch jetzt zu empfehlen, weil dies das Immunsystem stärke. Das prächtige, klassizistische Szécsényi-Bad in Budapest teilte mit, dass man den Chlorgehalt im Wasser erhöht und die Desinfektions-Aktionen verstärkt habe.

Mit offiziell 19 infizierten Patienten ist Ungarn derzeit weit weniger als andere EU-Staaten betroffen. Experten aus den Reihen der Opposition zweifeln diese Zahl an, weil ihrer Meinung nach in Ungarn zu wenig Verdächtige getestet würden. Der Arzt Zoltán Komáromi, Gesundheitsexperte der linken Oppositionspartei DK, ereiferte sich jüngst im Sender Klubradio darüber, dass Menschen, die aus Risikogebieten einreisen und sich deshalb testen lassen wollen, abgewiesen werden, wenn sie keine Krankheitssymptome haben.

Wegen der Massenauswanderung des Gesundheitspersonals hat Ungarn nach amtlichen Angaben um zehn Prozent zu wenig Krankenpfleger. Laut letztverfügbaren Statistiken aus dem Jahr 2018 konnten 1700 Arztstellen nicht besetzt werden. Ein akuter Mangel an Anästhesisten, der im vorigen Jahr zur Schließung mehrerer Abteilungen in Krankenhäusern geführt hat, konnte inzwischen durch eine Schnell-Ausbildungsaktion offenbar wieder beseitigt werden. Jedenfalls würde ihre Zahl jetzt im Fall einer Explosion der Epidemie ausreichen – falls man weniger dringende Operationen verschiebe, sagte Péter Álmos, Vizepräsident der ungarischen Ärztekammer, dem Nachrichtenportal 444.hu.

Álmos hat sich vor Jahren in Ungarn als Initiator der Gruppe „Ärzte ohne Schmiergeld“ einen Namen gemacht. Die Initiative will mit der seit Langem gängigen Praxis aufräumen, bei der Krankenhauspatienten Ärzte und Pfleger bestechen müssen, um gut behandelt zu werden.

Die Knappheit an Pflegern sei ein Sicherheitsrisiko, warnte Álmos nun. In Ungarn komme es oft vor, dass auf Intensivstationen eine Krankenschwester vier Betten zu betreuen habe – wohingegen die Fachliteratur 2,5 Betten pro Pfleger als gerade noch akzeptabel betrachte. Das Risiko bestehe darin, dass ein überlasteter Pfleger gar keine Zeit mehr habe, sich zwischen den Kontakten mit den Patienten die Hände zu waschen.

Corona-Patient ohne Maske behandelt#

Beatmungsgeräte seien jedoch genügend vorhanden, zusätzliche Krankenhausbetten könnten bei Bedarf organisiert werden. Allerdings habe die Regierung unrealistische Vorstellungen vom Bedarf an Mundschutzmasken, sagte Álmos. Auf eine Anfrage der Ärztekammer habe das auch für Gesundheit zuständige Ministerium für Humanressourcen geantwortet, man sei „reichlich“ versorgt, mit 60.000 Masken. Doch allein die Pflege von 100 Corona-Patienten in der Intensivstation würde täglich mindestens 1200 Masken für die Pfleger und Ärzte erfordern – zumal man diese nach vierstündigem Gebrauch wechseln müsse, sagte Álmos.

Mitunter herrsche auch Informationschaos. Neulich habe man im Budapester János-Krankenhaus einen fiebrigen Patienten, von dem sich später herausstellte, dass er mit dem Coronavirus infiziert ist, tagelang ganz ohne Schutzmasken behandelt. Die Masken seien nicht vorhanden gewesen. Das Personal habe nicht gewusst, wo man diese beschaffen könne.

Wiener Zeitung, 14. März 2020