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Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht#

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Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht. Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafs. S. Hirzel Verlag Stuttgart 2019. 214 S. ill., € 22,90

Die Kulturgeschichte des Schlafs beginnt bei der Mythologie und endet in der Gegenwart bei fragwürdigen Methoden zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. In einem hinduistischen Schöpfungsmythos entsteht die Welt, während Gott Vishnu schlummert, auch in der altisländischen Dichtung Edda schläft der Erschaffer der Welt beim Erscheinen der ersten Menschen. Ganz anders der jüdisch-christliche Gott. Nach der biblischen Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde führt er sein Werk plangemäß aus und ruht erst am siebenten Tag, nachdem er alles angesehen und für sehr gut befunden hatte. Der Schlaf ist hier, im Gegensatz zu antiken Kulturen kein göttlicher Zustand.

Im Alten und Neuen Testament kommt das Wort "Schlaf" 43 mal, "wachsam" elfmal vor. Die Bibel mahnt die Gläubigen an vielen Stellen zur Aufmerksamkeit. Bekannt ist die Warnung im Buch der Sprichwörter: "Gönne deinen Augen keinen Schlaf, keinen Schlummer deinen Wimpern" , um der Armut zu entgehen. Die Verfasser des Neuen Testaments werden nicht müde, zur Wachsamkeit aufzurufen, wie im Markusevangelium: "Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam! " Dass dies nicht nur für religiöse Menschen gilt, sondern wirklich für alle, expliziert Karoline Walter zunächst am Beispiel der Aufklärungszeit. Der englische Philosoph John Locke war wie seine deutschen Zeitgenossen der Meinung "Langes Schlafen macht dumm, träge und ungesund; man muss also kurz schlafen." Fleiß und Strebsamkeit zählten nun zu den Kardinaltugenden. Hervorragende Vertreter waren etwa der Erfinder Benjamin Franklin und der amerikanische Präsident Thomas Jefferson, beide extreme Frühaufsteher. Die Nacht zum Tage zu machen, gelang für die breite Masse im 19. Jahrhundert mit der Erfindung von Gaslicht und elektrischer Beleuchtung. Doch hatte der Fortschritt seine Schattenseiten, die sich u. a. in Erschöpfungszuständen äußerten, wie Zeitgenossen kritisierten: "Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik hatte im 19. Jahrhundert ein schwindelerregendes Tempo vorgelegt. Bei vielen Menschen führte das zu dem Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. "

Im westlichen Kulturkreis gilt es als unschicklich, in der Öffentlichkeit zu schlafen. So werden Obdachlose in Deutschland abwertend als "Penner" bezeichnet. Hingegen ist es in Japan normal, auf Parkbänken, in U-Bahnen oder Zügen zu schlafen, "obwohl Leistung, Scham, Disziplin und Körperbeherrschung dort sogar eine noch größere Rolle spielen als hierzulande." Selbst in der Schule, im Büro, im Parlament oder eigens dafür veranstalteten Konzerten pflegt man die Kunst des Inemuri (gleichzeitig anwesend sein und schlafen). Kinder üben es von klein auf. Wer die Oberschule besucht, muss mit sieben Stunden Schlaf auskommen, wer die Universität besuchen will, mit vier Stunden. Viele Schüler lernen bis spät in die Nacht, besuchen nach der Schule private "Paukschulen" und haben erst danach Zeit für die Hausaufgaben.

Apropos Kinder: Dem Kinderschlaf und Wiegenliedern widmet die Autorin ein eigenes Kapitel. Sie beginnt es mit einer persönlichen Erinnerung, die vermutlich viele LeserInnen teilen. Es geht um das berühmte Wiegenlied "Guten Abend, gut' Nacht", in dem es heißt : "… mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt …" Dass damit keine Nägel, sondern aromatisch duftende Gewürznelken gemeint waren, die man zur Ungezieferabwehr in die Betten streute, erkannte sie erst später. Doch war dieser Text harmlos im Vergleich zu Wiegenliedern aus Spanien, Haiti, Island, England, Dänemark oder Japan. Sie handeln von bedrohlichen Monstern, allein gelassenen oder toten Kindern (wie das österreichische "Heidschibumbeidschi"). Babys konnten sie ohnehin nicht verstehen und ließen sich vom beruhigenden Rhythmus und "bedeutungslosen Unsinnswörtern" wie "Eiapopeia" einlullen.

Das letzte Kapitel ist "neuen Formen des Schlafs" gewidmet. Dazu zählen die Wiederentdeckung der Siesta ebenso wie das 20-minütige "Powernapping", Ruheräume für die Mittagspause, Geräte zur digitalen Schlafüberwachung, polyphasisches Schlafen, Klarträumen oder Kälteschlaf. Das Verhältnis westlicher Gesellschaften zum Schlaf sieht die Autorin " derzeit in einem Wandel begriffen. … Als genussmaximiertes Wellness-Event könnte der Akt des Schlafs im 21. Jahrhundert jenes anarchische Potenzial verlieren, das ihm bis dato immer ein Stück weit innegewohnt hat."

hmw