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Peter Jordan (Hg.): Atlas des Habsburgerreiches#

Bild 'Atlas'

Atlas des Habsburgerreiches. Reprintausgabe von Prof. Dr. Rudolf Rothaugs "Geographischer Atlas zur Vaterlandskunde an den österreichischen Mittelschulen". Mit Tafeln aus "Prof. A. L. Hickmanns Geographisch-statistischer Taschen-Atlas von Österreich-Ungarn". Neu herausgegeben und eingeleitet von Peter Jordan. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach 2016. 96 S., ill., € 49,90

HR Prof. h.c. Univ.-Doz. Dr. Peter Jordan ist Kulturgeograph und Kartograph. Als Direktor des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts hatte er den Atlas Ost- und Südosteuropa ediert. Jetzt gibt er einen der beeindruckendsten Atlanten der Kaiserzeit heraus. Johann Georg Rothaugs „Geographischer Atlas zur Vaterlandskunde an den österreichischen Mittelschulen“ erschien 1911. Der Gymnasialprofessor Rudolf Rothaug entstammte einer deutch-galizischen Pädagogenfamilie. Sein Werk erreichte in vier Jahren sieben Auflagen. Präzise dokumentierte er das territoriale Gefüge des Habsburgerreiches in Übersichtskarten, Länderkarten und Umgebungsplänen von Städten. Für die bearbeitete Neuauflage nach 105 Jahren hat der Herausgeber auf einige Karten verzichtet, aber den eindrucksvollen Band mit Grafiken und Tabellen aus A. L. Hickmanns "Geographisch-statistischem Taschen-Atlas von Österreich-Ungarn" ergänzt.

"Das Habsburgerreich, wie es dieser Atlas in seiner Endphase vor dem Ersten Weltkrieg abbildet, ist nicht nur von historischem Interesse, sondern auch ganz wesentlich für das Verständnis der Raumstrukturen im mittleren Europa", schreibt Peter Jordan in seinem informativen Vorwort. Wenn man die Landkarte Europas mit jener vor 100 Jahren vergleicht, stellt man fest, dass heute 13 Staaten zur Gänze oder zum Teil auf dem Gebiet der einstigen Österreichisch-Ungarischen Monarchie liegen: Außer Österreich und Ungarn auch Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Serbien, Montenegro, Italien, die Slowakei, Tschechien, Polen, Rumänien und die Ukraine.

Peter Jordan hat herausgefunden, dass viele Elemente des ehemaligen Verwaltungssystems in den Nachfolgestaaten fortleben. In Österreich beispielsweise die Länder und politischen Bezirke, in Ungarn die Komitate. Auch in den anderen Ländern sind frühere Verwaltungseinheiten als kulturlandschaftliche Identitäten im Bewusstsein verankert. Was ebenfalls noch besteht, ist das Bahnnetz. Nur einige ergänzende Strecken wurden später gebaut, um die Teilgebiete der neuen Staaten besser miteinander zu verbinden. Wo Hauptbahnen verliefen, schritten Urbanisierung und Industrialisierung voran. Gebiete im "Bahnschatten" fielen zurück. Das Habsburgerreich folgte der von England ausgegangenen Industrialisierung verspätet und weniger intensiv. Dennoch führten das Entstehen einer Industriementalität und eines Arbeitermilieu bald zum Aufgeben ländlicher Lebensweisens. Bei den Standorten beobachtete der Kulturgeograph "beachtliche Kontinuitäten", wobei sich die Branchenstruktur änderte. Als Beispiele nennt er den Rückgang der Textil- und Grundstoffindustrie zugunsten von Maschinenbau, Elektrotechnik und Automobilerzeugung. Die Entwicklung der Kurorte leistete einen wesentlichen Beitrag zum frühen Tourismus. Die wichtigsten waren anno 1912 Karlsbad, Abbazia, Marienbad, Baden und Meran.

Die Urbanisierung der Donaumonarchie blieb hinter jener von Deutschland oder Italien deutlich zurück. Interessant ist in dem Zusammenhang eine Liste der neun größten Städte des Habsburgerreiches 1870, 1900, 1910, 1990 und 2015. Wien war 1910 dessen größte Stadt und hatte mehr Einwohner (2,031.000) als heute. Seit 1870 hatte die Zuwanderung aus anderen Teilen der Monarchie, vor allem aus den Böhmischen Ländern und Galizien, für einen enormen Wachstumsschub gesorgt. Spuren des Habsburgerreichs finden sich vielfach in der Architektur von Repräsentations- und Verwaltungsbauten, Kirchen und Bahnhöfen. Der neu aufgelegte, mit den statistischen Tabellen ergänzte, Atlas wird, so der Herausgeber, "ein wertvoller Schlüssel zum Verständnis unserer heutigen Kulturlandschaft."