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Eva Berger: Viel herrlich und schöne Gärten#

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Eva Berger: Viel herrlich und schöne Gärten. 600 Jahre Wiener Gartenkunst. Böhlau Verlag Wien 2016, 388 S., ill., € 39.99

Die Anlage barocker Gartenpaläste "ist ein Wiener Spezifikum, welches sich in dieser variantenreichen Ausprägung in keiner anderen europäischen Stadt findet. … Die beste und eindrucksvollste Vorstellung für diese städtebauliche Eigenart Wiens bietet bis heute die zusammenhängend erhaltene Zone am Rennweg", schreibt Eva Berger in ihrem jüngsten Buch. Die Autorin ist ao. Professorin für Gartenkunstgeschichte an der TU Wien und Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für historische Gärten. Der Reihe prächtiger und kompetenter Bände lässt sie nun eine reich illustrierte Geschichte über 600 Jahre Wiener Gartenkunst folgen. Das Werk enthält nicht nur eine reich illustrierte, historische Zusammenschau, sondern stellt auch ausgewählte Anlagen detailliert vor. Ausführliche Zitate spiegeln den jeweiligen Zeitgeist.

Die älteste topographisch verlässliche Stadtansicht, im Hintergrund der "Flucht nach Ägypten" des um 1470 entstandenen Schottenmeister-Altares lassen den Wienerwald und einzelne Bäume zwischen den Stadthäusern erkennen. Auch der 20 Jahre jüngere Babenberger-Stammbaum und der etwa gleichzeitige Holzschnitt in der Schedel'schen Weltchronik zeigen Teile kultivierter Natur. Schriftliche Quellen geben Aufschluss über die spätmittelalterliche Gartenkultur in Wien. Von "vielen schönen Gärten", in denen sich die Bürger erlustigen und die Jugend tanzt, fruchtbaren Bäumen und Weingärten ist da die Rede.

Die beiden osmanischen Belagerungen 1529 und 1683 besiegeln das Ende dieser paradiesischen Zustände. In der Renaissance (1529 bis um 1620) verlegt Kaiser Ferdinand I. die Hofhaltung nach mehr als hundertjähriger Unterbrechung wieder nach Wien. Er lässt bei der Hofburg einen Garten mit Lindenbäumen anlegen und den Prater als Jagdrevier ausgestalten. Sein Sohn, der allzu früh verstorbene, Maximilian II. schafft mit dem "Neugebäude" im heutigen 11. Wiener Gemeindebezirk eine "Ausnahmeerscheinung" des Zusammenwirkens von Architektur und Gartenkunst. Der Kaiser hat größtes Interesse an der Botanik. Er engagiert Carolus Clusius, der die ersten Tulpen, Hyazinthen und Kartoffel nach Wien bringt und die bisher hier unbekannten Rosskastanien und Flieder kultiviert.

Die Jahrzehnte des Frühbarocks (von etwa 1620 bis 1683) sind durch die Wahl Wiens als repräsentativer Hauptwohnsitz der Adeligen charakterisiert. Sie bauen ihre Stadt- und Gartenpaläste in der Nähe des Kaiserhauses. Der Kaiser, Ferdinand II., bestätigt 1628 die Ordnung einer Lust- und Ziergärtner-Bruderschaft, die u. a. die Ausbildung der Gärtner regelt. Als Beispiele aus dieser Zeit bringt Eva Berger die "Neue Favorita" auf der Wieden und den Windhag'schen Garten in der Rossau.

Hoch- und Spätbarock (1683 bis gegen 1750) ist die große Zeit der in den neu angelegten Vorstädten entstehenden Sommerpaläste. Sie entsprechen dem Repräsentationsbedürfnis der adeligen Auftraggeber, deren Lustgärten die Stadt wie ein blühender Kranz umgeben. Mehr als zwei Dutzend, angefangen vom Liechtensteinpalais auf dem Alsergrund, über das Belvedere bis zum nicht mehr bestehenden Gartenpalais Althan im Bezirk Landstraße stellt die Autorin vor. Die Stararchitekten jener Zeit waren Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lukas von Hildebrandt, der erste entwarf u. a. die Umplanung des kaiserlichen Schlosses Schönbrunn, der zweite die geniale Anlage von Prinz Eugens Belvedere.

Die nächste Phase, Rokoko und Frühklassizismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bringt eine neue, "malerische" Landschaftsästhetik. Der "englische Garten" steht im Gegensatz zum bisherigen formalen "französischen" Gartenstil. In dieses Kapitel fällt die Umgestaltung der Schönbrunner Schlossgärten ebenso wie die Anlagen des frühesten Landschaftsparks in Österreich, den Feldmarschall Moritz Graf Lacy in Neuwaldegg anlegen lässt. 1766 öffnet Kaiser Joseph II. die großteils unregulierte Aulandschaft des Praters und 1775 seinen Augarten für die Öffentlichkeit.

Klassizismus und Biedermeier setzen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Ideale der Natürlichkeit fort. Adelige und zunehmend auch bürgerliche Schöpfungen ergänzen die vom Kaiserhaus angelegten innerstädtischen Parks des Burggartens und Volksgartens. In die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt die Demolierung der Basteien - und der Verlust des von Joseph II. zum öffentlichen Erholungsraum ausgebauten Glacis - der die Anlage der Ringstraße folgt. Im Zuge der größten städtebaulichen Umgestaltung denkt man auch an Grünflächen, deren bekannteste der Stadtpark ist. Auch an der Peripherie entstehen historistische Gärten, wie bei der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten und in Döbling.

Im Jugendstil und in der frühen Moderne (bis 1918) erhält die Gartenkunst durch die Architekten neue Impulse: "Angestrebt wird eine Synthese von Baukunst, Skulptur und Pflanzenverwendung in einem proportionierten Maßverhältnis aller Gestaltungselemente des Freiraumes", fasst Eva Berger zusammen. Sie zählt rund 50 damals entstandene, private und öffentliche Parks auf -wie die Grünanlagen des Kaiserin-Elisabeth-Denkmals im Volksgarten und die Wienflusspromenade im Stadtpark, beide von Oberbaurat Friedrich Ohmann.

Die Reformzeit von 1918 bis 1938 bringt sowohl die Gartenstadtbewegung, als auch frühe, große Gemeindebauten mit ihren Freiflächen samt Kinderspielplätzen. Das Stadtgartenamt forciert öffentliche Grünflächen, u. a. an Stelle der aufgelassenen Vorstadtfriedhöfe, wie Währinger Park, Schubertpark oder Waldmüllerpark.

Vor den fast 80-seitigen Teil der Anmerkungen und Literaturangaben, setzt die Autorin einen Text, den Hugo von Hofmannsthal 1906 über die Gärten von Wien verfasste: "Die große Stadt entledigt sich nicht mürrisch und amtsmäßig der hygienischen Verpflichtung, kleine Flecke von Grün in ihren graugelben Gesamtaspekt aufzunehmen, sondern sie … ist entzückt, wenn an zwanzig Stellen in ihr neue Büschel von Grün und Farbe aufbrechen. … Der Bürgermeister hält kleine Reden, die unvergleichlich sympathischer sind, als das meiste, was irgend bei öffentlichen Anlässen geredet wird … Man möchte heute schon wünschen, es möge die Periode nicht zu kurz sein, in der eine frisch geweckte Feinfühligkeit sich satt trinkt an der Schönheit des Einzelnen …"