unbekannter Gast

Gebhard König: Marchfeld-Atlas#

Bild 'Marchfeld'

Marchfeld-Atlas. Österreichs Korn- und Gemüsekammer in der „Perspectiv-Karte des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens“ von Franz Xaver Schweickhardt 1830–1846 Herausgegeben und ausführlich erläutert von Gebhard König Edition Winkler-Hermaden Schleinbach 2016. 72 Seiten mit 10 ausklappbaren Faltkarten. € 39,90

Die „Perspectiv-Karte des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens“ von Franz Xaver Schweickhardt entstand 1830 bis 1846. Das gesamte Werk umfasst 63 Blätter. Sie zeigen die Kulturlandschaft Niederösterreichs zur Zeit des Vormärz in minitiöser Darstellung. 2013 betätigte sich Gebhard König als Herausgeber jener Kartenteile, die sich mit den nächsten Umgebungen Wiens beschäftigen. Damit, so meinte der frühere Direktor der Niederösterreichischen Landesbibliothek, wäre wohl seine 35-jährige Beschäftigung mit diesen Karten abgeschlossen gewesen. "Zum Glück habe ich damals kein Versprechen abgegeben", schreibt er nun im Vorwort. Zum Glück für den Verlag, der sich durch illustrierte Geschichtswerke in exklusiver Ausstattung zu günstigen Preisen einen Namen gemacht hat. Zum Glück für die Leser, denen die kartographischen Köstlichkeiten nicht länger vorenthalten bleiben. Zum Glück für den heute nahezu vergessenen Urheber.

Franz Xaver Schweickhardt verfasste zahlreiche Publikationen. Dabei dürfte ihm das Marchfeld besonders am Herzen gelegen sein. Er widmete dem Landstrich 1842 ein eigenes Buch, das die Geschichte seit der Urzeit erläutert, wobei er die damals noch nicht allzu lange zurückliegenden Napoleonischen Kriege und Überschwemmungen betont. "Das Marchfeld" war seine einzige Regionalbeschreibung. Auch die "Perspectiv-Karte" versah Schweickhardt mit erklärenden Begleittexten. Gebhard König nennt sie anachronistisch, weil etwa die damals eröffnete erste Eisenbahnstrecke (Floridsdorf - Deutsch-Wagram der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn) keine Erwähnung fand. Der Herausgeber bringt Auszüge der Originaltexte und ergänzt sie mit aktuellen Kommentaren. Aus dem Gesamtwerk hat er diesmal zehn "Sectionen" ausgewählt. Sie umfassen das Gebiet des Marchfelds vom Bisamberg im Westen bis zur March im Osten und der Donau im Süden. Im Norden reicht die Darstellung bis zur Linie Stetten, Pillichsdorf, Reyersdorf, Dörfles und Tallesbrunn.

Die erste zeigt den Ausschnitt Groß-Enzersdorf. Die Ackerbürgerstadt hat bis heute ihre mittelalterliche Stadtmauer erhalten. Schweickhardt lobt sie: "Das Städtchen Großenzersdorf enthält Sehenswürdigkeiten genug, besonders die alte aber schöne Pfarrkirche mit dem herrlichen Thurme, die alten Thore mit den Mauern und die Ruine auf dem Platze, welches Gebäude zuletzt ein Brauhaus war …" Die zweite Section behandelt u.a. Breitenlee, mit der im Marchfeld einzigartigen zweitürmigen Kirche, die dem Schottenkloster inkorporiert ist: "Außer der Kirche mit ihren zwei Thürmen, die sammt dem Kirchengebäude von ferne schon einen schönen Prospect geben, dem Schlosse und dem 1830 neu erbauten herrschaftlichen geräumigen Gasthause hat der Ort keine sonstigen bemerkenswerthen Gebäude."

Die nächste Section zeigt die Umgebung von Stammersdorf und Pillichsdorf. Vom dortigen Kalvarienberg "beobachtete Se. Majestät Kaiser Franz I. am 5. und 6. Juli 1809 mittels eines Teleskopes die Wagramer Schlacht." In der Umgebung von Bockfließ und Schönkirchen findet der Kartograph Landwirtschaft und Weinbau, malerische Ausblicke, Schlösser, Kirchen, Gutshöfe, aber auch eine öde Gegend namens Siehdichfür: "Ganz abgelegen in einer Wüste ist diese Gegend wahrlich nicht einladend. Vorzüglich in früheren Zeiten war die hiesige Umgegend gefährlich, daher man solche nur zu Tage und in Begleitung Mehrerer zu durchreisen pflegte." Gebhard König ergänzt: "Heute ist der Raum durch die ansprechende Gartensiedlung Gänserndorf-Süd genützt. Weiter geht es nach Markgraf-Neusiedl, Ober-Siebenbrunn und Leopoldsdorf. Hier, wie auch in anderen Orten, fand Schweickhardt zahlreiche strohgedeckte Häuser vor. In der Umgebung von Sachsengang, Breitstetten und Orth würdigt König Schloss Sachsengang als "der einzige noch bewohnte Hausberg Niederösterreichs und wohl auch der älteste bewohnte Wehrbau nördlich der Donau."

Die nächste Abteilung behandelt die Umgebung von Eckartsau und Deutsch-Altenburg: "Zuerst betritt der Wanderer den Ort Fuchsenbühel … Merkwürdigkeiten, oder ländlichen Schmuck, findet man keinen hier. Eine halbe Stunde von hier, östlich, ist Haringsee gelegen. Der Ort besteht in einer Gasse, dessen Häuser mit Ziegeln, meist aber mit Rohr gedeckt sind; die Gegend ist kahl und ohne alle Abwechslung, jedoch herrscht gesundes Klima und gutes Wasser…" Gebhard König bekräftigt die Sehenswürdigkeit der frühgotischen Laurentius-Kirche und erwähnt die 1975 gegründete Greifvogelstation, die Haringsee international bekannt gemacht hat.

Das Gebiet von Schönfeld und Marchegg barg den bedeutendsten archäologischen Fund Niederösterreichs, ein reich ausgestattetes Grab einer Fürstin und weitere Körpergräber aus dem 4./5. Jahrhundert. In Groißenbrunn entspringen vier Quellen, die über ein kompliziertes Leitungssystem die Wasserspiele von Schlosshof speisten. In der Umgebung von Weikendorf und Ober-Weiden findet Schweickhardt in ersterem zwei Jahrmärkte, Pfarrkirche, Rathaus, Pfarrhof und ein "Armenspital mit acht Zimmern" bemerkenswert. König ergänzt, dass es sich um einen Besitz des Stiftes Melk handelte, das zur Barockzeit den zerstörten Ort neu bauen ließ. Der Architekt von Kirche und Pfarrschloss war Jakob Prandtauer.

Die beiden letzten Kapitel führen schon in das Nachbarland, in die Grenzstadt Hainburg und nach "Pressburg in Ungarn" sowie nach Schlosshof und "Stampfen in Ungarn". Stampfen, heute Stupava in der Slowakei, hatte seinen Namen wohl von mittelalterlichen Stampfmühlen, in denen aus Hanf und Flachs Öl gewonnen wurde. Schlosshof, das größte der sechs Marchfeldschlösser, ist seit 2005, grundlegend restauriert, wieder für Besucher zugänglich. Fast 200 Jahre früher schrieb Schweickhardt: "Der Naturfreund, wenn er auch hierher einen Ausflug unternimmt, wird sich reichlich belohnt finden bei der Anschauung der inneren Pracht dieses Schlosses und der wunderschönen Gegend jenseits der March …"