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Anna Maria Kalcher, Karin Lauermann (Hg.): Zeit#

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Anna Maria Kalcher, Karin Lauermann (Hg.): Zeit. Verlag Anton Pustet Salzburg 2016. 144 S., € 23,-

"Wenn mich niemand fragt, dann weiß ich es, sobald ich aber gefragt werde, kann ich es nicht erklären", sinnierte der Kirchenlehrer Augustinus (354-430) über das Phänomen Zeit. Die Phasen von Wachsen, Werden und Vergehen beschäftigen nicht nur Philosophen. Zeit war auch das Thema der 65. Internationalen Pädagogischen Werktagung, die im Sommer 2016 in Salzburg stattfand. Schon liegt der Tagungsband vor. Er vereint zehn Vorträge, die eine Vielfalt an Zugängen aufzeigen und nicht nur pädagogische Perspektiven referieren. VertreterInnen unterschiedlichster Disziplinen, wie Pädagogik, Soziologie, Theologie, Psychotherapie, Ethnologie, Philosophie, Musikwissenschaft, Astrophysik und Medizin kommen zu Wort.

Clemens Hellsberg eröffnet den Band mit "Gedanken zur Zeit in der Musik". Der langjährige Vorstand der Wiener Philharmoniker stellt fest, dass sich in seinem Metier die Befassung mit Zeit keineswegs auf Fragen wie Tempo oder Rhythmus beschränkt. Mehrfach zitiert er den Heiligen Augustinus und teilt dessen Erkenntnis "Zeit wohnt in der Seele". Lisa Kaltenegger, die ein renommiertes Institut in den USA leitet, schreibt. "Durch die Beschäftigung mit astronomischen Phänomenen werden Fragen nach der Vergangenheit des Universums ebenso berührt wie Fragen unserer Zukunft." In ihrem Beitrag gelingt es ihr, aktuelle Erkenntnisse der Astrophysik auf anschauliche Weise darzustellen.

Peter Heintel dreht den allgemein vertrauten Spruch "Zeit ist Geld" um. Er übertitelte seinen Vortrag "Geld ist Zeit". Der Gründer des Vereins zur Verzögerung der Zeit bringt Überlegungen aus philosophischer und soziologischer Sicht. Hede Helfrich, Professorin für interkulturelle Kommunikation in Köln, stellt über psychologische Aspekte der Zeit fest: " In der gegenwärtigen Gesellschaft … haben viele das Gefühl, dass ihnen die Zeit davoneilt. Und mit zunehmendem Alter scheint die Zeit immer schneller zu laufen. Unser Zeitempfinden speist sich aus zwei Quellen: aus der biologischen Zeit, der 'inneren Uhr', und aus der subjektiv erlebten Zeit, der 'Ereigniszeit'. Letztere scheint in starkem Maße von der jeweiligen Kultur geprägt zu sein."

Michael Schulte-Markwort hat als Leiter eines Hamburger Zentrums für psychosoziale Medizin viel mit Erschöpfungsdepressionen als neuem Phänomen des Kindes- und Jugendalters zu tun. Trotzdem ist er optimistisch: "Meine Arbeit als Kinderpsychiater ist eigentlich immer leichter geworden und ich meine, es wird jeden Tag schöner, den Kindern zu begegnen." Die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel erklärt, wie Kinder Zeit erleben: "Insgesamt bewegt sich das Zeitempfinden des Kindes im Spannungsfeld zwischen 'Schon vorbei?' und 'So lange noch?' "

Der Sozialpädagoge Lothar Bönisch macht die Erfahrung "Pädagogik braucht ihre Zeit", denn "verlorene Zeit wird zur gewonnenen Zeit". Sein Referat konzentriert sich auf die Rolle der Zeit in der Entwicklung von (männlichen) Jugendlichen. Die US-amerikanischen Professoren Dorothe Bach und John Baugher stellen die von den Vereinigten Staaten ausgehende "Achtsamkeitsrevolution" vor, die nun auch in Europa angekommen ist. Sie beschreiben Ansatz und Intention der kontemplativen Pädagogik, die fragt: "Was sollen unsere Schülerinnen, Schüler und Studierenden in drei bis fünf Jahren noch wissen, tun, können und wertschätzen?" Die Psychotherapeutin Boglarka Hadinger bezieht sich auf " die Zeit, in der wir leben. Diese Zeit ist verbunden mit den Problemen und Herausforderungen… Nicht wir teilen diese Zeit ein …, sondern 'sie' ist es, die 'uns' herausfordert." Den Abschluss bildet ein älterer, bisher unveröffentlichter Vortrag in memoriam an Günter Funke (+ 2016) einem langjährigen Kuratoriumsmitglied der Internationalen Pädagogischen Werktagung Salzburg. Seine zentralen Gedanken widmen sich der "Kultur des Fehlermachens" und der "Kunst des Verzeihens."

Die Herausgeberinnen Anna Maria Kalcher und Karin Lauermann zitieren in ihrer Einleitung einen Zeitforscher, der vom "Sofortismus" sprach. Diesen Trend könne man zwar nicht aufhalten, aber mit Entschleunigung gegensteuern. Langsamkeit zu üben und Rhythmen (z.B. Pausen) zu rekultivieren, könne Stress reduzieren. "Es geht darum, zu prüfen, in welchen Situationen auf ein unnötig rasches Tempo verzichtet werden kann, um ein 'Enthetzen' zu erreichen. Hilfreich scheint hierbei die Pflege wohltuender Rituale … 'Alleen des Zeitlichen', da sie Zeit ordnen, formen und strukturieren." Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die traditionellen Festkreise folgen ihr ebenso, wie schon Kohelet, das biblische Weisheitsbuch aus der zweiten Hälfte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts: "Alles hat seine Zeit".