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Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde #

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Christiane Laudage: Das Geschäft mit der Sünde. Ablass und Ablasswesen im Mittelalter. Verlag Herder Freiburg 2016. 352 S., ill., € 24,99

Der Titel ist plakativ gewählt: Schlagworte wie Sünde und Mittelalter machen neugierig, noch dazu, wenn es um Praktiken der katholischen Kirche geht. Auch zum Lutherjahr 2017 kommt das Buch rechtzeitig. Gerade das spätmittelalterliche Ablasswesen war ein Kernpunkt der Kritik für den Reformator Martin Luther. Gerne zitiert in dem Zusammenhang ist der Spruch "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt".

Dieses Buches ist - entgegen manchen Erwartungen - erfreulich seriös. Wenn es Geschichte und Fakten zum mittelalterlichen Ablasswesen vorstellt, geschieht dies wissenschaftlich fundiert, angenehm lesbar formuliert, mit Quellen- und Literaturangaben versehen. Dafür bürgt die Person der Autorin. Dr. Christiane Laudage ist Historikerin und arbeitet bei der Katholischen Nachrichtenagentur in Bonn. Im Vorwort schreibt sie: "Wenn der Leser im Anschluss an die Lektüre bereit ist, seine Vorurteile wenigstens zu hinterfragen, freue ich mich, denn dann hat sich die Mühe gelohnt." Sie wendet sich an eine breite Leserschaft ebenso wie an Studierende und Wissenschaftler, die einen 70-seitigen Anhang mit Anmerkungen vorfinden.

Die (Vor-)Geschichte des Ablasswesens reicht bis in das frühe Mittelalter zurück. In der Spätantike wurde die kanonische Buße praktiziert, die in drei Stufen ablief. Am Aschermittwoch trat der Sünder "in Sack und Asche" nach dem Bekenntnis beim Bischof offiziell in den Büßerstand ein. Mehrere Jahre bis Jahrzehnte war er nun ein "Christ minderen Rechts", bis an einem Gründonnerstag die Wiederaufnahme in die Gemeinde erfolgte. Die kanonische Buße konnte man nur einmal im Leben auf sich nehmen. Viele verschoben daher das Sündenbekenntnis bis zum Totenbett, denn dann wurden sie gleich losgesprochen. Diese Praxis widersprach dem christlichen Ideal des Lebenswandels und erwies sich als undurchführbar.

Im Frühmittelalter erfanden irische und schottische Missionsmönche die Tarifbuße als neue Möglichkeit. In der privaten Beichte bei einem Priester konnte der Sünder seine Verfehlungen bekennen und erhielt, nach einem fest stehenden Tarif, seine Buße. Diese bestand zumeist in Fasten, doch konnte die Strafe, auch nach fixen Tabellen, etwa in Gebete umgewandelt werden. Adelige pflegten sich davon zu befreien, indem sie Mönche zum Gebet verpflichteten und dafür das Kloster finanziell unterstützten. Die Redemptionen (lat. redimere - sich loskaufen) und Kommutationen (Austausch) des Früh- und Hochmittelalters spielten für die Entwicklung des Ablasswesens eine entscheidende Rolle.

Um die erste Jahrtausendwende kam die sakramentale Absolution auf, die der Priester nach der Beichte erteilte, doch mussten auch Bußwerke abgeleistet werden. Mit der Absolution war das fürbittende Gebet des Priesters verbunden. Die größte sündentilgende Wirksamkeit versprachen sich die Gläubigen von hierarchisch hochstehenden Geistlichen. Zunächst verbanden Bischöfe in Südfrankreich und Nordspanien ihre Fürbittgebete mit materiellen Zuwendungen. Dies fällt mit dem Bau vieler romanischer Kirchen zusammen, die damals dort entstanden. Das Ablasswesen - in das Jenseits greifende Versprechen eines Sündenstrafennachlasses - war erfunden. Es verbreitete sich nach Italien und England und erreichte Ende des 12. Jahrhunderts Ungarn und Polen.

Mit dem 4. Laterankonzil (1215) griffen die Päpste regulierend in die herrschende Praxis ein. Nun setzte eine Bemessung des Ablasses in Tagen durch, wie es dem kaufmännischen Denken des 13. Jahrhunderts entsprach. Parallel dazu entwickelten sich Vorstellungen vom reinigenden Fegefeuer als "Vorhof zum Himmel". Um diese gefürchtete Zeit abzukürzen, gaben die Gläubigen Almosen, stifteten Messen und erwarben Ablässe auch für Verstorbene, die "armen Seelen". 1336 legte Papst Benedikt XII. die Lehre vom Fegefeuer als Dogma fest.

Mit Ablässen wurden nicht nur Seelen erlöst und der Bau von Kirchen finanziert, sondern auch jener von Straßen, Brücken und Dämmen, man unterhielt Spitäler und half bei Katastrophen. Die Autorin spricht von "Ablässen für alle Lebenslagen". Sie beleuchtet eingehend die weitere Entwicklung, die Rolle der Päpste und Bettelorden und die Sammelablässe. Diese kamen um 1280 auf und wurden von verschiedenen Spendern, von denen jeder 40 Tage Ablass versprach, für bestimmte Kirchen erteilt. Als Beispiel zeigt das Buch eine gesiegelte Urkunde, die 18 Kardinäle in Rom für eine Kapelle in der Diözese Salzburg ausstellten.

Das Ablasswesen hat alle Bereiche der spätmittelalterlichen Frömmigkeit durchdrungen und den Menschen im Diesseits eng mit dem Jenseits verbunden. Die Praktiken sind nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Daher stellt die Historikerin das Ablasswesen in den Kontext der (Kirchen-)geschichte. Eingehend erläutert sie die Rolle der Pfarren, Bruderschaften, Wallfahrten, Frömmigkeit im Alltag, Heiligen- und Reliquienkult, Marienverehrung und Rosenkranz. Sie referiert über Fälschungen und kriminelle Almosensammler, nach dem Motto "Mundus vult decipi, ergo decipiatur - Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden." Ein großes Kapitel ist den Kreuzzugsablässen und römischen Jubeljahren gewidmet. Im 16. Jahrhundert lieferte ein aus dem Ruder gelaufenes Ablasswesen eine der Ursachen für die Reformation und überdauerte dennoch in der katholischen Kirche bis in die Gegenwart.