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Lydia Maria Arantes: Verstrickungen #

Bild 'Arantes'

Lydia Maria Arantes: Verstrickungen. Kulturanthropologische Perspektiven auf Stricken und Handarbeit. Panama Verlag Berlin 2017. 350 S., ill., € 30,90

Der Titel ist mehrdeutig, der Inhalt dementsprechend vielschichtig. In erster Linie geht es im wahrsten Sinn des Wortes um die Handarbeitstechnik des Strickens aus kulturanthropologischer Perspektive. Doch "Verstrickungen" finden sich allenthalben, mehr oder weniger bewusst: Menschen sind in Geschichte und Geschichten verstrickt. Strickarbeiten können als Schnittstellen zwischen Menschen, Biografien und Generationen fungieren.

Lydia Maria Arantes promovierte mit dieser Arbeit in Europäischer Ethnologie / Kulturanthropologie an der Universität Graz und hält nun Vorlesungen in Wien, Graz, London und Aberdeen zu ihren Forschungsfeldern: textile Handwerkstechniken, material culture studies, sensory ethnography / anthropology, Ethnomathematik, reflexive Ethnografie und Ethnopsychoanalyse. Bis ihr Forschungsfeld im Fach ernst genommen wurde, musste sie viel Überzeugungsarbeit leisten. Ihr Zugang war ein sehr persönlicher: "Zum einen bin ich handarbeitend aufgewachsen, zum anderen bin ich wie die meisten stickenden Menschen selbst eine Frau und Mutter." Sie wählte also ein "schönes, friedliches Forschungsfeld", weit ab von den sonst im Vielnamenfach Europäische Ethnologie / Empirische Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie gängigen Themen, wie Erforschung prekärer Existenzen, Sicherheitsdiskurse oder soziale Randgruppen. Dabei näherte sich die Forscherin ihrem Feld keineswegs naiv (wie man bei dieser Thematik unterstellen könnte), sondern besonders reflexiv. In ihren Forschungstagebüchern nehmen ihre Befindlichkeiten und Emotionen breiten Raum ein, und sie war Mitglied einer ethnopsychoanalytischen Deutungsgruppe.

Stricken galt im Habsburgerreich bis ins 18. Jahrhundert als eine zünftige Tätigkeit, professionelle Ausübung durch Frauen war daher kaum vorhanden. Mit fortschreitender Industrialisierung verlagerte sich das (laienhafte) Handstricken in den weiblichen Bereich. Bürgerliche Töchter, die nur darauf warteten, geheiratet zu werden, frönten der "Strickwuth" als "Zeitverschwendung". Dass man ihnen dünne, weiße Garne gab, die zu "Monstrositäten bar jeder Zweckdienlichkeit" verarbeitet werden mussten, diente, so Arantes, zugleich der Schulung von Geduld, Genauigkeit und Sauberkeit - alles Tugenden der bürgerlichen Hausfrau und Mutter. Die "Herzensgaben" oder "Liebesarbeiten" wurden dann meist verschenkt. Andererseits konnte der (heimliche) Verkauf - das Nadelgeld - in diesen Kreisen das Familieneinkommen in gesellschaftlich akzeptierter Form aufbessern. Davon zu unterscheiden waren die Handarbeiten, die im Verlagssystem von ärmeren Bauern und ArbeiterInnen zu Hungerlöhnen produziert wurden. Wer heute sein Handgestricktes im Internet verkaufen will, findet eigene Plattformen. Dabei geht es auch um Trends und Ideologien, wie natürliche Materialien oder Nachhaltigkeit. Kaum jemand kann davon leben, außer die Betreiber und zwei clevere Burschen, die es mit ihrem Mützenhäkelbuch samt Webshop schaffen, Einnahmen zu lukrieren und den Anschein "richtiger Arbeit" zu erwecken.

Die im Buch zitierten Interviewpartnerinnen sehen ihre Tätigkeit zumeist anders, sie wollen ihre Familienangehörigen mit geschenkten Kleidungsstücken liebevoll "einstricken". Dafür erwarten sie "nur" Anerkennung. Bleibt diese aus, ist ihnen jemand unsympathisch, oder will jemand einen Pullover nach eigenen Angaben bestellen, so bekommen diese Personen nichts. Auch diesen familiären, emotionalen Verstrickungen ist die Autorin auf den Grund gegangen, und war manchmal selbst von den Erkenntnissen überrascht. Im Vordergrund scheint bei den befragten Frauen in Graz und Vorarlberg die Freude zu stehen, etwas Individuelles, als kreativ und schön Empfundenes für jemand Bestimmten herzustellen. Das können Decken für Babys sein, die noch nicht einmal auf der Welt sind, oder die alle Jahre wieder zu Weihnachten obligatorisch verschenkten Socken.

Wenn auch das legendäre strickende Großmütterchen zur Märchenfigur geworden ist, bleibt doch Stricken nach wie vor beliebt. Von einer "Renaissance" will Lydia Maria Arantes lieber nicht sprechen. Handarbeit sei nie verschwunden, nur werde sie in letzter Zeit öffentlich beachtet. Man erinnert sich an die demonstrativ strickenden Kommilitonen und -innen in den 1970er Jahren an den Universitäten, junge Männer, die in der Straßenbahn ihre Wollhauben nadeln oder bunt eingestrickte Verkehrszeichen und Parkbänke.

Die Autorin findet viele Gründe für die alt-neue Beliebtheit des Handarbeitens, Do it yourself-Trend, Verweigerung der globalisiert-kapitalistischen Wirtschaft, Wunsch nach Authentischem, Natur- und Umweltschutz zählen dazu. Seit 1987 können sich Buben und Mädchen aussuchen, ob sie den technischen oder textilen Werkerziehungsunterricht besuchen wollen. Die Kulturanthropologin kommt zu dem Schluss, dass die verstärkte Betonung von Handarbeit und ihren diversen Bedeutungsdimensionen auf großmaßstäbliche Transformationen der Arbeitsverhältnisse verweist. Die Nischen, die sich dabei öffnen, werden im Sinne der Zeit mit digitalem Inhalt gefüllt, wie im Rahmen von Online-Marktplätzen, bei denen Handarbeit als attraktiver Nebenerwerb erscheint.