unbekannter Gast

Herbert Bichl: Währing - Von der Sommerfrische zum Wohnbezirk#

Bild 'Bichl'

Herbert Bichl: Währing - Von der Sommerfrische zum Wohnbezirk. Ein Porträt des 18. Wiener Gemeindebezirks. Kral Verlag Berndorf 2017. 160 S., ill., € 26,90

Der 18.Wiener Gemeindebezirk besteht aus den ehemaligen Vororten Währing, Weinhaus, Gersthof und Pötzleinsdorf. Die Seehöhe reicht von 189 m beim Amtshaus bis zum Schafberg mit 390 m. Währing umfasst 630 Hektar, davon 190 Hektar Grünflächen, zählt 3600 Bäume und 55 Straßenalleen. Seit 2015 ist auch das Bezirksparlament Grün. 50.200 Einwohner mit einem Durchschnittalter von 41,4 Jahren wissen den begehrten Wohnbezirk zu schätzen.

Das neue Währing-Buch enthält ein wenig Statistik, eine Zeittafel von 1112 (erste urkundliche Erwähnung von Pötzleinsdorf) bis 2016 (Einführung der Parkraumbewirtschaftung), rund ein Dutzend Themenspaziergänge, einige Sonderthemen und einen fast ebenso starken Bild- wie Textteil. Viele Fotos stammen vom Autor, der langjähriger Präsident des Museumsvereins war. Trotzdem verzichtet er weitgehend auf historische Aufnahmen aus dessen Fundus.

Der erste Spaziergang führt entlang der Währinger Straße, beginnend beim "Haupteingang", der monumentalen Stadtbahnbrücke Otto Wagners. " Von A - wie Apotheke - bis Z - wie Zubehörladen. … Alles, was Ihr Herz begeht, finden Sie hier" , lobt der Autor den Bezirk, " Wo gibt's das sonst noch in Wien?" Nicht mehr gibt es die traditionsreiche Gaststätte "Wilder Mann" auf Nr. 85, das überlebensgroße Hauszeichen und die Schrift an der Fassade erinnern daran. Die Pfarrkirche St. Gertrud mit dem nahen Kutschkermarkt ist ein Zentrum des Bezirks, unweit des Amtshauses Ecke Martinstraße, das kurz vor der Eingemeindung in den 1890er Jahren mit einem 24 m hohen Turm als Währinger Rathaus errichtet wurde. Schubertpark und Aumannplatz leiten zum zweiten Thema - Park- und Sportanlagen - über. In ganz Wien bekannt ist der seit 1888 bestehende Türkenschanzpark mit seinen wertvollen alten Bäumen und zahlreichen Denkmälern. Währinger und Schubertpark entstanden durch die Umwidmung von Friedhöfen. Der 354.000 m² große Landschaftspark beim Pötzleinsdorfer Schloss enthält unter anderem zwei Mammutbäume. Im idyllischen, hügeligen Pötzleinsdorf entstand der älteste Wiener Skiverein, der 1896 das erste internationale Skirennen abhielt.

"Wohnen in Währing" zeigt den Wandel am deutlichsten. Im 18. und 19. Jahrhundert dominierten Adelssitze, wie Czartoryski, Gentz, Geymüller, und Dorfhäuser die als Sommerfrische beliebten Vororte. Ein bürgerlicher Schwerpunkt entstand nach den Ideen des Architekten Heinrich Ferstel im Cottageviertel (dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist). 1923 begann die Gemeinde Wien im Bezirk ihr Wohnbauprogramm umzusetzen. Markante Anlagen aus der Frühzeit des Roten Wien sind der Lindenhof im ehemaligen Czartoryskipark und der Rudolf-Sigmund-Hof in der Gersthofer Straße.

Währing ist reich an religiösen und Bildungseinrichtungen. Fünf Katholische Pfarren, die zudem einige Kapellen betreuen, zwei evangelische Kirchen und das evangelische Zentrum, islamische Gebetsräume und der Währinger Jüdische Friedhof sind hier zu finden. "Interessant ist, dass der 18. Wiener Gemeindebezirk die höchste Schuldichte von Europa aufweist" , schreibt Herbert Bichl. Dazu kommen die Universität für Bodenkultur, die Universitätssternwarte und das Weiterbildungsinstitut der Wirtschaftskammer (Wifi). Nicht zuletzt sind die Bildungseinrichtungen wichtige Arbeitgeber. Wenngleich Firmen in Handel, Gewerbe und Dienstlesitung Arbeitsplätze bieten, stimmt doch der Abschnitt über ehemalige Betriebe nostalgisch. Österreichweit bekannte Firmen bestanden im 18. Bezirk, wie die Ofenfabriken Swoboda und Meller, Waffelfabrik Auer, Molkerei Partik, Bierbrauerei Dreher-Schwarz oder die Firma Karl Schmoll, die Schuhpasta, Pferde-Eiweißkraftmittel und Kunststeinplatten herstellte.

"Was man sonst noch über Währing wissen sollte…" ist eine ganze Menge. Der Autor hat viele Informationen über so unterschiedliche Themen wie Kleindenkmäler, Botschaften, Sozialeinrichtungen, Freizeitvereine, Gaststätten, Künstler, namhafte BewohnerInnen und Museen zusammengetragen. In diesem Zusammenhang hat das Druckfehlerteufelchen etwas zum Grinsen. Bei der Geschichte der "Milchfrau in Ottakring", einem Bestseller der 1930er Jahre, den die russische Adelige Alexandra Djurjagina unter dem Pseudonym Alja Rachmanowa verfasste, blieb lange unklar, wo dieses Geschäft war. Der damalige Leiter des Bezirksmuseums Ottakring, Robert Medek, fand heraus, dass es sich nicht im 16., sondern im 18. Bezirk (Hildebrandtgasse 16) befand. Zur Recherche motiviert hatte ihn der bekannte Autor Dietmar Grieser. Wenn sich dieser auch humorvoll auf seine Spurensuche begibt, ist er doch kein "Dietmar Grinser". Gar nicht zum Lachen ist schließlich der 2017 erzwungene Umzug des engagiert geführten Bezirksmuseums, dem nach der Schließung nur mehr die Hälfte der Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen wird. Diese bedauerliche Entwicklung fiel nicht mehr in die Ära des Präsidenten Herbert Bichl und wird sich erst nach Erscheinen seines Buches auswirken. So kann man die Geschichte des 1948 wieder gegründeten Heimat- und Alltagsmuseum zumindest nachlesen und Fotos der Highlights - Holzskulptur um 1520 und "Küche um 1900" - betrachten.