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Eckhard Bieger: Feste und Brauchtum im Kirchenjahr#

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Eckhard Bieger SJ: Feste und Brauchtum im Kirchenjahr. Entstehung, Bedeutung und Traditionen. St. Benno Verlag Leipzig, 144 S., ill., € 19,95

Eckhard Bieger ist Medienprofi und Jesuit. In den vergangenen Jahrhunderten haben immer wieder Angehörige seines Ordens Bräuche im Kirchenjahr wesentlich beeinflusst und Traditionen geschaffen. Kirchenkrippen, Krippenspiele und -lieder, Kreuzweg und Kalvarienberg wären ohne die Gesellschaft Jesu nicht populär geworden. Stets verstanden sich die Patres auf einprägsame, kluge Erklärungen. Pater Bieger führt diese Tradition aufs Beste fort.

Der Autor eobachtete, "dass die katholische Kirche über große spirituelle Schätze verfügt, 2000 Jahre Liturgie feiert und theologisch viel zu sagen hat – es aber irgendwie nicht bei den Menschen ankommt." Er war zwei Jahrzehnte hindurch beim ZDF für die Gottesdienstübertragungen zuständig, hat Kursprogramme für Medien und Kommunikation entwickelt, ist im Internet aktiv und lehrt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main. Obwohl sein Standardwerk "Das Kirchenjahr zum Nachschlagen" erstmals vor mehr als 30 Jahren erschienen ist, bleibt es bis heute eine unverzichtbare Arbeitshilfe für Journalisten. "Ich habe die Kirche meist aus der Perspektive der Medien betrachtet und mich oft gefragt, warum die Sprache der Theologieprofessoren und Pfarrer zu einer Binnensprache geworden ist, " meinte er einmal im Internet - und schuf Abhilfe. Das "Kirchenjahr zum Nachschlagen" hat inzwischen mehrere Auflagen erlebt und ist bei weitem nicht das einzige Buch des produktiven Autors geblieben.

Im vorliegenden, das neben fundierten Texten über sorgfältig ausgewählte historische und sympathische, aktuelle Bilder verfügt, geht es um "Feste und Brauchtum im Kirchenjahr - Entstehung, Bedeutung und Traditionen". Dass zur Thematik Kirche und Bräuche Erklärungsbedarf besteht, zeigte erst kürzlich ein doppelseitiger Artikel in Österreichs größtem Nachrichtenmagazin, übertitelt "Was gibt es da zu feiern?". Ein kreativer Mix aus Interviews mit Fachleuten, eigenen Interpretationen und einem seriösen Literaturtipp wollte die "wahre Bedeutung" einiger Feiertage erläutern.

Pater Eckhard Bieger SJ legt den Schwerpunkt auf theologischen Erklärungen. Brauchtum müsse gepflegt werden, meint der Autor: "Die Beschreibung des Brauchtums zu den einzelnen Festen soll der Pflege dienen. Brauchtum muss auch in vielen Fällen erklärt werden. Damit kann die sinnvolle Gestaltung unterstützt werden. Wenn es nicht verstanden wird, kann es leicht zum bloßen Effekt werden und verschwindet dann bald." Ziel des Buches sei "Das Brauchtum verstehen". Dass "die frühere Volkskunde in ihm alte germanische Mythen wiederentdecken wollte" kritisiert der Autor hier zu Recht. Umso befremdlicher erscheint die Verwendung des Leitvokabels "Brauchtum" (ein Unwort in der neueren Volkskunde) und der häufige Rekurs auf Erklärungen durch "Dämonenglaube" oder "böse Geister".

Sieht man davon ab, kann man hier wirklich viel lernen, vor allem auf bibelexegetischem Gebiet. Bekanntlich beginnt das Kirchenjahr nicht am 1. Jänner, sondern mit dem Advent und so sind diesem die ersten Beiträge gewidmet: Advent, Barbara, Nikolaus, Maria Empfängnis, Lucia, Weihnachten, Heiligenfeste in der Weihnachtswoche, Hochfest der Gottesmutter Maria, Erscheinung des Herrn. Österreich ist mit der Innovation des Friedenslichtes aus Bethlehem vertreten, das 1986 vom ORF-Landesstudio Oberösterreich erfunden wurde,.

Dem, naturgemäß recht umfangreichen, Abschnitt folgen einige Feste im Jahreskreis bis zum Aschermittwoch. Immer wieder finden sich auch hier neue Bräuche, wie die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Jänner, oder der Valentinstag im Februar und im Zusammenhang damit die "Liebesschlösser". Sehr interessant sind die Bemerkungen über Karneval und Fastnacht. Man kann nicht oft genug betonen, dass die mittelalterliche Kirche das Faschingstreiben als Gegenwelt zur Fastenzeit konzipiert hat.

Ostern, das zentrale Fest der Christenheit, wird mit seiner 40-tägigen Vorbereitungszeit ausführlich referiert. Hier liefert das Neue Testament reichlich Bibelstellen, und es ist hilfreich, sie gleich im Original nachlesen zu können, wie Mt 21, 8-9 zum Palmsonntag. Auch Texte aus dem Alten Testament zur Deutung des Todes Jesu helfen viel zum Verständnis von Ostern. Die Elemente des jüdischen Passahmahles in christlichen Gottesdiensten und die Abfolge der Osternachtsfeier wird man selten in einem Buch über Bräuche so genau kennenlernen können. Fast provokant klingt die Frage "Ostern - eine Erfindung der Jünger Jesu?" Die Antwort des Priesters folgt einige Seiten später: "Die österlichen Erscheinungen Jesu sind religiöse Erfahrungen … Sie sind uns nicht beweisbar, sondern nur bezeugbar. … Hat man sich einmal von der Vorstellung bereit, die Osterberichte empirisch zu verifizieren, und gelernt, sie als Zeugnisse zu lesen, entfalten die Berichte eine eigene Dynamik." Neben theologischen Überlegungen bringt der Autor die Beschreibung einer Reihe allgemein bekannter und spezifisch regionaler Bräuche. Dazu zählen etwa die geschmückten Osterbrunnen in der Fränkischen Schweiz, deren Orte um die schönsten Dekorationen wetteifern. In der sächsischen Oberlausitz sind die "Osterreiter" mit Kirchenfahnen hoch zu Ross auf fünf Routen unterwegs. Pfingsten beschließt die Osterzeit und auch an diesem Fest gibt es Umritte und werden die Reiter mit ihren Tieren gesegnet.

Die Feste bis Christkönig bilden das letzte Kapitel: Mit Wallfahrten, Fronleichnam, Herz-Jesu-Verehrung - "ab dem 16. Jahrhundert … vor allem von den Jesuiten als Volksandacht gefördert" -, Heiligenfesten wie Johannes der Täufer, Peter und Paul im Juni, Maria Himmelfahrt mit der Kräuterweihe, Schutzengelfest, Erntedank, Kirtagen und Totengedenken schließt sich langsam der Jahreskreis.