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Jochen Bonz, Katharina Eisch-Angus, Marion Hamm, Almut Sülzle (Hrsg.): Ethnografie und Deutung #

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Jochen Bonz, Katharina Eisch-Angus, Marion Hamm, Almut Sülzle (Hrsg.): Ethnografie und Deutung. Gruppensupervision als Methode reflexiven Forschens. Springer Verlag Wiesbaden 2017. 450 S., € 51,39

Der umfassende, interdisziplinär verfasste Sammelband bietet eine Einführung in die Methoden, Methodenreflexion und Supervision der ethnografischen Feldforschung. Mit dieser Technik erkunden VertreterInnen der Ethnologie und des Vielnamenfachs Volkskunde / Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Empirische Kulturwissenschaft den Alltag anderer Menschen. Der Forschungsprozess ist überaus komplex und liefert vielschichtige Daten. Schon die Auswahl der Themen zeichnet sich durch große Bandbreite aus. Es geht etwa um Stricken, Frauenfußball, Dorfleben, Containerschifffahrt, Patenschaften, Migration oder Fanclubs.

Schon 1981 hatte der Berliner Stadtethnologe Rolf Lindner von der "Angst des Forschers vor dem Feld" geschrieben und "Überlegungen zur teilnehmenden Beobachtung im Interaktionsprozess" angestellt. Utz Jeggle formulierte 1996/97 zehn Thesen zur Feldforschung. Utz Jeggle (1941-2009) gilt als einer der anregendsten Vertreter der aus der Volkskunde entwickelten Empirischen Kulturwissenschaft (EKW), die er am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut prägte. Demnach sollten sich die Studierenden mit Leib und Seele in den Feldforschungsprozess einbringen, was zu Angst und Aggression führen kann. Der vorliegende Band bezieht sich mehrfach auf seine Thesen.

Inzwischen wird die ethnografische Gruppensupervision an mehreren österreichischen und deutschen Universitäten praktiziert. In Graz, Innsbruck, Tübingen, Bremen und Berlin sind "Deutungswerkstätten" entstanden. Sie wollen mit Hilfe der Ethnopsychoanalyse Klarheit über unbewusste Emotionen - der Forscher und der Interviewten - schaffen. Bei der Ethnopsychoanalyse ergänzen sich Psychoanalyse und Ethnologie. Sie entwickelte sich aus der Kritik am Objektivitätsideal der Sozialwissenschaften und geht letztlich auf Sigmund Freuds "Totem und Tabu" zurück.

"Die Ethnographische Feldforschungssupervision kreist um eine Leerstelle in der Lehre, nämlich um den Vorgang der reflektierenden Interpretation, der zwischen Feldforschung, Auswertung und Ausformulierung von Ergebnissen liegt, " schreiben die Herausgeber. Sie stellen fest, dass im akademischen Milieu "eine wissenschaftliche Praxis, die das Subjekt des Forschens als Erkenntnisinstrument thematisiert und reflektiert grundsätzlich einen schweren Stand" habe. "Das sind keine wissenschaftlichen Gespräche, was hier läuft", übertitelt Maya Nadig ihren Beitrag. Die Bremer Ethnologin entwickelte die Methode der Ethnopsychoanalytischen Deutungswerkstatt. Dass man dabei "an der Wahrnehmung vorbei assoziieren" kann, erlebte der Würzburger Pädagoge Sebastian Kester-Joosten in irritierender Weise. Trotzdem lernte er die Deutungen der Gruppe als "alternative Verständnismöglichkeiten" zu schätzen.

In den Supervisionsgruppen, in denen sich rund ein Dutzend Forschende treffen, erhalten diese einen Text - Feldforschungsnotizen, Tagebuchauszüge, Transkripte - den eine/r von ihnen zur Verfügung stellt und die eigenen und fremden Emotionen bei der Forschung kommentiert. In der Sitzung geben die Gruppenmitglieder ihre Assoziationen, Eindrücke, Gefühle und Phantasien wieder, während der Textgeber nur stumm zuhört. Am Ende der Stunde steht die gemeinsame Auswertung des Gruppengeschehens und der beobachteten Spiegelungen. "In den Reaktionen auf den Text, die in der Gruppe zusammengetragen werden, lassen sich häufig zentrale Strukturen, Wirkungsweisen und Emotionen aus dem Feld nachvollziehen", schreibt die Berliner Pädagogin und Herausgeberin Almut Sülzle. Ihr Beitrag "Kritik des reinen Gefühls. Feldforschungssupervision als Methode zur Erforschung mit und über Emotionen" findet sich im ersten Teil des Bandes. Dieser ist mit "Methodologisches: Reflexive Subjektivität in der ethnographischen Feldforschung" übertitelt. Hier werden erkenntnistheoretische Überlegungen angestellt. Der zweite Teil "Zur Methodenpraxis der Feldforschungssupervision" berichtet über "Erfahrungen und Ergebnisse". Im dritten Teil, "Kontexte und Ausblicke supervidierter ethnografischer Interpretationsgruppen" schließt der Beitrag der Grazer Volkskunde-Professorin Katharina Eisch-Angus den Kreis zu Utz Jeggles zehn Thesen.

Das umfangreiche Werk "Ethnographie und Deutung" vereint zwei Dutzend Tagungsreferate und bisher schwer zugängliche Artikel. Die HerausgeberInnen möchten eine "im mehrfachen Wortsinn gründliche Darstellung anbieten: Das Grundlegende der Methode soll ebenso greifbar werden wie auch die Details, die den Beiträgerinnen und Beiträgern wichtig erscheinen. Auf diese Weise versuchen wir ein Grundlagenwerk vorzulegen, das zur Anwendung der Methode ermutigt, indem es zu einer realistischen Einschätzung ihrer Möglichkeiten beiträgt. Die Diskussion der Methode hat gerade erst begonnen und kann auf der Grundlage unseres Buches fundiert und intensiviert geführt werden."