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Reinhard M. Czar - Gabriela Timischl: Unbekanntes Graz#

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Reinhard M. Czar -Gabriela Timischl: Unbekanntes Graz. Styria Verlag Graz 2017. 176 S., ill., € 19.90

Jesus, der wie ein Athlet vom Kreuz springt, Sigmund Freuds Handschrift als Sgraffito, ein ägyptisches Tor, ein Aussichtsturm als Signalgeber für die Weltraumforschung, ein Steinelefant aus der "neuen Welt". Die Collage mit diesen fünf Attraktionen au dem Umschlag gibt einen Vorgeschmack auf das "unbekannte Graz". Nicht unbekannt ist dort das Autorenduo, das in 80 Kapiteln Wissenswertes und Skurriles über seine Geburtsstadt erzählt. Die Journalisten Reinhard M. Czar und Gabriela Timischl haben bei Styria schon das "Buch der steirischen Rekorde" und "50 Dinge, die ein Steirer getan haben muss" herausgebracht.

Vor genau 20 Jahren ist im selben Verlag (damals Pichler, Edition Austria) das Buch von Wolfgang Bahr "Unsere Stadt. 25 unbekannte Wege durch Graz" erschienen. Der Vergleich der beiden macht deutlich, wie unterschiedlich man sich dem selben Thema nähern kann, auf exakt recherchierten Routen, feinsinnig und doch humorvoll - oder mit plakativ-witziger Auswahl und Kommentierung einzelner Punkte. Manche Sehenswürdigkeiten finden sich in beiden Büchern, andere sind neu dazugekommen oder fehlen. Selbstverständlich kann niemand "alles" beschreiben. Doch dass das ältere Buch nicht einmal Eingang in das knappe Literaturverzeichnis des neueren fand, ist schon schade.

Die zweitgrößte Stadt Österreichs samt ihrer näheren Umgebung hat eine Menge Erstaunliches, (Ver-) wunderliches und Überraschendes zu bieten. Die Hauptstadt der grünen Mark erstreckt sie sich über 127 km², 40 % davon sind Grünflächen. Rund 315.500 Menschen leben in Graz, Tendenz steigend. Ein frühes Zeugnis der Besiedlung ist jenes römische Grab aus dem 2. Jahrhundert, das man konserviert beim Schloss St. Martin besichtigen kann. Im Stadtzentrum stießen Archäologen bei der Neugestaltung des Hauptplatzes auf zahlreiche mittelalterliche Relikte. Noch viel weiter zurück reicht die Geschichte des Reinerhofs auf dem Schlossbergplatz. Dort brachten Ausgrabungen Funde aus der Bronzezeit zu Tage. Mit seiner erstmaligen Erwähnung anno 1164 gilt der Reinerhof als ältestes urkundlich nachweisbares Gebäude von Graz. Die gotische Halle steht jungen Künstlern für Ausstellungen zur Verfügung.

Moderne Kunst und alte Stadt - dafür ist Graz berühmt. Auch wenn das Mit- und Nebeneinander nicht immer konfliktfrei begann. Zu den umstrittenen Kunstwerken zählte die Plastik "Lady Liberty", die 1992 zum 500-Jahr-Jubiläum der Entdeckung Amerikas vor der Oper Platz fand, temporär, wie es damals hieß. Inzwischen ist die Metallskulptur zu einem "Grazer Klassiker" geworden. Freundlicher begegnete das Publikum dem "unbekannten Ritter", der 2011 als Teil eines Kunstprojekts auf dem Dach des Landeszeughauses platziert wurde. Er sollte zwei Jahre auf der weltgrößten historischen Waffenkammer bleiben, und befindet sich auch noch immer dort. Das Buch beschränkt sich nicht auf alte und moderne Kunst. "Wir wollen Graz nicht als Museumsstadt zeigen, in der alles sakrosankt und unberührbar den hehren Hauch der Geschichte verströmt", schreiben die Autoren in ihrer lockeren Art. Sie wünschen den Lesern "viel Spaß", der beim Entdecken von Citybeach, Jakomini-Laufbahn oder Brötchenbus garantiert erscheint.

Die Rundreise in Wort und Bild erstreckt sich über alle 17 Grazer Bezirke, garniert mit einer Reihe kurioser Geschichten und Gschichterln aus der Stadt an der Mur. So erfährt man etwa vom Besuch des Reisenden Kyselak anno 1825. Bekanntlich brachte der k. k. Beamte an den besuchten Stätten sein Monogramm an, meist an unzugänglichen Stellen wie Felsen. Nach Graz kam er auf dem Wasserweg mit einem Floß, und es scheint ihm hier behagt zu haben. Nur die mit Kieselsteinen ("Murnockerl") gepflasterten Straßen gefielen ihm nicht. Das Gehen darauf " sei so ermüdend, dass man sich nach einem Stadtspaziergang fühlte, als sei man vom weit entfernten Schöckl heruntergewandert." Dieser "falsche Hausberg" befindet sich außerhalb des Stadtgebiets und wird, vor allem an sonnigen Herbsttagen, von der Grazer Bevölkerung als Ausflugsziel hoch geschätzt. Sie finden in und um ihre Stadt noch eine ganze Reihe weiterer Erholungsorte. Beispielsweise den Augarten als "Prater von Graz". 1895 kaufte die städtische Sparkasse das Areal, um es vor der geplanten Verbauung zu bewahren und den Bewohnern als Park zur Verfügung zu stellen. Ein Jahrzehnt später wiederholte das Geldinstitut seine soziale Tat im Leechwald, der durch den Hilmteich, eine Aussichtswarte und ein Schweizerhaus bekannt ist.

Graz ist auch "das größte Bauerndorf" des Bundeslandes. Auf fast 10.000 Hektar arbeiten 356 landwirtschaftliche Betriebe, mehr als in den klassischen steirischen Bauerngemeinden. Urban Gardening liegt ebenfalls im Trend, u. a. beim Plabutschtunnel. Dort befindet sich auch der Zugang zu einem ehemaligen Luftschutzstollen. Die Autoren sparen also dunkle Stätten der Erinnerung nicht aus, doch überwiegt das Erfreuliche, Originelle. Am Ende jedes Kapitels findet man Angaben zum Auffinden des Beschriebenen. Allerdings würde ein Plan das "Nachspüren" erleichtern. Viele Fotos machen Lust darauf. Man sieht, hier sind p.r.-Profis am Werk, die ihre Stadt mögen.