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János Kalmár und Andreas Lehne: Über den Dächern von Wien#

Bild 'Kalmar'

János Kalmár und Andreas Lehne: Über den Dächern von Wien. Edition Winkler-Hermaden Schleinbach 2017. 128 S., ill., € 29,90

Der vorliegende Band ist ein Bilderbuch vom alten - und vom neuen - Wien at its best. Der Fotograf János Kalmár bietet Perspektiven, die dem gewöhnlich Sterblichen meist verschlossen bleiben. Für den einleitenden Essay und die informativen Texte zeichnet Andreas Lehne verantwortlich. Man merkt, hier sind erste Fachleute am Werk. János Kalmár hat kulturhistorische Themen, Landschafts- und Stadtportraits zu Schwerpunkten seiner Arbeit gemacht. Andreas Lehne war jahrzehntelang in leitender Funktion im Bundesdenkmalamt, ist als Lehrbeauftragter und Autor tätig.

"Oben" ist positiv besetzt, oben ist der Himmel, oben standen und stehen Burgen, Schlösser und Villen der "oberen Zehntausend". Von oben eröffnen sich Blicke auf Zusammenhänge, auf das Ganze der (Stadt-)Landschaft. 1839 schrieb Franz Grillparzer: "Hast du vom Kahlenberg dir rings das Land besehn, so wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn." 70 Jahre später ließ Ludwig Gruber im Lied "Mei Muatterl war a Weanerin" diese von dort aus im Kind die Liebe zur Stadt wecken.

Das Buch ist frei von Sentimentalität, auch wenn sich das Stadtbild nicht zum Besseren verändert hat. Es genügt ein kurzer Vergleich mit Graz, wo man erlebt, " wie ästhetisch reizvoll der Blick über die einigermaßen homogen gedeckten Dächer einer Altstadt sein kann." Wien hat diesen Reiz eingebüßt. Hier fördert die Stadtverwaltung das "Draufsetzen" (so der Titel einer Ausstellung über Dachausbauten). Dem Zauberer mit der Kamera sind trotzdem "privilegierte Blicke" von oben gelungen. "So rücken sie etwa die Autos aus dem Bild, zeigen nicht Baumstämme, sondern Baumkronen, machen die Schatten lang und die Wasseroberflächen spiegelnd hell", schreibt Andreas Lehne.

Er beginnt die Expeditionen im Herzen von Wien, rund um den Stephansdom. Zwar hat das "österreichische Nationaldenkmal "seine Rolle als vertikale Dominante, wie sie Adalbert Stifter beschrieb, eingebüßt. Doch was man von der Turmplattform entdecken kann, ist immer noch beachtlich. Es eröffnet sich ein steinerner Kosmos über den Dächern der Stadt. Das zweite Kapitel widmet sich der Hofburg mit ihren Kuppeln, Dächern und Skulpturen. Teleobjektiv und nächtliche Beleuchtung rücken weit entfernte Objekte zusammen: Neue Burg, Karlskirche, Belvedere und Richtfunkturm im Arsenal. "In der Innenstadt" bietet sich von einem Dachrestaurant ein phantastisches Panorama. Mit dem Rathausmann blickt man über die Höfe des Verwaltungszentrums, zum ehemaligen Militärgeographischen Institut und zur Piaristenkirche in der Josefstadt Die doppelseitigen Breitbandaufnahmen beenden jeweils einen Abschnitt. Jener über die City enthält u. a. faszinierende Fotos der Minoritenkirche, Maria am Gestade, Peterskirche, Graben, Kohlmarkt und Albertina. "An der Ringstraße" ist nicht nur der Historismus - mit Oper, Parlament und Museen - präsent, sondern - mit Wienflussportal und Postsparkasse - auch der Jugendstil.

Dann geht es hinaus in die Vorstädte, zuerst in die östlichen und südlichen. Hier hat sich ein Teil der barocken Parklandschaft erhalten, allen voran das Belvedere. Doch ist der "Canaletto-Blick" über die terrassierte Anlage mit ihren Wasserspielen auf die Stadtlandschaft Wiens durch das Projekt eines Wohnturms bedroht, der in der zentralen Achse errichtet werden soll. Die Impressionen aus den westlichen Vorstädten rücken u. a. Schönbrunn und Otto Wagners Steinhofkirche in den Fokus.

János Kalmár und Andreas Lehne haben die Dachlandschaft nicht nur im historischen innerstädtischen Bereich, sondern auch im modernen Wien jenseits der Donau erkundet. Am Donaukanal und in der Leopoldstadt drängen sich ältere (die Flaktürme im Augarten) und neue Kolosse in die Vertikale. Der Prater mit dem Riesenrad und den bunt beleuchteten Fahrgeschäften erscheint als eine eigene Welt vor der Kulisse der Wienerwaldhügel. In Transdanubien war die in den 1970er Jahren errichtete UNO-City die Initialzündung zur Stadtentwicklung. Brücken und Hochhausbauten kontrastieren mit Weinrieden, und die blaue Donau schimmert silbergrün.

Die Wiener Dachzone präsentiert sich abwechslungsreich: Zwischen Ziegeln, Schornsteinen und Antennen erscheinen die unterschiedlichsten Gebilde. Auf Giebeln, Gesimsen, Balustraden und Dachterrassen sind Löwen, Adler, Hirsche aber auch menschliche Figuren, Portraits historischer Persönlichkeiten, Götterbilder, Allegorien und Personifikationen versammelt. Vor einigen Jahrzehnten erhielten sie Gesellschaft durch leuchtende Neonreklamen. Manche dieser Werbeschriften haben inzwischen fast schon nostalgisches Flair.

Die eindrucksvollen Bilder von János Kalmár zeigen die Landschaft hoch über den Straßen in ihren nach Jahres- und Tageszeit, Wetter und Wolken wechselnden Stimmungen. Sie machen achtsam und neugierig. Andreas Lehne empfiehlt: "Man soll die Stadt und das, was sie an optischen Sensationen zu bieten hat, auch im Alltag nicht übersehen, sondern ganz bewusst genießen. Das bereichert das Leben."